Kultur

Der schönste Weltuntergang seit Langem

Der schönste Weltuntergang seit Langem

Den Hundsstern gibt es eigentlich nur im Singular. Es ist der Sirius. Kein Stern am Nachthimmel strahlt heller. Tatsächlich handelt es sich allerdings um zwei Sterne, einen großen und einen Weißen Zwerg.

Eine schöne Pointe, die den Autor von Abenteuerreportagen, Peter Heller, 2012 zu einem Romantitel inspirierte: „The Dog Stars“. Ein Mann, genannt Big Hig, und sein Hund Jasper sind ein treues Zweiergespann in einer Welt aus den Fugen. Eine Pandemie – von Corona konnte Heller damals noch nichts ahnen – hat große Teile der Menschheit auf dem Gewissen. Die wenigen Überlebenden sind in den Hobbes’schen Naturzustand zurückgekehrt, nach dem ein jeder dem anderen ein Wolf ist. Bösartige Reapers durchziehen das Land, toxische Incel-Männer, weiß bemalt und dauerhigh vom tribalistischen Blutdurst. Wie eine Horde Heuschrecken fallen sie über die her, die wacker auf ihren entlegenen Farmen ausharren oder in den überwucherten Ruinen der Städte.

Hig ist gelernter Mechaniker, was sich im Zustand der Postapokalypse als ebenso praktisch erweist wie in unserem KI-Zeitalter. Zugleich sagt es einiges über ihn: Er ist keiner, der zerstört, sondern jemand, der die Dinge wieder heil machen will. Das kann er bei einer Gemeinschaft von Mormonen in den Bergen von Colorado unter Beweis stellen, denen ab und zu die Heizung ausfällt. Und auch Higs Kompagnon Bangley profitiert davon. Als Ex-Marine ist er zwar ziemlich gut in Disziplinen wie Pokerspielen (Geld liegt genug rum, ist nur leider gar nichts mehr wert) und Kopfschüssen, aber kaltes Bier bekommt auch er nur, wenn der Kühlschrank funktioniert.

Die Mormonen waren übrigens ursprünglich mal Mennoniten, also bei Heller. Die Religion haben sie erst auf der Leinwand gewechselt, in der Verfilmung von Ridley Scott. Nach mauen Jahren mit künstlerischen Rohrkrepierern wie „House of Gucci“ (2021), „The Last Duel“ (2021) oder „Gladiator II“ (2024) und unterschätzten Achtungserfolgen wie „Napoleon“ (2023) läuft der mittlerweile 88-Jährige mit „Das Ende der Sterne“, wie der Film nichtssagenderweise auf Deutsch heißt, zu alter Hochform auf. Gut, dass es dieses Mal nicht um Modepäpste, Imperatoren oder Könige geht. Scott besinnt sich auf seinen Draht zu den einfachen Leuten, auf deren Schultern indes eine Welt ruht – fast wie damals, vor Urzeiten, bei „Alien“ (1979) und „Blade Runner“ (1982).

Sogar das Genre stimmt, zumindest einigermaßen. Schon wegen des Pandemie-Plots und des Settings – die Handlung spielt in den 2030er-Jahren – darf man den Film Science-Fiction nennen, wenngleich bis auf Higs Mechanikerkünste die Wissenschaft keine Rolle spielt. Der Mann fliegt mit einer klapprigen Cessna aus den Fünfzigerjahren durch die Gegend. Und seine neue Liebschaft, die natürlich nicht fehlen darf, lebt mit dem Griesgram-Paps auf einer idyllischen Farm. Die dortigen Hillbilly-Reapers bevorzugen auch keine urbane Techno-Kluft aus Lack und Leder, sondern sind in eine Art Cowboy-und-Indianer-Drag gewandet.

Zeitweise wähnt man sich in einem Western – obwohl man in den wenigsten Western bestaunen darf, wie einem Bösewicht auf einem Pferderücken von einem rotierenden Propeller der Kopf abgetrennt wird. Das gibt auf der Windschutzscheibe immerhin ein schönes Drip-Painting wie von Jackson Pollock. „The Searchers“ (auf Deutsch „Der schwarze Falke“) trifft „Mad Max“, so ist diese Episode vielleicht ganz gut umschrieben.

Ein renovierter John Wayne

Jacob Elordi, der Big Hig spielt, ist selbstverständlich ein renovierter John Wayne. In sich ruhend, charakterstark und moralisch gefestigt einerseits, ganz wie das Vorbild. Andererseits ein Mann, der weinen kann. Regelmäßig fliegt er zurück ins alte Haus in Denver, um Frau und Kind – beide tot, das Kind nicht einmal auf die Welt gekommen – angemessen nachzutrauern. Als sein bester Freund stirbt, begräbt er ihn ebendort, im Vorgarten, gleich neben seiner Frau.

