Wirtschaft

Die letzte deutsche Auto-Bastion? Jetzt bekommt auch BMWs Amerika-Hoffnung Risse

Die letzte deutsche Auto-Bastion? Jetzt bekommt auch BMWs Amerika-Hoffnung Risse

Es grenzt fast an eine Liebeserklärung, was sich da auf der Bühne abspielt. „Ihr habt in uns etwas gesehen, das wir vor 30 Jahren selbst nicht gesehen haben“, ruft Senator Lindsey Graham seinen „deutschen Freunden“ zu. Damals investierte BMW Milliarden in ein Werk in South Carolina, einem US-Bundesstaat, der damals von der Abwanderung ganzer Industrien schwer gezeichnet war.

Heute steht dort, in Spartanburg, mit rund 11.000 Mitarbeitern das weltweit größte Werk des Münchner Autokonzerns. Zur Premiere des neuen Modells X5 sind Presse und Politik in den 40.000-Einwohner-Ort im Südosten der USA gereist. Henry McMaster, der republikanische Gouverneur von South Carolina, schwärmt von einem „großartigen Tag für ein großartiges Unternehmen“.

Dann stimmt der 79-Jährige plötzlich vor versammelter Menge ein lokalpatriotisches Lied an. „Nothing could be finer than to be in Carolina in the morning“, singt er. Es gibt nichts Besseres, als in Carolina zu sein. Das galt lange auch für BMW. Bislang jedenfalls. „Wir nennen den Standort hier unser zweites Zuhause“, sagt der neue Konzernchef Milan Nedeljković.

Aber an solch einem zentralen Standort wie Spartanburg zeigen sich auch die Probleme des Konzerns deutlich. Lange galt BMW als der deutsche Autobauer, der vieles besser machte als die Konkurrenz: Man setzte nicht zu einseitig auf die E-Mobilität wie Mercedes, wo der Gewinn jüngst massiv einbrach, oder der VW-Konzern, der zuletzt mit der Ankündigung des Abbaus von 100.000 Jobs schockte. Auch beim neuen X5 aus South Carolina setzt BMW auf sein Lieblingsschlagwort „Technologieoffenheit“: Den Wagen gibt es als Verbrenner, E-Auto, Hybrid- und Wasserstoffvariante.

Aber zunehmend wird deutlich, dass auch BMW vor einem ähnlichen Problem-Mix steht wie die Rivalen. Der drittgrößte deutsche Autobauer korrigierte seine Prognose für dieses Jahr nach unten: Absatz und Gewinnspanne werden voraussichtlich deutlich schrumpfen. Nedeljković kündigte an, man werde „Struktur- und Effizienzmaßnahmen intensivieren und beschleunigen“. Übersetzt heißt das: Stellenabbau. Der Aktienkurs fiel seit Jahresbeginn um ein Drittel.

Die Nervosität spürt man trotz Feierstimmung auch in den USA. Zur Premiere des X5 lädt BMW mehr als hundert Journalisten ein. Doch während Gouverneur McMaster nach seiner Gesangseinlage im Werk gut gelaunt Interviews gibt, wird die Führungsebene von BMW abgeschirmt, selbst auf mehrfache Nachfrage will sich niemand gegenüber der Presse äußern. Auch der neue Chef Nedeljković stehe nicht zur Verfügung, wie es heißt. Dass die Anspannung gestiegen ist, verwundert wenig angesichts der Gemengelage: Brüssels Kehrtwende beim Verbrenner-Aus, ein chinesischer Markt, auf dem die deutschen Autobauer geradezu abschmieren und ein amerikanischer Präsident, der zum ernsthaften Problem wird.

Lange beruhte die Stärke der deutschen Autobauer auf drei Säulen: Deutschland, China und die USA. Doch Europa steckt seit Jahren in der Krise. Hohe Personalkosten, teure Energie, lähmende Bürokratie und der Zickzackkurs beim Verbrenner-Aus haben Spuren hinterlassen. Trotz des „Bekenntnisses zum Standort Deutschland“ baut die Industrie im großen Stil Stellen ab.

Auch in China sind derweil die goldenen Jahre vorbei. Pekings aggressiver Staatskapitalismus sorgt dafür, dass in der Volksrepublik nun vorwiegend BYD und andere heimische Marken gefahren werden – zum Schnäppchenpreis und fast immer elektrisch. Letzter Anker für den Erfolg waren die USA. Deutsche Autos gelten dort immer noch als Statussymbol, der Dieselskandal schien überwunden.

