Taipeh/Berlin – Spionagevorfall in Taiwan! Der deutsche Wissenschaftler und Journalist Jürgen Kremb (69) wurde im Juni 2025 auf einem Wanderausflug von einer chinesischen Spionin verfolgt. Im Gespräch mit BILD schildert er, wie ihn im Tourismusgebiet Alishan eine junge Frau mit nordchinesischem Akzent um ein Foto bat. Kremb wurde hellhörig: Denn wie er im BILD-Gespräch erklärt, dürfen Chinesen derzeit nicht nach Taiwan reisen. „Mein journalistischer Instinkt verriet mir, dass etwas nicht stimmte“, erklärt er. Deshalb habe er das Gespräch mit der Frau abgebrochen.
Danach sei sie ihm und seinen Begleitern zum Hotel gefolgt. In der Lobby habe sie sich sehr eng neben seinen Kollegen Dieter Schnaas (Journalist bei der „WirtschaftsWoche“) gesetzt, der im WLAN E-Mails checkte, und habe an ihrem Handy herumgespielt. „Dieter, sofort raus aus dem WLAN. Die Frau ist vom volkschinesischen Geheimdienst!“, warnte Kremb. Bekannt wurde der Spitzel-Vorfall erst jetzt, weil der Wissenschaftler ihn öffentlich machte.
Forschung zu Geheimdiensten
Kremb hat mehrere Jahrzehnte als Korrespondent für „taz“, „Frankfurter Rundschau“ und „Spiegel“ aus China berichtet. Heute forscht er an der Soochow-Universität in Taipeh zu chinesischen Geheimdiensten. Der Spionagevorfall fand mutmaßlich im Zusammenhang mit seiner Veröffentlichung „The War of Spies: How China’s Intelligence Services Are Infiltrating Taiwan—and What Europe Must Learn from It“ (dt.: „Der Krieg der Spione: Wie Chinas Geheimdienste Taiwan infiltrieren – und was Europa daraus lernen muss“) statt, die von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Taipeh präsentiert wird.
Der Wissenschaftler meldete den Vorfall umgehend den taiwanesischen Behörden. Die Spionageabwehr-Einheit MJIB legte ihm binnen 48 Stunden Überwachungsaufnahmen vor, die die Frau beim Verfolgen und in der Lobby zeigten; ein bis zwei Tage nach der Begegnung habe sie das Land eilig verlassen. Laut Kremb ging der Fall auch an den BND und wurde im taiwanesischen Staatssicherheitsrat besprochen. Vom BND hat er bis heute nichts gehört.
Taiwan: China-Spionage ist ein strukturelles Problem
Aus dem Auswärtigen Amt heißt es auf BILD-Anfrage, dass der Fall bekannt sei. Grundsätzlich gelte: „Wir treten jeglicher Spionage und Sabotage fremder Staaten gegen Deutschland und Deutsche entschieden entgegen.“ Der BND wollte sich auf BILD-Anfrage nicht äußern.
Taiwans Repräsentant in Deutschland, Klement Gu, bestätigt in BILD die Ermittlungen des MJIB und erklärt: „Chinesische Spionageaktivitäten stellen mittlerweile ein strukturelles Problem dar. Allein im Zeitraum von 2025 bis März 2026 wurden in Taiwan im Zusammenhang mit Spionagefällen insgesamt 58 Personen angeklagt. Dies zeigt, dass China versucht, Taiwan mit unterschiedlichen Mitteln unter Druck zu setzen und zu destabilisieren – unter anderem durch kognitive Kriegsführung und andere Formen hybrider Einflussnahme.“
Bundesregierung und Behörden in der Pflicht
Marie-Agnes Strack-Zimmermann (68, FDP), Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament, fordert in BILD: „Der Fall des deutschen Journalisten Jürgen Kremb ist eine Warnung, die wir in Deutschland und Europa nicht ignorieren dürfen.“ Er zeige: „Transnationale Repression durch die Volksrepublik China ist kein abstraktes Phänomen am anderen Ende der Welt, sie betrifft auch uns.“
Strack-Zimmermann wendet sich direkt an Schwarz-Rot: „Ich erwarte, dass die Bundesregierung diesen Fall ernst nimmt und sich mit den taiwanesischen Behörden in Verbindung setzt.“ Kremb äußert sich ähnlich: „Von den Behörden in Deutschland erwarte ich, dass sie endlich die Gefahr der chinesischen Geheimdienste und ihrer Unterwanderung ernst nehmen. Diese infiltrieren unsere Institutionen, Universitäten, Firmen und auch unsere Medien. Das ist kein Rinnsal, sondern ein Tsunami, der uns da gerade überrollt.“