Bangley (Josh Brolin) symbolisiert überdeutlich die Überkompensation in Sachen Anpassung an die Umstände. Wenn freitagsabends die Terror-Kids kommen, mit ihren Macheten und Maschinenpistolen, muss er ihnen halt aus der sicheren Warte seines Hochsitzes die Köpfe wegblasen. Big Hig will sich damit nicht zufriedengeben. „Dieses Leben liegt dir“, bescheidet er dem frotzelnden Raubein-Partner, „du bist dafür gemacht.“

Er aber nicht, er sucht nach etwas Besserem, Höherem, für das es sich zu leben lohnt. Oder eben zu sterben – depressiv hält er des Öfteren auf die Steilwand eines Berges zu, auf dem er und seine Frau dereinst gern campen gingen, um dann doch in letzter Sekunde abzudrehen. Dort, im Augenblick eines möglichen Selbstmords, fängt er immer wieder einen verwehten Funkspruch auf, der ihm neuen Mut einflößt: An einem Ort namens Grand Junction hat sich offenbar eine Enklave der Zivilisation erhalten, mit freundlichen Frauenstimmen und der Verheißung von Blaubeerpfannkuchen. Wenn das mal kein Köder ist! Dummerweise reicht der Sprit nur für den Hinflug, in der Pilotensprache ein klassischer Point of no Return.

Eine andere Figur erzählt einmal eine Geschichte von einem, der alles hatte und es nicht zu schätzen wusste. In seinem Kern ist „Das Ende der Sterne“ eine ausgedehnte Metapher über diese beiden Glaubenssätze: Leben bedeutet, das vermeintlich Kleine als das Größte wertzuschätzen, was es gibt. Und: Leben bedeutet, sich intensiv in Kummer zu versenken, um ihn schließlich zu überwinden. So gesehen ist der Film die bis dato unterhaltsamste Illustration der fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross.

Verrückt auch die Idee, dass, wenn 99 Prozent der Menschheit aussterben, ausgerechnet Elordi und Margaret Qualley übrig bleiben und sich dann noch über den Weg laufen – zwei der attraktivsten Exemplare, die die Spezies Homo sapiens jemals hervorgebracht hat. Und noch verrückter, dass sie dann – obwohl seit Jahren enthaltsam – zahm im Schlafsack nebeneinander liegen und den ersten keuschen Kuss erst fünf Minuten vor Schluss wagen, wo man als Zuschauer doch schon beim ersten Blick gesehen hat, wohin der Hase läuft.

Auch Cima, wie sie exzentrischerweise heißt, ist Heilerin – eine Ärztin. Doch in diesem filmgewordenen retardierenden Moment steckt wohl die gesammelte Lebensweisheit von einem, der wie Ridley Scott auf die Neunzig zugeht: Eile mit Weile, die Letzten werden die Ersten sein. Könnte von Paulo Coelho sein, aber von Scott kommt es irgendwie cooler. Elordi ist zwar noch keine dreißig, hat aber schon genug auf dem Kerbholz, um sich tiefenentspannt selbst zu zitieren. Für diese Rolle nimmt er die ganze Sanftheit seines Frankenstein-Monsters, bloß ohne die Schminke, und wenn er mal wieder, Hobby-Astronom, der er ist, zu den Sternen aufschaut, dann entdeckt er irgendwo auch die Elvis-Presley-Konstellation.

Die bessere „Odyssee“

Scotts Gefühl für Rhythmus – selbst im vom Produzenten Apple gepiesackten „Napoleon“ nicht guillotiniert – liegt hier offen zutage. Mindere Regisseure würden schon bei der Exposition scheitern, die Elordi und Jasper minutenlang beim Fliegen mit der Cessna und dem Proviant-Zusammenklauben in aufgelassenen Krankenhäusern beobachtet. Über lange Strecken passiert einfach mal gar nichts. Und gegen Ende gelingt es Scott gar, immer surrealer zu werden und verrückt monologisierende Stewardessen-Kannibalen und explodierende Flughäfen aufzubieten, ohne die meditative Grundstimmung einzubüßen. Das ist schon ganz große Regiekunst.

Insgesamt hat Scott hier die bessere „Odyssee“ gedreht. Die Geschichte eines Mannes, der es mit allerlei Ungeheuern aufnimmt, um am Ende Frau und Königreich zurückzugewinnen. Man wünscht dem Film mindestens den gleichen Erfolg. Das wird wahrscheinlich nicht passieren, ist aber nicht schlimm. Dafür hat er sich schließlich zwei Stunden, eigentlich ein ganzes Leben, in Bescheidenheit geübt.

„Das Ende der Sterne“ ist ab dem 27. August 2026 im Kino zu sehen.

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