Von Julien Wolff und Lars Gartenschläger
Allein der Kapitän hat mehr als dreimal so viele Follower wie der Bundeskanzler. Beinahe neun Millionen Menschen folgen Joshua Kimmich (31) auf Instagram, Friedrich Merz (70) kommt auf 2,8 Millionen. Die meisten Follower aller deutschen Fußball-Nationalspieler hat Torwart Manuel Neuer (40) – 15 Millionen.
Eine enorme Reichweite. Viele Spieler posten häufig, gratulieren Fans mitunter sogar zum chinesischen Neujahrsfest. Sie senden ihre Botschaften inzwischen beinahe immer über die sozialen Medien. Von Sponsoren-Posts über wichtige Statements bis hin zu Urlaubsbildern ist alles dabei – ihre Profile in den sozialen Netzwerken sind ihre internationale Visitenkarte und ihr Schaufenster. Und es gehört meist zum guten Ton, dass Spieler nach dem Aus eines Trainers in ihrem Klub oder in ihrer Auswahl ihm zumindest einige Worte widmen. Ob nun aus dem Herzen oder eher, weil man es eben so macht. Auch wenn es oft Phrasen sind – die Geste zählt.
Doch nach dem Aus von Bundestrainer Julian Nagelsmann (38) halten sich die Auswahlspieler des DFB erstaunlich zurück. Neun Tage sind seit dem peinlichen Ausscheiden gegen Paraguay vergangen, fünf Tage seit Nagelsmanns Rücktritt – und lediglich ein Nationalspieler dankte Nagelsmann in den sozialen Medien. Das sagt etwas über die Spieler aus.
Rüdigers Lob an Nagelsmann
Schon im Stadion fragte ein Reporter Antonio Rüdiger (33) nach dem Abpfiff gegen Paraguay, welchen Anteil Nagelsmann am Misserfolg habe. „Meiner Meinung nach keinen“, antwortete der Verteidiger von Real Madrid. „Unser Trainer hat uns alles mitgegeben und nochmal für alle: Er ist ein Top-Trainer. Also, wir müssen dankbar sein, dass wir so einen Trainer wie ihn haben. Das liegt an uns Spielern.“
Bei Instagram schrieb er in einer Story später: „Danke für dein Vertrauen, deinen Einsatz und deine Expertise, Coach! Wünsche dir nur das Beste für deine weitere Karriere!“ Dazu postete er ein Foto von sich und Nagelsmann, auf dem sie sich umarmen.
Ausgerechnet Rüdiger, der unter Nagelsmann seinen Platz als Abwehrchef verloren hatte. Nagelsmann hatte sich in den vergangenen Jahren allerdings auch mehrfach verbal vor Rüdiger gestellt, als dieser als Problemprofi bezeichnet wurde. Rüdiger kommt auf 86 Länderspiele und denkt derzeit über seinen Rücktritt nach.
Die anderen Schlüsselspieler erwähnten Nagelsmann online nicht mit einem Wort. Auch Kapitän Kimmich nicht. In ihren Posts der vergangenen Tage beschrieben sie lediglich ihre Enttäuschung, bedankten sich bei den Fans und baten diese um Entschuldigung. Für den Trainer keinen Satz.
Stürmer Deniz Undav (29) schrieb nur allgemein gehalten: „Danke für diese Chance“ – dazu postete er eine Deutschland-Flagge. Zumindest Kimmich hatte nach dem Paraguay-Spiel betont, man müsse jetzt nicht die Schuld beim Trainer suchen. „Am Ende haben wir es leider wieder verbockt.“
In Sachen Erfolg gab es ja auch nicht viel zu danken, könnten einige jetzt einwenden. Und doch sind die fehlenden Worte zu Nagelsmann bezeichnend. Immerhin arbeitete die Mannschaft rund drei Jahre mit dem Trainer zusammen. Im deutschen Fußball stellt sich mancher die Frage, ob die Spieler und ihre Agenturen befürchten, in die auf Nagelsmann einprasselnde Kritik hineingezogen zu werden, sofern sie ihn erwähnen.
Möglicherweise haben sich Spieler privat bei Nagelsmann gemeldet und für die gemeinsame Zeit bedankt. Für öffentliche Sätze reicht es offensichtlich nicht.
Nagelsmann und Kimmich kennen sich vom FC Bayern
Beiträge bei Social Media werden bei vielen Spielern von Agenturen betreut. Sie sind oft mehrfach besprochen und strategisch durchdacht, spontane Inhalte gibt es selten. Daher ist es durchaus beachtlich, dass Nagelsmann nicht vorkommt. Immerhin arbeitete der Trainer schon beim FC Bayern mit vielen Spielern zusammen, unter anderem mit Neuer, Kimmich, Leroy Sané (30), Jamal Musiala (23) und Leon Goretzka (31).
Nagelsmann folgen bei Instagram übrigens 500.000 Menschen. Sein bislang letzter Post stammt allerdings aus dem Jahr 2023. In einer Pressemitteilung des DFB nach seinem Aus als Bundestrainer dankte er den Spielern: „Mein oberstes Ziel war immer der Erfolg der Mannschaft. Sie hat nach so einer herben Enttäuschung die Chance auf einen unbelasteten Neuanfang verdient. Ich möchte mich bei meinem Trainerteam, dem Staff und allen Menschen im Verband bedanken, die uns unterstützt haben, vor allem auch bei den Spielern, mit denen ich vertrauensvoll zusammenarbeiten durfte.“
Dieser Text ist im Sport-Kompetenzzentrum von BILD, SPORT BILD, BILD AM SONNTAG, WELT und WELT AM SONNTAG entstanden. Zuerst ist er bei WELT erschienen.