Kultur

Die unheimliche Renaissance des Horrorfilms

Die unheimliche Renaissance des Horrorfilms

Auf einer Hochzeit beginnen plötzlich alle Gäste aus Augen, Nasen und Ohren zu bluten. Ein Gesicht wandert als Schleimhaufen über den Asphalt. Einem Liebespaar wachsen Lippen und Arme zusammen. Im Wald schlagen Mörderpuppen zu. Ein Ehepaar schneidet Kindern die Zunge heraus. Eine Frau wird von einem Auto geschwängert und sondert Motoröl aus ihren Körperöffnungen ab. Alle Kinder einer Schulklasse verlassen nachts um 2:17 Uhr mit ausgebreiteten Armen ihre Häuser und verschwinden. Eine Mutter zertrümmert ihrer Tochter das Nasenbein, um sie für den Heiratsmarkt herzurichten. Eine Horde Vampire fällt über ein Trinkgelage her. Eine Gruppe Weißer nimmt Schwarze gefangen, um in deren Körpern ihre Toten wiederzubeleben. Eine Frau verwandelt sich nach der Geburt ihres Kindes langsam in einen Hund. Ein KI-Killer-Roboter zerstört die Familie, die ihn erschaffen hat. Ein Wissenschaftler erzeugt aus Leichenteilen ein Monster, das sich auf einen Rachefeldzug begibt.

All diese Grausamkeiten konnte man in den vergangenen Monaten und Jahren im Kino und im Streaming bestaunen. Der Horror ist zurück. Ein Genre, das selbst immer schon vom Motiv der Wiederkehr, der Auferstehung und der Rückkehr des Vergessenen, Verdrängten und Vergangenen lebt. Nicht nur fallen die zahlreichen Fortsetzungen von Horrorfilmen auf, die derzeit das Lichtspielhauspublikum in Angst und Schrecken versetzen. Sondern das lange als minderwertig abgetane Genre wird langsam auch als preiswürdig anerkannt.

Besonders auffällig war das bei der diesjährigen Oscar-Verleihung im März: Ryan Cooglers Vampir-Horror „Sinners“ erhielt 16 Nominierungen und übertraf damit sogar den bisherigen Rekordhalter „Titanic“. Ausgezeichnet wurde er am Ende viermal. Für ihre Rolle der bösen Hexe im nostalgischen Cozy-Horror „Weapons“ trug die Nebendarstellerin Amy Madigan den Goldjungen nach Hause. Fünf Oscars für Horror, das war vor einigen Jahren noch undenkbar. Jordan Peeles Rassismus-Parabel „Get Out“, die 2018 mit ihrer seltenen Nominierung als bester Film ein Umdenken über cineastischen Schrecken einleitete, war zwar viermal nominiert, erhielt dann aber nur eine Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch. Im vergangenen Jahr durfte sich Coralie Fargeats feministischer Body-Horror „The Substance“ über einen Oscar fürs beste Make-up freuen. Selbst der bislang ausschließlich auf romantische Komödien verpflichtete Frauenheld Hugh Grant debütierte 2024 in der Rolle des Bösewichts im Horror-Kammerspiel „Heretic“.

Der neue Hype liegt womöglich in der Gegenwärtigkeit des Horrors. Kaum ein Genre ist so geeignet, den Finger in die Wunde aktueller Probleme zu legen. Als besonders flexible und anpassungsfähige Gattung bezeichnet die Filmwissenschaftlerin Brigid Cherry den Horrorfilm in ihrem Buch „Horror“. Durch seine Fähigkeit, „Ängste über soziale Umbrüche, natürliche und menschengemachte Katastrophen, Konflikte und Kriege, Kriminalität und Gewalt“ zu thematisieren, werde er nie aus der Mode kommen. Mit anderen Worten: Wer wissen will, was die Menschen einer bestimmten Epoche bewegt, muss ihre Horror-Fantasien studieren.

Eine ähnliche These vertreten die Literaturwissenschaftler Moritz Baßler, Bettina Gruber und Martina Wagner-Egelhaaf, wenn sie Gespenster als „Reflexionsfiguren der Medialität“ bezeichnen. Internet, Künstliche Intelligenz und Streaming hinterlassen ihre unheimlichen Spuren im Gegenwartskino. Das kann so offensichtliche Züge tragen wie im Sci-Fi-Abenteuer „M3GAN“ über eine mit Künstlicher Intelligenz programmierte Puppe, die zum Schutz des ihr anvertrauten Kindes andere Kinder umbringt. Oder so subtil wie im Zombie/Vampir-Sub-Genre à la „28 Years Later“, dessen Metaphern der Ansteckung und Verseuchung nicht nur die Corona-Pandemie, sondern auch die Verbreitung digitaler Systeme adressieren.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch beim Deutschen Buchpreis zuletzt Dorothee Elmigers das Grauen beschwörende Horror-Erzählung „Die Holländerinnen“ ausgezeichnet wurde. Je mehr technische Möglichkeiten der Aufzeichnung wir haben, desto unheimlicher werden Flüchtigkeit und Abwesenheit. „Letztes Jahr haben über 130 Millionen Menschen Roadtrips gemacht“, heißt es im Trailer des Horrorfilms „Passenger“. „15.400 von ihnen wurden nie mehr wiedergesehen.“ Wo sind sie hin?

