Für Millionen Deutsche wird die digitale Welt zur Hürde. Einen Arzttermin buchen, eine Wohnung suchen oder Bankgeschäfte und Behördengänge erledigen: Vieles läuft nur noch per Smartphone oder Computer. Und mit dem neuen digitalen Euro soll künftig auch noch das Bargeld verdrängt werden.
Die Studie „Digital Skills Gap 2025“ zeigt: Nur knapp jeder zweite Deutsche ab 14 Jahren (49 Prozent) verfügt über digitale Basiskompetenzen. 51 Prozent liegen unterhalb dieses Niveaus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind rund 2,8 Millionen Menschen zwischen 16 und 74 Jahren noch komplett offline.
„Wer keinen Zugang oder Übung hat, verliert den Anschluss.“
„Wir haben Geräte, Apps und digitale Verfahren eingeführt, aber kaum gelernt, wie Bürgerinnen und Bürger damit sicher und selbstständig handeln können“, sagt Prof. Dr. Thomas Druyen von der Sigmund-Freud-Universität in Wien.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz seien in Deutschland als Technikprojekt behandelt worden, so der Zukunftsforscher weiter. Thomas Druyen: „Tatsächlich geht es um neues Denken, neues Lernen, neues Verhalten und eine neue Sprache. Wer keinen Zugang, keine Übung, keine Begleitung und kein Selbstvertrauen hat, verliert im digitalen Alltag unweigerlich den Anschluss. Darum brauchen wir eine radikale Zukunftspädagogik als neue Grundbildung: digitale Urteilskraft, KI-Kompetenz und praktische Alltagssouveränität für alle Generationen.“
„Nutzung wird mit Können verwechselt“
Kinder sind fast durchgehend mit dem Smartphone online. Trotzdem gibt es laut der internationalen ICILS-Studie 2023 Defizite: Sogar 40 Prozent der deutschen Achtklässler haben nur sehr geringe digitale Kompetenzen. Der Zukunftsforscher: „Viele können wischen, posten, schauen und chatten, aber sie verstehen nicht automatisch Daten, Algorithmen, Quellen, Manipulation, digitale Arbeitsprozesse oder KI. Hier liegt der Denkfehler: Nutzung wird mit Können verwechselt. Wir brauchen eine verpflichtende Zukunftsbildung: digitale Urteilskraft, KI-Kompetenz, Quellenprüfung, Prompting, Datenschutz, Selbststeuerung und verantwortliches Handeln mit Maschinen.“
Auch Menschen mittleren Alters haben Probleme. Bei den 45- bis 64-Jährigen verfügen nach den vorliegenden Angaben nur 3,5 bis 7 Millionen Menschen (15 bis 30 Prozent) über grundlegende Digital-Kenntnisse. Viele bedienen einfache Apps wie WhatsApp oder Facebook, fühlen sich bei komplizierteren Anwendungen aber unsicher.
Senioren geraten zunehmend unter Druck: Bei den Über-80-Jährigen nutzt nur etwa jeder Zweite das Internet. Viele Rentner besitzen zwar ein Smartphone, verwenden es aber nur sehr eingeschränkt. Der Soziologe sagt: „Eine Gesellschaft darf ihre Bürger nicht digital aussortieren und diesen Vorgang anschließend mit Studien verwalten.“
Wie helfen wir Menschen, die mit der Digitalisierung nicht mitkommen?
Der Zukunftsforscher schlägt vor: „Natürlich kann man Menschen auch mit 50, 70 oder 85 digital weiterbilden, aber nicht durch Broschüren, Hotlines und komplizierte Portale, sondern durch praktische Begleitung im Alltag. Wir brauchen digitale Lernorte in Bürgerämtern, Bibliotheken, Volkshochschulen, Pflegeeinrichtungen, Betrieben und Nachbarschaften. Der Maßstab muss sein: Niemand darf an einem Arzttermin, einem Antrag, einer Zahlung oder einer Behördenleistung scheitern, nur weil die Welt schneller digitalisiert wurde als ihre Bildung. Alle Parteien haben versagt.“
Deutschland sei die Hochburg des Zögerns. Thomas Druyen: „Die Politik hat geschlafen, die Gesellschaft schaut nach hinten, und Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind Spielbälle der Algorithmen. Das ist keine Digitalisierung, sondern organisierte Halbherzigkeit oder der Kniefall vor der Bürokratie. Wenn wir mit der Künstlichen Intelligenz auf Augenhöhe kommen wollen, müssen wir die menschliche Intelligenz radikal erhöhen.“
Zu jeder digitalen Dienstleistung müsse es eine gleichwertige analoge Alternative geben, auch das Bargeld müsse weiterhin als Zahlungsmittel erhalten bleiben.