Kultur

Das letzte Weltwunder

Das letzte Weltwunder

In Neubauten oder gar Baustellen dürfte Papst Leo XIV. in seinem früheren Leben als Ordensgeistlicher in Südamerika nicht selten eine Messe gefeiert haben. Während etlicher Jahre in Peru, zuletzt als Bischof von Chiclayo, widmete sich Robert Prevost weniger den Schätzen der sakralen Kunst als vielmehr der Seelsorge in einer Umwelt vorwiegend armer und bedürftiger Katholiken. Auch in Rom ist der Kardinal und später der Papst nicht als Ästhet aufgefallen.

Nun, am 10. Juni 2026, wird es ausnahmsweise einmal umgekehrt sein: Schönheit dominiert die Theologie. In der Sagrada Família zu Barcelona werden 4000 prominente und zumeist gutgestellte Gläubige an einer Papstmesse teilnehmen, die dem Hauptwerk eines der berühmtesten Architekten der Moderne gewidmet ist – und dies exakt am hundertsten Todestag von Antoni Gaudí.

Papst Leo stellt sich damit demonstrativ in eine Reihe prominenter Vorgänger. Papst Pius XI. gab seinerzeit die Einwilligung, dass Gaudís sterbliche Überreste in der Krypta seines unvollendeten Haupt- und Lebenswerkes begraben werden durften. Der deutsche Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich weihte 2010 die Sagrada Família als Basilica minor. Und Leos direkter Vorgänger und Förderer Papst Franziskus erteilte kurz vor seinem Tod dem katalanischen Architekten den „heroischen Tugendgrad“, der meist einer Seligsprechung vorausgeht. Offensichtlich haben die Oberhäupter der katholischen Konfession, die oft genug mit der Moderne und ihrer Kunst fremdelt, in Antoni Gaudí ihren Liebling gefunden.

Dafür gibt es gute Gründe. Zuallererst verträgt sich die eigenwillige Ästhetik der Bauten Gaudís gut mit traditioneller Kirchenarchitektur. Die gebogenen Linien der Fassadengestaltung, die fantastisch überhängenden Gewölbe, die Fischaugenfenster und Türme im Zuckerbäckerstil – das alles wirkt wie eine Fantasiearchitektur im Geiste eines Disney-Zeichentricks.

Gerade weil Gaudí mit der Opulenz und dem Größenwahn mittelalterlicher Kathedralen in einem fiebrigen Dialog steht, funktioniert sein Hauptwerk als Sakralbau derart großartig, dass inzwischen pro Jahr knapp fünf Millionen Menschen in die immer noch unfertige Basilika strömen und dabei mehr als 130 Millionen Euro in die Kasse der Bauhütte spülen. Denn auch die Finanzierung passt zu einem Katholizismus, der sich eher aus persönlicher Frömmigkeit speist als aus spießiger Kirchensteuer: Nur durch Spenden und durch Eintrittsgelder wird die stetig gen Himmel wachsende Kirche finanziert, seit 1883 der gerade einmal 31-jährige Gaudí die Bauleitung übernahm.

Die visionäre Sturheit, mit welcher der Architekt noch über seinen Tod hinaus die Realisierung eines lange für unausführbar gehaltenen Riesentempels durchsetzte, hat längst Millionen Katholiken bis hinauf zum Pontifex beeindruckt, begeistert aber auch Kunstfreunde, Touristen und neugierige Passanten, die tagtäglich im schicken Viertel Exaimple nördlich der Altstadt von Barcelona ihre Blicke zum Himmel und zum fragil wirkenden Turm-Ensemble richten.

Längst ist die Sagrada Família die berühmteste Baustelle der Welt und Hauptattraktion im an Sehenswürdigkeiten wahrlich nicht armen Barcelona. Gaudí selbst kommentierte den stockenden Fortgang seines Bauprojektes, das während des Ersten Weltkriegs ebenso darniederlag wie während der Corona-Pandemie, mit den lakonischen Worten: „Mein Auftraggeber hat keine Eile.“ Dieser Verweis auf die geräumige Terminplanung Gottes dürfte die Päpste endgültig zu Fans des Eigenbrötlers Gaudí gemacht haben.

Der Sohn einer Dynastie von Schmieden aus dem katalanischen Städtchen Reus hatte in den 1870er Jahren mit schickem Anzug und Zigarre noch zu den Dandys im aufstrebenden Barcelona gehört. Während der Direktor der Architekturschule nicht sicher war, ob er es mit einem Verrückten oder einem Genie zu tun hatte, förderte vor allem der katalanische Unternehmer Eusebio Güell den schrulligen Künstler, der nicht nur seine Wohnhäuser und Fabriksiedlungen plante, sondern sich auch von der Ziegelglasur bis zur Lampe um die Details des Designs selbst zu kümmern pflegte. Gesamtkunstwerke wie der heutige Park Güell oder Stadtpaläste wie die Casa Batlló wurden zu ihrer Zeit bespottet, gehören jedoch heute zum Weltkulturerbe und ziehen die Massen an.

