Kultur

Comiczeichnerin Marjane Satrapi mit 56 gestorben – „vor Kummer“, sagen die Angehörigen

Comiczeichnerin Marjane Satrapi mit 56 gestorben – „vor Kummer“, sagen die Angehörigen

Die französisch-iranische Autorin und Regisseurin Marjane Satrapi lebt nicht mehr. Familie und Freunde Satrapis machten die Nachricht öffentlich. „Marjane Satrapi ist vor Kummer gestorben, gut ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihres Ehemanns und der Liebe ihres Lebens“, heißt es in der Mitteilung der Angehörigen. Der Produzent, Schauspieler und Drehbuchautor Mattias Ripa war am 8. April 2025 gestorben.

Marjane Satrapi wurde mit ihrer autobiografischen Graphic Novel „Persepolis“ weltweit bekannt. Die spätere Animationsverfilmung, bei der sie selbst Regie führte, feierte 2007 in Cannes Premiere und erhielt eine Oscar-Nominierung.

Satrapi wurde am 22. November 1969 in Rasht im Iran geboren und profilierte sich als scharfe Kritikerin des theokratischen Regimes in Teheran. Für die Reputation des Genres Comic und das grafische Erzählen war Marjane Satrapi als Künstlerin prägend. Als „Persepolis“ 2004 auf Deutsch herauskam, nachdem es sich in Frankreich schon 200.000-mal verkauft hatte, musste man deutschen Lesern noch erklären, dass ein Comic sehr wohl auch hochpolitische Themen verhandeln kann. Selbst 15 Jahre nach Art Spiegelmans „Maus“ war das nötig. Doch Satrapis Buch trug entscheidend dazu bei, dass heute in „Graphic Novels“ prinzipiell alles verhandelt werden kann, was auch in rein textlicher Belletristik möglich ist. „Persepolis“ wurde quasi zum Sofortklassiker – auch darin „Maus“ nicht unähnlich.

In diesen Tagen lohnt sich die Lektüre von „Persepolis“ mehr denn je. Denn man erfährt, wie die islamische Revolution in Teheran dem Land und der Welt das scheinbar unendliche und unüberwindbare Grauen eingebrockt hat. Erzählt wird die Geschichte durch die Augen eines Mädchens, das die Umwälzung von 1979, den iranisch-irakischen Krieg und die sich immer mehr verschärfende Unterdrückung durch das Ayatollah-Regime zunächst naiv sieht.

Man erfährt, dass die persische Revolution von großen Teilen derjenigen, die damals gegen den Schah rebellierten, zuerst keineswegs so „islamisch“ gemeint war, wie sie schließlich ausging, sondern dass die Mullahs unter den revolutionären Fraktionen die geschickteste und machtbewussteste waren. Sie eigneten sich den Sieg schließlich exklusiv an, so wie die Bolschewiki 1917 in Russland. Man wird daran erinnert, dass der heute teils verklärte Schah ein Schlächter war, der sein Schicksal verdient hatte – obwohl ihn seine schiitischen Nachfolger später im Blutvergießen übertrafen.

Aber man nimmt auch Anteil am fast normalen Leben einer bürgerlichen Familie aus Teheran. Da streiten sich Dissidentenkinder, welcher Verwandte am längsten im Gefängnis gesessen hat. Die Großmutter stopft sich Lavendel in den BH und hält die Brüste mithilfe von Eiswasser fest. Die Eltern schmuggeln unter Lebensgefahr Kim-Wilde-Poster für die Tochter. Und diese schaut sogar noch lange nach der Revolution in einem „westlichen“ Café zu den Jungs mit den Rod-Stewart-Frisuren rüber. Das alles beschreibt Satrapi in kontraststarken, an Holzschnitte erinnernden Zeichnungen.

Satrapi, die zu diesem Zeitpunkt schon lange im französischen Exil lebte, drehte selbst 2007 zusammen mit Vincent Paronnaud eine Filmversion von „Persepolis“. Im französischen Original sprachen Schauspiellegenden wie Catherine Deneuve und Danielle Darrieux die Rollen der Mutter und Großmutter der jungen Marjane. Ihr selbst lieh Deneuves Tochter Chiara Mastroianni ihre Stimme.

Zu Satrapis weiteren bekannten Werken gehört die Graphic Novel „Huhn mit Pflaumen“ („Poulet aux prunes“), deren Verfilmung sie ebenfalls mit Vincent Paronnaud inszenierte. Außerdem drehte sie die Horror-Komödie „The Voices“ mit Ryan Reynolds in der Hauptrolle sowie „Radioactive“, ein Biopic von 2019 über die zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie.

Ihr letztes Comicbuch erschien 2024 unter dem Titel „Woman, Life, Freedom“. Zwei Jahre zuvor hatte sie die Mahsa-Amini-Proteste öffentlich unterstützt und erklärt, die „Woman, Life, Freedom“-Bewegung sei eine kulturelle Revolution.

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