Das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale auf dem Gelände des Kyjiwer Höhlenklosters ist bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt schwer beschädigt worden. Das zeigten Aufnahmen, die unter anderem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte. In der Nacht waren russische Flugkörper in das als Unesco-Weltkulturerbe ausgezeichnete Kloster eingeschlagen und setzten die Kathedrale in Brand.
Zwei russische Drohnen hätten »gezielt« den Teil der Stadt, in dem sich das Kloster befindet, angegriffen, schrieb Selenskyj auf X. Videoaufnahmen zeigten ihn bei der Begutachtung der Schäden. Die Brände dort sowie im Kultur- und Museumskomplex Mystezkyj Arsenal seien gelöscht worden.
Russland greift Ukraine mit Hunderten Drohnen und Raketen an
In der Nacht hatte Russland die Ukraine mit schweren Luftangriffen überzogen. Nach Angaben des ukrainischen Militärs setzte Russland dabei 611 Drohnen, 34 ballistische Raketen, 30 Marschflugkörper und sechs Hyperschallflugkörper des Typs Zirkon ein. 582 Drohnen, 15 ballistische Raketen und 35 Lenkflugkörper seien abgeschossen worden.
Kyjiw stand im Zentrum der Angriffe: Tymur Tkatschenko, der Militärgouverneur Kyjiws, sprach von mehr als 40 Einschlägen in der Hauptstadt, in der laut Bürgermeister Vitali Klitschko fünf Menschen getötet und 35 verletzt wurden. Landesweit kam es nach ukrainischen Angaben zu elf Toten.
Metropolit Epiphanius, Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, berichtete in der Nacht von dem Angriff auf das Höhlenkloster. Mit der Kathedrale auf dem Klostergelände stehe »eines der heiligsten Orte der christlichen Welt« in Brand, schrieb er auf X. Es handle sich um ein »russisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Geschichte, gegen das Christentum«.
Unesco und europäische Regierungen verurteilten Attacke auf Kloster
Der weitläufige Komplex aus Klöstern und Kirchen ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Kyjiws. Er entstand zwischen dem 11. und 19. Jahrhundert. Einige der Kirchen der Anlage sind durch ein weitverzweigtes Höhlensystem miteinander verbunden. Die getroffene Kathedrale ist das Herzstück des Klosters. Sie war bereits 1941 im Zweiten Weltkrieg zerstört worden und wurde in den Neunzigerjahren wiederaufgebaut.
Das Kloster hat nicht nur eine Bedeutung für die Ukraine, sondern gilt als eine der wichtigsten Stätten der orthodoxen Christenheit. So war es eines der ältesten Klöster des Großfürstentums Kyjiw – eines mittelalterlichen slawischen Staats, auf den die historischen Wurzeln der Ukraine, Russlands und von Belarus zurückgehen.
Der Angriff auf das Unesco-Welterbe löste international Empörung aus. Die UN-Kulturorganisation verurteilte die Attacke: »Die Beschädigung solcher Einrichtungen beraubt Gemeinschaften des Zugangs zu Kultur, Bildung und gemeinsamen Räumen, die für den Wiederaufbau und den sozialen Zusammenhalt unerlässlich sind«, teilte die Unesco mit. Die Organisation sei bereit, dabei zu helfen, die Schäden zu bewerten und die nötigen Wiederaufbaumaßnahmen zu ermitteln.
Auch mehrere westliche Regierungen verurteilten den Angriff. Er zeige, »wie wenig ausgeprägt die Bereitschaft auf russischer Seite ist, irgendwas in Richtung einer Beruhigung und einer Befriedung dieses Konfliktes zu tun«, teilte Regierungssprecher Sebastian Hille mit. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot verglich das Kloster mit den wichtigsten Kathedralen von Paris: Der Angriff auf das Höhlenkloster bedeute für die Ukraine, »was für uns in Frankreich so wäre, als ob Notre-Dame oder Saint-Denis bombardiert worden wären, was völlig inakzeptabel ist«, sagte Barrot. Auch Regierungsvertreter weiterer europäischer Länder sowie Vertreter des Europarats und weiterer europäischer Institutionen verurteilten die Attacke.
Russland dementiert Angriff, SBU veröffentlicht Drohnenfotos
Russland dementierte indessen, für den Brand des Klosters verantwortlich zu sein. Das Kloster sei angeblich von einer US-Flugabwehrrakete des Typs Patriot beschädigt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Russland attackiere keine zivile Infrastruktur. Die Flugabwehrrakete sei auf dem Klostergelände eingeschlagen, weil »westliche Länder dem Kyjiwer Regime Raketen geliefert haben, deren Verwendungsfrist bereits abgelaufen war«, behauptete das Ministerium. Die nächtlichen Angriffe hätten mehr als einem Dutzend militärischer Ziele in Kyjiw und weiteren ukrainischen Städten gegolten.
Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU widersprach dem. Der Geheimdienst veröffentlichte Fotos, die Teile einer russischen Geran-2-Langstreckendrohne zeigen sollen, welche auf dem Klostergelände gefunden worden seien. Markierungen auf den Bauteilen zeigten, dass die Drohne in der russischen Drohnenfabrik Alabuga in Tatarstan hergestellt worden sei, wo täglich Hunderte Drohnen dieses Typs gebaut werden.
Die ukrainische Regierungschefin Julija Swyrydenko kündigte einen Wiederaufbau des Klosters an. Die Regierung werde dafür Mittel bereitstellen. Zahlreiche private Spender hätten sich zudem bei ihr gemeldet, um ebenfalls zum Wiederaufbau beizutragen, schrieb Swyrydenko auf X. Präsident Selenskyj kündigte außerdem eine »Antwort« auf den Angriff an.