Kultur

Es wäre symbolisch richtig, die Szene zu entfernen

Es wäre symbolisch richtig, die Szene zu entfernen

Auf der Bühne steht Wim Wenders, mittlerweile 80, der „letzte der Mohikaner des Neuen Deutschen Films“, wie er sich nennt, es geht ihm gut, seine jüngste Oscar-Nominierung ist gerade zwei Jahre her, sein neuster Film über den Architekten Peter Zumthor beendet, er hat das wunderschöne Debüt von Katharina Rivilis produziert („I’ll Be Gone in June“), er wird mit Ehrungen überhäuft, und jetzt hält er die Lebenswerk-Lola der Filmakademie in den Händen.

Aber er hat etwas auf dem Herzen, etwas Ernstes, das bei solchen Jubelveranstaltungen eigentlich keinen Platz hat, und Wenders redet nicht um den heißen Brei herum. Es geht um den Film „Falsche Bewegung“, den er vor mehr als 50 Jahren gedreht hat: „Es gibt gegen diesen Film ein Aufbegehren“, berichtet er, „dass man eine Szene schneiden möge, eine Szene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski, die mit bloßem Oberkörper gefilmt wurde.“ Kinski fordert das seit einigen Jahren, zunächst diskret, dann zunehmend öffentlich und seit Neuestem mithilfe des Anwalts Christian Schertz, des vielleicht schärfsten der Medienbranche.

„Falsche Bewegung“ ist die Verfilmung eines Peter-Handke-Romans, und der wiederum beruht auf Goethes „Wilhelm Meister“. Ein junger Mann, der Schriftsteller werden möchte, geht auf Reise quer durch Deutschland, um an Menschenkenntnis zu gewinnen, doch bei allen Bekanntschaften scheitert er kläglich, weil sie sich ihm nicht wirklich öffnen. Unter seinen Mitreisenden befindet sich eine junge Artistin namens Mignon, die jongliert und Rad schlägt und stumm ist und ihm vielleicht gerade deshalb am nächsten kommt; eines Nachts besucht er ihr Zimmer, in dem sie nur mit einem Slip bekleidet auf dem Bett liegt, er zieht sich bis auf die Unterhosen aus und legt sich auf sie, sie zieht ihn mit den Armen an sich, doch er entwindet sich, gibt ihr eine Ohrfeige und streichelt das Gesicht. Ende der zweiminütigen Szene, Schnitt.

Der „seriöse“ Film der Siebzigerjahre beschäftigte sich gern mit Kindfrauen. In „Das Mädchen am Ende der Straße“ (1976) erhält eine 13-Jährige (Jodie Foster) sexuelle Avancen von einem jungen Mann (Martin Sheen), in „Pretty Baby“ (1978) lebt eine Zwölfjährige (Brooke Shields) in einem Bordell wie in einer Großfamilie. Zwei Jahre nach Wenders drehte die nun 15-jährige Nastassja Kinski Nacktszenen in dem Tatort „Reifezeugnis“ und im folgenden Jahr „Leidenschaftliche Blümchen“, worin fünf Freundinnen ihre Jungfräulichkeit loszuwerden versuchen.

„Ich bin mit den weiblichen Darstellerinnen ein Spätzünder“, sagt Wenders an diesem Abend mit der Lola in der Hand. „Ich habe als 27-jähriger das Privileg gehabt, mit Senta Berger arbeiten zu dürfen (in „Der scharlachrote Buchstabe“, ein Jahr vor „Bewegung“, d. Red.), und ich habe es versiebt … Ich kannte die Seele einer Frau nicht.“ Er hat dann fast zehn Jahre lang nur mit Männern gedreht und deren Rollenbild infrage gestellt: „Die erste Frauenrolle, bei der ich das Gefühl hatte, ihr etwas gerecht werden zu können, war Nastassja Kinski in ,Paris, Texas‘.“ Nochmals zehn Jahre später, in „In weiter Ferne, so nah!“ haben die beiden zum dritten Mal zusammengearbeitet, Kinski war inzwischen weltbekannt.

Es gab also, lange Zeit, keine Verstimmung zwischen Kinski und Wenders; im Gegenteil, „Paris, Texas“ wird als der schönste Film ihrer Karriere in Erinnerung bleiben. Es gab auch, lange Zeit, keine Forderung nach Entfernung der Szene aus „Falsche Bewegung“. Möglicherweise haben die 2013 erschienenen Erinnerungen ihrer Schwester Pola Kinski an den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater Klaus eine Rolle gespielt, Nastassjas Sicht der Dinge geschärft.

„Andere Sensibilitäten“

Die Szene, sagt Wenders coram publico, „würde ich heute nie mehr so machen. Es gibt andere Sensibilitäten, wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren.“ Dem jungen Mann von vor 50 Jahren will er keinen Vorwurf machen: „Er hat einen Film in seiner Zeit gedreht, und etwas anderes wollte ich nie machen, Filme, die irgendwie den Zeitgeist treffen. Aber die Frage, die sich ergibt, geht euch alle an: Wie geht man mit Filmerbe um? Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, die einer Schauspielerin wehtut?“ Die Antwort kann kein pauschales „Ja“ sein, sonst würde uns ein erklecklicher Teil der Filmgeschichte verlustig gehen.