Zwölf Apostel, 18 Türme

Während seine Karriere Fahrt aufnahm – manche sagen, nach einer enttäuschten Liebe –, entdeckte Gaudí in sich eine religiöse Berufung. Er entschloss sich zu einem asketischen und keuschen Lebensstil und widmete sich, nachdem ein erstes Kirchenprojekt für den Mäzen Güell nicht weitergebaut wurde, mit den Jahren fast ausschließlich „seiner“ Sagrada Família. Hätte der Architekt 1926 erfahren, dass erst knapp hundert Jahre später der gewaltige Christusturm vollendet sein würde, hätte er wohl nur mit den Schultern gezuckt.

Obwohl seine Pläne recht detailliert waren, erlebte er selbst nur die Fertigstellung der sogenannten Geburtsfassade mit der verspielten Bethlehemlegende. Die strengere Passionsfassade kam viel später hinzu. Und die Vollendung der Glorienfassade, des geplanten Hauptportals, wird derzeit auf frühestens 2035 projektiert. Weil aber Anwohner und Ladenbesitzer vehement gegen dafür notwendige Abrisse klagen, könnte sich die Fertigstellung auch noch viel länger hinziehen.

Bleibt der gigantische Turm, dessen Triumphkreuz aus Glas und weißer Keramik nach der Papstmesse zum ersten Mal im Nachthimmel die Silhouette von Barcelona überstrahlen wird. Das Kreuz, das tagsüber das Sonnenlicht reflektiert und bereits im Februar aufgesetzt wurde, ist 17 Meter hoch und krönt damit den höchsten Kirchturm der Welt. Bis zu diesem Jahr hielt das Ulmer Münster mit 161,5 Metern diesen Rekord. Nun lieferte ausgerechnet ein schwäbischer Fassadenbauspezialist aus dem Ulmer Umland, die Firma Gartner aus Gundelfingen an der Donau, die begehbaren Stahlträger für das Kreuz der Sagrada Família.

Gaudís Meisterwerk ist damit ganze elf Meter höher als das Ulmer Münster, doch immer noch einen halben Meter niedriger als Barcelonas Hausberg, der Montjuïc (173 Meter). Gemäß der privaten Theologie Gaudís nämlich sollte Gottes Natur nicht vom Menschenwerk überragt werden. Ähnlich symbolisch ist das ganze Bauprogramm bis zu den kleinsten Skulpturen angelegt. 18 Türme weist die Sagrada Família auf, zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten (Matthäus und Johannes haben demnach doppelt die Ehre) sowie je einen für Maria und für Jesus, dessen Turm naturgemäß über den anderen thront.

Papst Leo XIV. werden die Leiter der Bauhütte solche Feinheiten erklären; und der Pontifex wird sich das alles wohlwollend anhören. Den Schwerpunkt seiner auffallend ausführlichen Spanienreise bildet die Messe in der Sagrada Família trotz der Anwesenheit des spanischen Königspaares allerdings nicht. Im Geist der Befreiungstheologie, der auch sein Ziehvater Franziskus anhing, besichtigt der aktuelle Papst noch ein katalanisches Gefängnis und fliegt am Schluss seiner Reise für zwei Tage von Barcelona nach Gran Canaria und Teneriffa. Dort widmet sich der Papst ostentativ der Betreuung von Bootsflüchtlingen.

Statt einer Ecclesia triumphans mit Rekordturm zu huldigen, beugt sich der Papst lieber zum Boden der geistlichen Nahrungskette. Bei den konservativsten spanischen Christen, die meist in der migrationskritischen Partei Vox oder den Erben des erzkatholischen Franco-Regimes anzusiedeln sind, dürfte sich der Papst als Seelsorger der Häftlinge und Migranten weniger Freunde machen als bei der sozialistischen Regierung von Pedro Sánchez, mit welcher der Politiker Leo auch bei seiner Israelkritik allerhand politische Übereinstimmung findet.

Auch Antoni Gaudí war als überzeugter Katalanist ein politischer Kopf. Er ließ sich 1924 wegen seiner Weigerung, Kastilisch zu sprechen, sogar einsperren und redete auf seiner Baustelle sogar mit dem damaligen König Alfons XIII. ausschließlich Katalanisch. Doch statt sich ins Parlament wählen zu lassen, zog sich der fromme Architekt bewusst aus der Öffentlichkeit zurück.

Der allmorgendliche Gang zur Messe im Oratorium des heiligen Philipp Neri wurde ihm am 7. Juni 1926 zum Verhängnis. Eine Straßenbahn erfasste ihn, und wegen seines spartanischen Aufzugs und ohne Papiere, hielt man ihn für einen Bettler. Nicht angemessen versorgt, wurde Gaudí erst drei Tage später von seinen Mitarbeitern in einem Armenspital gefunden. Am 10. Juni, vor genau hundert Jahren, starb der Visionär, den seine geliebte katholische Kirche wohl bald seligsprechen wird – als Sinnbild für eine Ästhetik, die mit geschwungenen Bögen geradlinig ihr Ziel erreicht.

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