Manche Verse der 76-jährigen kanadischen Dichterin Anne Carson sind wie Kiesel in einem Schuh, die man nie wieder los wird. Sie tun weh beim Gehen, wenn man sich aber hinsetzt und den Schuh auszieht, stellt man fest: Diese Kiesel sind nicht nur kantig, sie sind auch unglaublich schön. Es sind Edelsteine, man vergisst sie nicht mehr. Nehmen wir Carsons Gedicht „Apostelstadt“ – ein rätselhafter Titel, der nicht weiter erklärt wird. Jeder, der jemals einen geliebten Menschen verloren hat, wird dieses Gedicht spontan verstehen und es sich nie mehr aus dem Gedächtnis schlagen können.
„Nach deinem Tod. / War es jeden Tag windig. / Jeder Tag. / Stellte sich uns entgegen wie eine Mauer. / Wir gingen. / Und schrien einander seitwärts an. / Die Straße entlang. / Es war nutzlos. / Die Räume zwischen uns. / Wurden hart. / Es sind leere Räume. / Und doch sind sie fest. / Und schwarz und schmerzhaft. / Wie Lücken zwischen den Zähnen. / Einer alten Frau. / Die du vor Jahren gekannt hast. / Als sie. / Schön war die Nerven strömten in ihr herum wie ein Palastfeuer.“
Der entscheidende Moment in Anne Carsons Leben war vermutlich, als ein Lateinlehrer an der Highschool sich bereit erklärte, ihr in der Mittagspause Altgriechisch beizubringen. An der Universität von Toronto, der Stadt, in der sie geboren wurde und aufwuchs, studierte sie später die Literatur der klassischen Antike – sie gab zwar unterwegs zweimal auf, machte aber dann doch ihren Abschluss und wurde Professorin. Und begann in den 1980er-Jahren zu schreiben: Essays über die alten Griechen, denen man anmerkte, dass sie ihren Seneca und ihren Montaigne studiert hatte. Eigentlich war sie in diesen Essays schon damals eine Dichterin – nur brauchten die Herren Literaturkritiker eine Weile, um es zu bemerken.
Gedichte? Verse in Prosa? Essays?
Das lag unter anderem daran, dass sich das, was Anne Carson da schrieb, ohnehin nicht in eine der geläufigen Kategorien sortieren ließ. Waren das Gedichte? Verse in Prosa? Essays? Handelte es sich überhaupt im goetheschen Sinn um Dichtung – oder doch eher um autobiografische Wahrheit? Die Antwort konnte immer nur lauten: Ja. Von Anfang an war Anne Carson dabei eine poeta docta, die das Licht ihrer Gelehrsamkeit keineswegs schamhaft versteckte. Anspielungen nicht nur auf die Antike, sondern auch auf Freud, Virginia Woolf und Tolstoi waren in ihren Versen dicht gesät.
Dabei hatte sie Glück: Normalerweise führen Dichter – vor allem solche, die gern ihre Lesefrüchte vor uns ausbreiten – Existenzen am Rand des Literaturbetriebs. Wer will sich schon mit solchen Eggheads einlassen? Auf Anne Carson aber prasselten die Literaturpreise über die Jahre nur so herein. Anno 2000 erhielt sie ein „McArthur Fellowship“, vulgo auch als Geniestipendium bekannt. Für diesen begehrten Preis kann man sich nicht bewerben, nur vorgeschlagen werden: Der Gewinner erhält dann einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wird, dass über die nächsten fünf Jahre mehrere hunderttausend Dollar auf seinem Konto eintreffen werden.
Der endgültige Durchbruch gelang Anne Carson 2001 mit ihrem Buch „Die Schönheit des Ehemanns“, Untertitel: „Ein erdichteter Essay in 29 Tangos“. Verhandelt wurde in diesem Buch das Ende eines Ehedramas: „Etwas ist rein und kantig und brennend an der ersten Untreue in einer Ehe“, schreibt Carson. Sie verrät auch, dass sie ihren Mann nur aus einem Grund geheiratet hatte: seiner Schönheit wegen. Und dass er selbst nicht treu war – er war „nichts gegenüber loyal“ und „hat über alles gelogen“.
