Stuttgart – Winfried Kretschmann (78) ist seit Mai im Ruhestand – doch politisch hält sich der langjährige baden-württembergische Ministerpräsident mit klaren Worten nicht zurück. Besonders aufhorchen lässt seine Einschätzung zur Stärke der AfD. Bei der Landtagswahl im März hatte die Partei in Baden-Württemberg fast 19 Prozent erreicht. Kretschmann sagt dazu: „Ich vermute, 15 Prozent der Bevölkerung sind einfach Nationalisten.“ Doch wo waren diese Menschen vorher? Kretschmanns Antwort: „Nichtwähler, bei anderen Parteien, das weiß ich nicht. Bei uns Grünen sicher am wenigsten.“
Eine entscheidende Rolle spielt für ihn das Thema Migration. Es sei bereits früher ein „Trigger“, also ein Auslöser, gewesen. Wenn Migration in größerem Ausmaß stattfinde, führe das zu Konflikten. Dabei würden laut Kretschmann menschliche, tief verankerte Verhaltensmuster aktiviert. „Wir sind gegenüber Fremdem skeptisch, aber auch neugierig. Wir sind aggressiv, aber auch kooperativ“, sagt er der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Erklärung ist biologisch geprägt. Solche Reaktionen seien tief im Menschen verankert und könnten je nach Situation mobilisiert werden. „Wer diese archaischen Dinge mobilisiert, kann höchst erfolgreich sein.“
Kretschmanns AfD-Rezept
Kretschmann glaubt nicht, dass man alle AfD-Anhänger gleichermaßen erreichen kann. Wer die AfD bekämpfen wolle, müsse sich vor allem auf jene konzentrieren, die bislang nicht AfD gewählt haben, aber mit der Partei sympathisierten. Seine Erfahrung aus 15 Jahren Regierung: Menschen hätten ihn teilweise gerade deshalb gewählt, auch wenn sie keine Grünen-Wähler waren. Was sie überzeugt habe? Kretschmann nennt „gutes Handwerk, das Bestreben, die Gesellschaft zusammenzuhalten, Gelassenheit, Ruhe“.
Sein Fazit für die politische Auseinandersetzung fällt überraschend schlicht aus: „Was hab ich denn in der Demokratie als Politiker zur Verfügung? Letztlich ist es allein das Argument.“ Überhaupt hält er wenig von politischem Theater. Die oft nächtelangen Sitzungen von Regierungen bezeichnet er als „eingeführten Unfug“. Dabei komme selten etwas Vernünftiges heraus: „Am Ende stimmt man einer Sache nur zu, weil man nicht mehr kann.“
Lehren aus Corona
Bei einer neuen Pandemie würde Kretschmann grundsätzlich wieder auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzen. Allerdings räumt er auch Fehler ein. Eine Äußerung gegenüber Studierenden während der Corona-Pandemie bereut er ausdrücklich. Damals hatte er ihnen gesagt: „Jetzt habt euch mal nicht so. Kein Grund, depressiv zu werden.“ Heute sagt er dazu: „Das war daneben.“
Seinen Ruhestand genießt Kretschmann offenbar. Auf die Frage, ob er die aktive Politik vermisse, antwortet er knapp: „Nein. Ich vermisse die aktive Politik nicht.“