Kultur

Auch E-Bikes haben Gefühle

Auch E-Bikes haben Gefühle

Der deutsche Kurierradler, jedenfalls soweit er im deutschen Film und Fernsehen vorkommt, was er immer häufiger tut, ist fit. Drahtig und jung, irgendwie links und trotzdem wahnsinnig effizient. Er flitzt – bevorzugt auf einem teuren Singlespeedrad, E-Bikes kann er nicht leiden – für ein alternatives, selbstverwaltetes Start-up durch die Schluchten und über die Pflaster der Großstadt – Velo Punk heißt das dann oder Pedalpiraten.

Mit der Realität der überwiegend migrantischen Lieferhelden, die organisiert und schlecht bezahlt von irgendeinem globalen Bringdienstgroßunternehmen für einen Hungerlohn auf E-Bikes Pizza und Sushi an der Schwelle zu hippen Gen-Zler-Lofts abliefern, hat das natürlich nichts zu tun. Aber wir schweifen ab.

Allerdings nur ein bisschen. Und mit Absicht. Man muss sich nämlich Simon Ostermanns Film „Sommer auf Asphalt“ vorstellen wie einen deutschen Kurierradler in Form einer Tragikomödie. Fix, drahtig, irgendwie links – und geradezu unfassbar effizient. „Sommer auf Asphalt“ – der mit einiger Sicherheit ein Hit im Freiluftprogrammkinosommer werden dürfte – hat kein Gramm Fett auf den Rippen und tut beinahe alles, um anders auszusehen als die Dutzendliebeslieferheldengeschichte irgendeines globalen Unterhaltungsgroßunternehmens.

Nach zehn Minuten liegen sämtliche Konfliktschachteln zur Auslieferung bereit. Vernachlässigte Vaterschaft ist in einer, ungewollte Mutterschaft in einer anderen, Generationskonflikt, sexuelle Sinnsuche, Todsterbenskranksein, Queerness, Sterben. Nach 90 Minuten hat der Plot sie allesamt gut warmgehalten und auf dem geradesten aller dramaturgisch denkbaren Wege an den Kunden gebracht. Alle, die noch leben, sind ein bisschen aus der Puste, aber gleichermaßen traurig und glücklich. Es wird Brecht zitiert. Das hat ausnahmsweise mal nichts mit Antikapitalismus zu tun (für Politik und Gesellschaft interessiert sich „Sommer auf Asphalt“ keine Sekunde), sondern mit Liebe.

Es geht um Les und Bert. Les fährt am Tag für das herrlich bekiffte Alternativlieferando-Start-up namens Pedal Piraten Sachen mit dem Rad durch Hamburg und macht Party in der Nacht. Irgendwer hat sie mit einem leistungsstarken Akku ausgestattet. Vielleicht rast sie auch nur vor etwas weg.

Vielleicht vor der Erinnerung an ihre Familie, vielleicht vor Bert. Der ist ihr Vater. Friseur ist er und lang schon getrennt von seiner Frau. Die schreibt Bestseller, und so richtig kann man sich nicht vorstellen (und will es auch gar nicht), wie sie mal mit Bert hat zusammen sein können.

Eines Abends jedenfalls sitzt Bert vor Les’ Tür. Einen Koffer hat er dabei. Ein paar Tage will er bleiben. Er hat ihr was zu sagen, das sagt er ihr aber nicht. Kriegt es einfach nicht hin. Er hat einen Tumor im Kopf. Viel Zeit ist nicht mehr.

Christoph Maria Herbst radelt los

Les hätte auch was zu sagen, sie ist ungewollt schwanger. Von einem Kindskopf von Kollegen namens Tyler. Viel Zeit ist nicht mehr. Sie will abtreiben. Oder auch nicht. Sie weiß es nicht. Dass Roya, die wahrscheinliche Liebe ihres Lebens, gerade mit einer anderen Frau im Bett lag, als sie auf der Flucht vor Bert vor ihrer Tür steht, verkompliziert die Entscheidung natürlich genauso wie der Unfall, bei dem sie sich den Arm bricht. Sie muss ihr Rad stehen lassen. Bert springt auf und ein.

Jetzt müssen wir kurz zu Christoph Maria Herbst kommen. Der ist Bert. Und von Christoph Maria Herbst könnte man ja auch meinen, er habe einen Elektromotor implantiert, so wie er – flink und fit und ohne ein Gramm Fett zu viel – in jedem Jahr durch gefühlt ein halbes Dutzend Serien und Filme rast. Filme, die er allesamt, kaum dass er in seiner ganzen Christoph-Maria-Herbst-Haftigkeit den Plot betreten hat, in Christoph-Maria-Herbst-Filme verwandelt. Was einem aber komischerweise ganz selten auf die Nerven geht und noch nie einen Och-nö-nicht-schon-wieder-der-Moment ausgelöst hat.

Mit mustergültiger Effizienz lädt er seine Figuren – die sich in ihrer Randkotzbrockenhaftigkeit schon ähneln wie Cousins bei einem Familientreffen – mit gerade jener Wärme und Echtheit auf, dass sie einem nahekommen, auch wenn man sie im Verlauf eines Films am liebsten verprügeln wollen würde. Wenn irgendwann mal die Hauptrolle für ein Friedrich-Merz-Biopic gesucht würde, was der Himmel verhindern möge, Herbst wäre die Idealbesetzung.

Bert ist eine der traurigsten Herbstiaden. Herbst hat einen schon, da sitzt er gerade mal drei Sekunden vor Les’ Tür und schaut extrem dackelig auf. Und er ist nicht allein als Menschlichkeitssupercharger von Brix Koethes schnickschnackfreiem Drahtesel von Drehbuch. Mala Emde ist Les und ist es in ihrer ganzen verletzlichen Stärke und verhuschten Geradlinigkeit großartig. Jenny Schily ist Les’ Mutter, Aaron Hilmer der kindskopfige Vater ihres Kindes, Gina Halter ihre Geliebte und Moritz Führmann der Arzt mit dem gefährlichen Lächeln.

Sie sind hocheffiziente Emotionsauspolsterer, sie machen aus ihren Figuren in den Sekunden, die ihnen manchmal bloß bleiben, mehr als Schraffuren und uns den Aufenthalt im minimalistischen Sattel angenehm. Viel Zeit ist nicht. Sie schaffen das. „Sommer auf Asphalt“ ist ein Lieferheld von Film.

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