Dass BMW, Mercedes und VW in den USA eigene Fabriken gebaut haben, gehört rückblickend zu den besten Entscheidungen in deren Firmengeschichte. Alle drei Autobauer haben große Werke in den Südstaaten und können so Donald Trumps Importzölle vermeiden, die aktuell bei 15 Prozent liegen, dem Sechsfachen des vorherigen Werts. Trump hatte 2024 verkündet: „Ich will, dass deutsche Unternehmen zu amerikanischen Unternehmen werden.“ Passiert genau das mit BMW?

Auffällig ist es schon: In Spartanburg werden Lobeshymnen auf die USA gehalten. Das Wort „Deutschland“ kommt hingegen kaum vor. „Die Autos werden in den USA hergestellt, was der amerikanischen Wirtschaft hilft“, sagt der republikanische Senator Lindsey Graham zu WELT, der in Spartanburg vor Ort ist, und nach eigener Auskunft selbst einen X5 fährt. „Und dann werden sie in alle Welt verkauft, was die Handelsbilanz ausbalanciert. Das ist eine Win-Win-Situation.“

Aber auch für die Autobauer mit eigenen Werken im Land gerät der bisher so starke Motor USA ins Stottern. Wer die aktuelle BMW-Jubelmitteilung zum X5 in Spartanburg genau liest, merkt: Der Konzern feiert nicht den Beginn einer neuen Investitionsoffensive, sondern den Abschluss eines bereits 2022 angekündigten Programms. Die damals freigegebenen 1,7 Milliarden Dollar sind ausgegeben, neue Vorhaben in dieser Größenordnung stehen nicht an.

Trumps Protektionismus geht an keinem der Autobauer spurlos vorbei, auch nicht an BMW. Allein im ersten Quartal kosteten die Zölle den Konzern rund 300 Millionen Euro. Im vergangenen Sommer stoppte BMWs wichtigster Batteriezell-Lieferant AESC den Bau seiner Fabrik in South Carolina vorübergehend.

Wie der Optimismus verflog

Als Begründung nannte die Firma die unsichere US-Marktlage, verursacht durch Trumps Zölle. BMW bezieht die Bauteile nun übergangsweise aus einem „globalen Netzwerk“ – zum Großteil kommen sie aus China. Die Serienfertigung des X5 soll zwar planmäßig zum Jahresende starten. Das Dilemma ist dabei kaum zu übersehen: Trumps Politik, die den Standort vor Importzöllen schützt, gefährdet gleichzeitig den Aufbau der Batterieversorgung für dasselbe Werk.

In den republikanisch dominierten Südstaaten, wo die deutschen Autobauer immens zur Wirtschaftsleistung beitragen, sehen die Parteifreunde des Präsidenten dessen America-First-Politik auch kritisch. „Wenn die Kameras aus sind, sagen die Republikaner hier: Trump ist schrecklich, er schadet der Wirtschaft“, erzählt Jermaine Johnson, demokratischer Kandidat bei den Wahlen zum Gouverneur. „Aber wenn sie vor die Kamera treten, heißt es: Oh nein, Donald Trump ist fantastisch“, sagt er.

Aber auch andere Faktoren erschweren die Lage für die deutschen Autobauer. Die Streichung der E-Auto-Förderung durch Trumps Regierung sorgt für Unsicherheit. Hinzu kommt der Iran-Krieg. Die höheren Energiepreise verteuern die Produktion, während steigende Spritpreise auf die Konsumlaune der US-Verbraucher drücken. Auch wenn es bald zu einem dauerhaften Frieden kommen sollte, wäre das keine Entwarnung. „Die Rückkehr zur Normalität wird dauern“, sagt Samina Sultan, Ökonomin am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Der Krieg werde die Weltwirtschaft noch lange belasten, die Preise vorerst hoch bleiben.

Dabei herrschte Anfang des Jahres noch Optimismus. Zwar waren die deutschen Investitionen im vergangenen Jahr laut IW-Zahlen um 45 Prozent eingebrochen. Eine Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Außenhandelskammer zufolge aber planten zwei Drittel der Firmen, ihre Investitionen wieder hochzufahren. Dann kam der Iran-Krieg.

In South Carolina steht unterdessen alles im Zeichen deutsch-amerikanischer Freundschaft. „Unser Erfolg basiert auf starken und verlässlichen Beziehungen sowie langjähriger Partnerschaft“, sagt Robert Engelhorn, der Werksleiter in Spartanburg. Lindsey Graham verspricht, es BMW so angenehm wie möglich zu machen, die Auflagen und Steuern niedrig zu halten. Auf die Auswirkungen des Handels seines Chefs im Weißen Haus hingegen scheint er keine Antwort zu haben.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

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