In diesem Essay-Poem werden sehr antike Sujets verhandelt: Was ist das eigentlich, Lust? Ist Liebe überhaupt nur eine Illusion? Die Frage: „Wie erlangen Leute Macht übereinander?“ stellt Carson gleich an zwei Stellen. Zwischendurch tritt als Pausenclown ein schwuler Freund des Paares auf und liefert trockene Kommentare ab. „Sein schönes boshaftes Grinsen“, schreibt Anne Carson, „war wie ein Rock, der hochfliegt.“ Allein schon diese Metapher war das Geniestipendium wert.
Eine Poetin, die keine sein will
Vier Jahre später veröffentlichte Anne Carson „Decreation“, ein Buch, mit dem sie sich endgültig als die große Eigenbrötlerin der kanadischen Literatur etablierte: Es versammelte ein Theaterstück, ein Oratorium, Kurzgedichte und längere Prosastrecken, in denen Carson sich gleichzeitig als Literaturkritikerin und als Philosophin betätigte. Dann folgten Übersetzungen. Zunächst legte Carson ihre Version von vier eher unbekannten Tragödien des Euripides vor; man kann dies als ihren Kommentar zum „War on Terror“ betrachten, den Amerika damals im Irak und in Afghanistan führte.
Wenig später folgte „Eine Orestie“ – wohlgemerkt: eine, nicht die. Anne Carson übersetzte nicht etwa die berühmte Trilogie des Aischylos. Stattdessen band sie drei Stücke von drei sehr verschiedenen griechischen Autoren zusammen: „Agamemnon“ von Aischylos, „Elektra“ von Sophokles und „Orest“ von Euripides. Dass Anne Carson für ihre Übersetzungen nicht nur Lob einheimste, sei hier nicht verschwiegen. Manche fanden sie brillant; anderen war der Ton ihrer englischen Versionen zu zeitgenössisch und schnoddrig.
Allerdings konnte die Kritik Anne Carson da schon nichts mehr anhaben. Jedem, der sich für Poesie interessierte, musste längst klar sein, um wen es sich bei dieser (mittlerweile grauhaarigen) Dame handelte: die nordamerikanische Sappho. Wie die große Dichterin von der Insel Lesbos erforscht sie, was der oft ziemlich gnadenlose Gott Eros mit den Menschen anstellt, und wie einst Sappho hat sie ihre ganz eigene Form entwickelt, um das zu tun.
Das Verblüffende ist, dass Anne Carson sich dabei selber gar nicht als Poetin sieht. Bis sie zwanzig Jahre alt war, erzählte sie in einem Gespräch, habe sie kein Wort geschrieben, sondern nur gemalt. Noch heute gehe es ihr um die Bilder, nicht um die Wörter. Bücher seien lediglich eine praktische Form, in die sie ihre Visionen packe, mehr nicht; aber diese Form befriedige sie immer weniger. Niemand sollte sich also wundern, wenn Anne Carson eines Tages den Stift beiseitelegt und ihre Staffelei auspackt.
Der Nobelpreis für Literatur steht – nicht zu Unrecht – im Verdacht, dass hier vor allem Mittelmaß ausgezeichnet wird. Schaut man sich die Liste der ältesten Preisträger an, fällt vor allem auf, wie viele der großen Namen von damals im Loch des Vergessens verschwunden sind. Oft handelte es sich um einen Preis, mit dem hauptsächlich edle Gesinnungen geehrt wurden. Jeder kann höhnisch die Namen derer aufzählen, die ihn nie erhalten haben: Tolstoi, Joyce, Nabokov. Mit Anne Carson hat die schwedische Akademie jetzt immerhin eine Autorin ausgewählt, die nie in Mode war, die nie dicke Romane veröffentlicht und nie politische Botschaften verkündet hat, sondern, wie die Nobelpreis-Jury verlauten ließ, ein „kühnes und einfallsreiches Gesamtwerk“ vorzuweisen hat.
Außerdem erinnert dieses Werk daran, dass Literatur, wenn sie nicht von Verrückten oder Kindern geschaffen wurde, immer in einer vieltausendjährigen Tradition steht, und dass Traditionsbewusstsein weder ranzig noch schlecht gelaunt sein muss. Der Literaturnobelpreis des Jahres 2026 ist unter anderem ein Preis für Eigensinn.