Explizite Gesellschaftskritik

Doch die neuen Medien sind nicht das Einzige, was der Menschheit heute Kopfzerbrechen bereitet. Zur steigenden Beliebtheit des Schreckens trägt besonders die zunehmende Verbreitung des sogenannten „elevated horrors“ bei. Der gehobene Horror, der explizite Gesellschaftskritik betreibt, geht über voyeuristisch-effekthascherische Exploitation, Folter-Pornografie, Slasher, Gore und Splatter hinaus. Wo „Get Out“ subtilen Alltagsrassismus für ein breites Publikum in nachvollziehbare Angsterfahrungen übersetzte, machen feministische Body-Horror-Filme wie „The Ugly Stepsister“ und „The Substance“ dem Schönheitswahn den Garaus. „Speak No Evil“ verhandelt die Grenzen der Toleranz, „Blink Twice“ sexuellen Missbrauch und „Nightbitch“, „Mother’s Baby“, „Welcome Home Baby“ und „Nightborn“ postnatale Depression. Die Netflix-Serie „Something Very Bad Is Going to Happen“ ebenso wie die Kinofilme „Ready or Not“, „Keeper“ und „Together – Unzertrennlich“ stellen das Konzept der romantischen Ehe und Paarbeziehung infrage.

In eine ähnlich konservatismuskritische Kerbe schlägt Caro Claire Burkes Roman-Bestseller „Yesteryear“ über eine Tradwife, also eine traditionelle Ehefrau, deren perfektes Leben ziemlich unheimlich wirkt. Die Filmrechte wurden vor Erscheinen des Romans verkauft. Diskurse, die vormals nur in Hörsälen der Gender- und Postcolonial-Studies oder in Kreuzberger Lesekreisen stattfanden, erobern jetzt die Leinwand.

Anfang Juni kommen die eher klassisch anmutenden Horrorfilme „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“, „Dolly“ und „Backrooms“ ins Kino: Dunkle Wälder, labyrinthische Flure und abgeschlossene Kellerräume machen darin Freuds Definition des „Unheimlichen“ alle Ehre. Und außerdem ist da noch „Scary Movie 6“: jene Fortsetzung einer Reihe, die gleich ein ganzes Genre parodiert. Der Trailer zeigt eine Szene, in der ein Monster einen Menschen in der U-Bahn absticht. „Mein Gott, er hat sie abgestochen“, ruft eine Beobachterin entsetzt. „Nicht sie“, wendet sich das Opfer mit dem Messer in der Brust an die Zuschauerin. „Meine Pronomen sind they/them.“ Die Parodie scheint jetzt so weit zu sein, den gehobenen Horror mit seinem gesellschaftskritischen Anspruch aufs Korn zu nehmen.

Steuerung von Affekten

Vielleicht erlebt der Horrorfilm aber auch derzeit jene unerwartete Renaissance, weil er es am effektivsten mit der Konkurrenz der auf schnelle Effekte angelegten Kurzvideos in den sozialen Medien aufnehmen kann. Horror ist ein „Genre, das Grusel, Schauer, Schock und Angst bewirken soll“, definiert es das Lexikon der Filmbegriffe. Ein Horrorfilm lässt sich also nicht etwa daran bemessen, ob man etwas lernt, sondern ob man etwas fühlt. An der Gänsehaut, den aufgestellten Nackenhaaren, den zusammengepressten Zähnen, den in der Armlehne verbohrten Händen, den zugehaltenen Ohren, den zusammengekniffenen Augen, dem flauen Gefühl im Magen und dem überraschten Aufschrei, wenn im Spiegelbild plötzlich ein zweites Gesicht hinter dem eigenen auftaucht. Horror betreibe „Affekt-Management“. Kein Wunder also, wenn von TikTok-Reizen abgestumpfte Jugendliche heute immer häufiger zusehen wollen, wie unschuldige Menschen abgeschlachtet werden.

Umstritten ist jener Reiz des Schreckens schon seit Platon. Und bis heute spaltet die Frage, ob die Darstellung von Gewalt diese eher reproduziere oder vielmehr reflektiere. Das Katharsis-Argument, das eine Reinigung und Entlastung durch starke Emotionen behauptet, steht dem Konditionierungs-Argument entgegen, das von einer allmählichen Gewöhnung an die Brutalität ausgeht.

„Das Kino wurde für Horrorfilme gemacht“, bemerkt der Autor Mark Gatiss in der BBC-Doku-Serie „A History of Horror“. „Keine andere Filmgattung erzeugt dieselbe geheimnisvolle Erwartung, wenn man einen dunklen Kinosaal betritt. Keine andere nutzt Ton und Bild auf so kraftvolle Weise. Das Kino ist ein Ort, an dem wir gemeinsam träumen – und Horrorfilme sind vielleicht die traumähnlichsten von allen, weil sie sich mit unseren Albträumen beschäftigen.“ In der Tat kommt der Film im Horror-Genre ganz zu sich. „Frankenstein“, „Nosferatu“ und „Dracula“ stifteten schon zu Stummfilmzeiten Anfang des 20. Jahrhunderts Unheil.

Nur im Zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit erlebte das Genre eine Flaute, was der Direktor eines Pariser Gruseltheaters, Charles Nonon, so erklärte: „Mit Buchenwald konnten wir nie gleichziehen.“ Mit Hitchcocks „Vögeln“ und „Psycho“ erfuhr das Genre schon in den 1960er-Jahren neuen Aufwind, später durch Stephen-King-Verfilmungen wie „The Shining“ und „Es“.

Heute wird der Horrorfilm in seiner ganzen weltanschaulichen Bandbreite zum präzisesten Seismografen unserer Gegenwart. Das Böse, zeigen die heutigen Antagonisten, ist manchmal so banal wie ein Zombie und manchmal so genial wie ein Hannibal Lecter. Und manchmal ist es gar nicht fremd, sondern sieht aus wie ein Blick in den Spiegel.

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