Wirtschaft

„Eine Viertelstunde – das mache ich nicht“ – wenn die Bahn Rollstuhlfahrer stehenlässt

„Eine Viertelstunde – das mache ich nicht“ – wenn die Bahn Rollstuhlfahrer stehenlässt

Am 5. Mai protestieren Hunderte Menschen vor dem Roten Rathaus in Berlin, und Frank Cordes schaut immer wieder auf die Uhr. Nicht, weil er ungeduldig wäre, sondern weil er rechnet. Wann müssen er und seine Frau Karin aufbrechen, damit sie den ICE nach Hause bekommen? Karin Cordes-Zabel ist sprach- und körperbehindert und sitzt in einem 200 Kilogramm schweren Elektrorollstuhl. Wie viele andere demonstriert sie am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung für ihre Rechte.

Bahnfahren wird für sie zur logistischen Meisterleistung: frühzeitig zum Bahnhof, einen DB-Mitarbeiter finden, prüfen, ob die Voranmeldung registriert wurde, hoffen, dass die Fahrstühle nicht defekt sind, die Wagenreihung stimmt, der Hublift funktioniert und sie tatsächlich mitgenommen werden. „Aktuell redet eigentlich jeder über Sicherheit und Sauberkeit. Aber über Barrierefreiheit redet keiner“, sagt Frank Cordes.

In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung, geschätzt 1,5 Millionen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie alle haben das Recht, die Bahn zu nutzen, doch spontanes Bahnfahren im Fernverkehr bleibt für sie häufig Wunschdenken.

Tyll-Niklas Reinisch, der Bundesjugendvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen und fährt regelmäßig Bahn. „Sie beansprucht für sich, ein Transportmittel für alle zu sein“, sagt er. „In der Realität klappt das für uns oft nicht reibungslos – es ist immer mit Mehraufwand verbunden. Das ist unser Alltag.“ Kürzlich sei er in Hamburg gestrandet: Der erste Zug hatte Verspätung, er verpasste den Anschluss, und der nächste ICE mit freiem Rollstuhlplatz fuhr erst drei Stunden später. „Die Plätze sind extrem begrenzt.“

Die strukturellen Ursachen dafür sind vielfältig. Pro Zug gibt es zwei bis vier Rollstuhlplätze, die in der Regel Voraussetzung für eine Mitfahrt sind. Doch die ersten Hindernisse entstehen bereits vor dem Betreten des Zuges: Laut Bahn sind derzeit 67 Prozent der Bahnsteige barrierefrei zugänglich – der Rest ist zu hoch oder zu tief. Mobile Ein- und Ausstiegshilfen sollen unterstützen, doch der Service wird nicht an jedem Bahnhof angeboten. Dann gibt es bei der Hälfte aller Fernverkehrszüge interne Hublifte, die notorisch störanfällig sind. Und wenn sie funktionieren, traue sich das Bahnpersonal häufig nicht, sie zu bedienen, wie mehrere Rollstuhlfahrer WELT berichten.

Ein weiteres Problem: Zwar besteht keine Verpflichtung zur Voranmeldung einer Bahnfahrt mit Rollstuhl. Die Bahn empfiehlt jedoch, den Mobilitätsservice am Vortag bis 20 Uhr anzumelden. Nur ist er nicht rund um die Uhr erreichbar. Bastian Arning, Leiter der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten bei der Deutschen Bahn, meint dennoch: „Spontanes Bahnfahren für Reisende im Rollstuhl funktioniert in Deutschland und ist heute möglich. Ich kenne einige, die das regelmäßig tun – und es läuft in 95 Prozent der Fälle sehr gut.“ Gerade bei längeren Reisen sehen Frank Cordes und seine Frau das anders. Sie trauen sich kaum, spontan zu fahren, „denn wir beabsichtigen anzukommen“.

Probleme im Umgang mit dem Personal

Neben technischen Mängeln berichten Betroffene von einem zusätzlichen, schwer messbaren Problem: vermeintlicher Diskriminierung durch das Personal. Die Bahn räumt vereinzelte Probleme ein. „Unsere Kolleginnen und Kollegen setzen sich täglich für unsere Reisenden im Rollstuhl ein und agieren so, wie wir es in Schulungen vermittelt haben“, erklärt Bastian Arning. „Die betriebliche Situation ist jedoch aktuell für unsere Mitarbeitenden herausfordernd. Da kann es leider in wenigen Einzelfällen vorkommen, dass Dinge gesagt werden, die nicht unserer DNA entsprechen.“ Auf Beschwerden reagiere man mit Gesprächen und Nachschulungen.

„In meiner langjährigen Berufspraxis bei der Deutschen Bahn ist mir noch kein Fall untergekommen, wo Mitarbeitende Reisende mit Mobilitätseinschränkungen willentlich diskriminiert haben“, sagt Arning. Hingegen dokumentiert ein Video, das WELT einsah, wie ein Mitarbeiter in Düsseldorf einem Rollstuhlfahrer die Mitfahrt verweigert, weil er sie nicht angemeldet hat – obwohl eine Reservierung keine rechtliche Voraussetzung ist.

Und der SoVD-Jugendvorsitzende Reinisch berichtet von einem Zugchef, der ihm auf die Frage, ob er mitgenommen werden könne, offen sagte: „Das dauert eine Viertelstunde – das mache ich nicht.“ Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, mahnt: „Wenn in der Bahn durchgesagt wird, dass der Zug wegen eines Rollstuhlfahrers länger warten muss, werden die Mitreisenden genervt – und die Schuld wird auf den Rollstuhlfahrer abgewälzt.“

Einen Lichtblick gibt es: Der neue ICE L geht seit Ende 2025 schrittweise in den Betrieb. Durch den stufenlosen Zugang an allen Türen bei Bahnsteigen mit einer Höhe von 76 Zentimetern – der offizielle Standard – können Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe ein- und aussteigen. Für Reinisch „eine echte Erleichterung“: Man sei nicht mehr so abhängig von externer Hilfe. Doch noch fährt der ICE L nicht flächendeckend.

An jenem Demo-Tag in Berlin erlebt Karin Cordes-Zabel am Bahnhof auch ohne ihn, wie es laufen kann. Das Bahnpersonal ist da, der ICE pünktlich, und sie gelangt per Hublift in zwei Minuten hinein. Sie weiß aber: Bei der nächsten Bahnfahrt kann es wieder anders sein.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.

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