Wenders hat tatsächlich die Macht, diesen Schnitt zu tun, er besitzt sämtliche Rechte an all seinen Filmen, er könnte den Streamern vorschreiben, welche Version sie zeigen dürfen. Bei Amazon zum Beispiel findet sich momentan die restaurierte Fassung der Wenders-Stiftung, inklusive Nacktszene.

Damit stellt sich allerdings gleich die weitergehende Frage: Was nützt es? Da sind ja noch Zehntausende von DVDs, auf denen die zwei Minuten erhalten bleiben und ohne Mühe ins Netz zurückbefördert werden können. Nichts verschwindet in unserer Zeit mehr endgültig.

Ziemliche Ratlosigkeit

Es handelt sich um keine juristische Frage, selbst wenn sich ein Kniff finden sollte, damit vor Gericht zu ziehen. Der Aspekt der Kunstfreiheit wäre zu debattieren, die gewahrt bleiben muss. Wenders selbst fragt sich, ob man alte Filme überhaupt verändern darf. „Mein Freund Steven Spielberg hat das einmal gemacht, und das ist für mich ein Menetekel gewesen. Er hat in ,E.T.‘ all jene Szenen verändert, in denen die Kinder mit schwer bewaffnetem Militär zu sehen waren.“ Die wurden digital bearbeitet, und die Soldaten tragen jetzt Funkgeräte. Zehn Jahre später, so gibt Wenders Spielberg wieder, sagt der: „Ich kann es mir nicht verzeihen.“

Das ist tatsächlich nicht zu verzeihen. Es war eine kommerzielle Entscheidung, um den Film für jüngere Kinder leichter konsumierbar zu machen, es war eine woke Entscheidung, weil man glaubte, dem Publikum die schreckliche Konjunktion Waffen & Kinder nicht zumuten zu können, so wenig wie den „Negerkönig“ bei Pippi Langstrumpf; man weigert sich, ein Übel mit Namen zu benennen und glaubt, es dadurch aus der Welt zu schaffen.

Nun herrscht tatsächlich ziemliche Ratlosigkeit, wie man mit dem Filmerbe und Elementen darin umgehen soll, die nicht mehr heutigen Empfindlichkeiten entsprechen. Wenn Wenders dafür das Beispiel „E.T.“ heranzieht, ist es allerdings nicht zielführend, weil nicht vergleichbar. Das primäre Problem bei „Falsche Bewegung“ besteht nicht in der Szene selbst – Kinski könnte in dem Film notfalls als 16-Jährige durchgehen –, sondern in seiner Entstehung.

„Falsche Bewegung“ wurde zwischen September und November 1974 gedreht, Kinski im Januar 1961 geboren. Über die fragliche Szene sagt sie im „SZ“-Interview: „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.“ Wenders habe sie nicht beschützt.

Die – ungeklärte – Frage lautet, wer sie hätte beschützen können. Sicher nicht ihr Vater, der lebte mit seiner dritten Frau in Paris und drehte in Italien einen Italowestern nach dem anderen. Auch nicht dessen zweite Frau Brigitte Tocki, Nastassjas leibliche Mutter, seit fünf Jahren von Klaus geschieden und bei den Dreharbeiten nicht präsent. Vielleicht Lisa Kreuzer, Wenders’ damalige Lebensgefährtin, die Nastassja in einer Disco entdeckt hatte und bei „Bewegung“ eine Nebenrolle spielte. Es ist unbekannt, wer außer Handke und Wenders das Drehbuch kannte, kritisierte, absegnete und damit auch die Bettszene. Regeln für Kinderarbeit beim Film existierten damals nicht. Was man allerdings weiß, ist, dass der Neue Deutsche Film weitestgehend eine Männerveranstaltung war.

„Ich bin mit der Frage ziemlich allein, und ich bin auch ratlos“, gesteht Wenders vor der versammelten Filmelite am Berliner Funkturm ein. Es sei ja eine moralische Frage, aber sie beziehe sich eben auch auf unsere Geschichte und wie man mit ihr umgeht: „Es sind Fragen, die uns alle angehen. Angenommen, ich kürze den Film, dann ist das ein Präzedenzfall für jeden, dann ist es bei allen euren Filmen später möglich. Ich möchte das mit euch diskutieren.“

Es ist ein Angebot an die Akademie (nicht jedoch direkt an Nastassja Kinski). „Was sind die größeren Verantwortungen?“, fragt Wenders seine Kollegen rhetorisch, und er meint die gegenüber dem Kunstwerk oder dem Zeitgeist oder dem Filmerbe oder den Beteiligten. Es sind verschiedenste Arten von Verantwortung und keine greift automatisch, von Fall zu Fall eine andere. Im Fall „Falsche Bewegung“ hat es damals an Verantwortung gefehlt, und deshalb muss jemand diese Verantwortung heute schultern. Es wäre symbolisch richtig, wenn Wim Wenders – ohne jegliche Präzedenz – diese zwei Minuten entfernt.

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