Kriegschroniken

Der Morgen nach der schlimmsten Nacht

Der Morgen nach der schlimmsten Nacht

Tetiana

Tetiana Wlasowa ist 39 Jahre alt, Dichterin und Kulturmanagerin. Die Nacht von Samstag auf Sonntag hat sie in einer Metrostation in Kyjiw verbracht.

»Man kann nicht ständig in Schutzräume gehen — davon wird man verrückt«, sagt sie. »Eigentlich wollte ich gar nicht runtergehen, aber es war so laut, dass ich sofort wusste: Das ist eine Rakete. Leider können wir das inzwischen unterscheiden. Am Klang erkennen wir: Schahed, Rakete, Einschlag.«

Als Tetiana in der Metrostation ankam, war die bereits überfüllt. Kinder lagen in Schlafsäcken auf dem Boden, ältere Menschen schliefen im Sitzen an die Wände gelehnt. Gegen halb vier gab es eine gewaltige Explosion. Sofort war klar, dass irgendwo direkt über der Metro etwas eingeschlagen war. Putz rieselte von der Decke, Sperrholzplatten flogen durch die Luft, Menschen wachten schreiend auf. Eine Frau begann zu weinen. Alle schrieben jemandem, riefen an, rannten los. Aber in der Metro kann man nicht wirklich wegrennen.

Tetiana sagt: »Es fühlte sich an, als wäre alles eingestürzt. Staub. Brandgeruch. Niemand wusste, wo genau es eingeschlagen hatte — ob das eigene Haus noch stand, ob Angehörige noch lebten.«

Etwa zwanzig Minuten später tauchten erste Videos auf. Das Netz funktionierte noch, auch unten in der Metrostation. Dann erst hörte Tetiana Schreie. Die Druckwelle hatte Türen neben der Rolltreppe nach oben herausgerissen, sie waren auf zwei Männer gestürzt. Einer hatte einen offenen Beinbruch. Menschen brachten Verbandszeug. Ein Militärangehöriger leistete Erste Hilfe.

Um fünf Uhr fuhr ein Evakuierungszug und brachte die Menschen zur nächsten Station, erzählt Tetiana. Sie alle stiegen hinauf und blickten sich orientierungslos um. Viele wussten nicht, wie sie nach Hause kommen sollten. Nichts fuhr. Taxis waren zu teuer. Also ging Tetiana zu Fuß. Als sie ihr Zuhause erreicht hatte, setzte sie sich ins Auto und fuhr zur Metrostation zurück, um dort ältere Frauen einzusammeln und diese wiederum nach Hause zu bringen.

Es schien Tetiana an diesem frĂĽhen Morgen, als sei Kyjiw zuletzt in den ersten Tagen der Vollinvasion derart leer gewesen. Der Himmel war tiefblau, fast naiv blau. Dann aber erblickte Tetiana eine riesige schwarze Rauchwolke. Erst da holte die Angst sie ein, sagt sie.

»Auf dem Heimweg sah ich, dass der Markt brannte, auf dem ich am Tag zuvor noch Lebensmittel eingekauft hatte. Das war furchtbar. Vor jedem Haus lag Glas. Überall Glas. Zu Hause holte ich Syrniki aus dem Gefrierschrank — aus einem Laden, den es jetzt nicht mehr gibt. Die Apotheke, in der ich immer meine Medikamente gekauft habe, ist auch zerstört. Ich habe meine letzte Bestellung dort nicht mehr abgeholt. Warum tut es mir gerade jetzt so weh, dass ich diese Tabletten nicht habe?«

Tetiana zwang sich, später am Tag hinauszugehen. Sie hatte gehört, dass das kleine Café neben ihrem unbeschädigten Haus ebenfalls getroffen worden war — und trotzdem geöffnet hatte. Sie wollte die Besitzer unterstützen.

Vor dem Café Hogo wartete bereits eine Menschenmenge. Leute kehrten Glasscherben zusammen. Leute lächelten.

Evgen und Anton

Evgen Prusak, Besitzer des Café Hogo, ist am Sonntag um fünf Uhr morgens aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Er und seine Frau haben ihre Wohnung verkauft, um das Café eröffnen zu können. Unbeschädigt existierte es nur einen Tag. Am zweiten wurde es getroffen.

»Ich bin hingegangen, habe geprüft, ob die Kaffeemaschine noch funktioniert, habe die Kaffeemühle vom Boden aufgehoben und angefangen, durch das zerbrochene Fenster kostenlosen Kaffee auszugeben. Dann kam meine Mutter und brachte Gebäck.«

Die Leute kamen zum Café und scherzten: »Einmal Matcha mit Glassplittern, bitte.« Oder: »Kuchen mit Scherben.«

Menschen fragten, wohin sie Geld für den Wiederaufbau überweisen könnten. Gegen Abend hatte sich die Geschichte so weit verbreitet, dass eine Bank versprach, die Kosten für den Wiederaufbau zu übernehmen.

Der 33-jährige Anton Dychnitsch und seine Frau besitzen wiederum eine Kaffeehauskette, sie heißt Brewsell — inzwischen ist das Brewsell auf Lukyanivka fast eine Legende in Kyjiw. Das Café wurde bereits fünfmal durch russische Angriffe getroffen. Samstagnacht war es das sechste Mal. Danach beschlossen Anton und seine Frau, diese Filiale zu schließen.

Menschen wollten Solidaritätsaktionen organisieren. Doch Anton und seine Frau lehnten ab.

»Es gibt Leute, die es nötiger haben. Menschen, deren Häuser und Autos verbrannt sind«, sagt Anton.

Auf dem Instagram-Account von Brewsell wechseln sich Fotos eleganter Desserts, von Matcha-Rezepten und Bananenmilch-Latte mit Bildern ab von mit Klebeband zusammengehaltenen Fenstern, Sperrholzplatten und Glasscherben.

»Keine Fenster, aber ein unbeugsamer Wille.«

Milchschaum-Kätzchen auf Kaffee.

Aber diesmal ist Schluss. Manchmal kann oder will man nicht mehr weitermachen.

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