Es war ein Abschied mit Ansage. Als Tim Cook zum Auftakt der per Video ausgespielten Keynote zur hauseigenen Entwicklerkonferenz WWDC 2026 erschien, lag über der Präsentation ein besonderes Gewicht: Es ist die letzte große Produktvorstellung, die Cook als Vorstandschef begleitet, bevor er das Amt zum 1. September an den bisherigen Hardware-Chef John Ternus übergibt.
Zugleich war es der Versuch, zwei Jahre Stillstand auszubügeln. Schließlich hatte Apple eine grundlegend neue, kontextbewusste Siri bereits 2024 angekündigt – und dann fast zwei Jahre lang nicht geliefert. Diesmal setzte der Konzern weniger auf große Versprechen als auf das Handwerk, das „Feilen an Details“, wie es Softwarechef Craig Federighi nannte.
Apple präsentierte in Cupertino einen Dreiklang: ein flüssigeres, reaktionsschnelleres Betriebssystem, einen ausgebauten Kinder- und Jugendschutz sowie eine neu gebaute KI-Generation rund um „Siri AI“. Deren anspruchsvollste Anfragen laufen künftig über Modelle aus Googles Gemini-Familie. Für Nutzer in Deutschland und der EU hat der Abend allerdings einen herben Beigeschmack – der wohl wichtigste Teil der Neuvorstellung kommt vorerst nicht auf iPhone und iPad. Die neuen Versionen der Betriebssysteme für die Apple-Geräte kommen wie üblich im Herbst.
Siri wird umgebaut
Im Zentrum steht eine von Grund auf neu entwickelte Siri, die Apple zur Abgrenzung „Siri AI“ nennt. Sie soll echte Dialoge führen können, bei denen man hin- und herfragen kann, statt nur einzelne Kommandos abzusetzen. Laut Apple versteht sie den persönlichen Kontext – etwa Fotos, Nachrichten oder Notizen –, erkennt, was gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist, kann Bilder analysieren und greift auf aktuelles Wissen aus dem Netz zu.
Über sogenannte „App Actions“ führt sie mehrstufige Aufgaben quer durch verschiedene Apps aus, etwa Termine anlegen, Fotos heraussuchen und teilen oder E-Mails entwerfen. Aufgerufen wird sie weiter per „Hey Siri“ oder Seitentaste. Auf iPhones mit Dynamic Island erscheint die Animation künftig dort, ein Wischen vom oberen Bildschirmrand öffnet die neue Oberfläche. Neu ist zudem eine eigene Siri-App, in der sich Gespräche später wieder aufrufen lassen, dazu ausdrucksstärkere, anpassbare Stimmen und eine verbesserte Spracherkennung.
Hinter den Kulissen verschiebt Apple die Technik: Die rechenintensivsten Aufgaben übernehmen nicht mehr ausschließlich Apples eigene Sprachmodelle, sondern – das bestätigte Apple offiziell – Technologie aus Googles Gemini. Anfragen werden laut Apple je nach Komplexität auf dem Gerät, über die „Private Cloud Compute“ oder mit Gemini verarbeitet, ohne dass persönliche Daten gespeichert würden.
EU geht leer aus
Für deutsche Apple-Kunden ist das die wichtigste Nachricht des Tages: Siri AI wird auf iPhone und iPad in der Europäischen Union zunächst nicht verfügbar sein. Federighi äußerte sich ungewöhnlich deutlich: „Siri AI wird in der EU zunächst nicht auf iOS und iPadOS verfügbar sein. Wir arbeiten intensiv daran, einen Weg zu finden, der die Privatsphäre und Sicherheit unserer Nutzer gewährleistet.“
Apple begründet die Verzögerung mit dem Digital Markets Act (DMA). Nach Apples Darstellung müsste das Unternehmen jedem virtuellen Assistenten direkten Zugriff auf private Nutzerdaten sowie die Kontrolle über andere installierte Apps gewähren. Und zwar in dem Moment, in dem Siri AI in der EU verfügbar gemacht wird, ohne die notwendigen Schutzmechanismen.
Konkret hieße das laut Apple, jedem KI-System nahezu unbegrenzten Zugriff auf das Gerät zu geben, inklusive der Fähigkeit, Nachrichten zu lesen und zu versenden, Käufe zu tätigen, auf Dateien zuzugreifen und Aktionen in beliebigen Apps auszuführen. Apple verweist auf Sicherheitsforscher, die bereits gezeigt hätten, dass solche Systeme gekapert werden können, um etwa Passwörter und Fotos zu stehlen. Wie eine Lösung aussehen könnte, ist derzeit offen.
Und doch gibt es eine Möglichkeit, auch in Deutschland Siri AI zu nutzen. Allerdings geht das nur auf den Mac-Computern, der Apple Watch und Apples Vision-Brille. Sie müssen dafür allerdings auf die englische Sprache umgestellt werden. Andere Sprachen sollen erst später folgen.
KI auch an anderen Stellen
Jenseits von Siri durchzieht die neue KI-Architektur viele Bordprogramme. Safari ordnet offene Tabs automatisch nach Themen, überwacht auf Wunsch Webseiten auf Änderungen („Notify Me“) und kann per Sprachbeschreibung sogar eigene Browser-Erweiterungen erzeugen. Die Passwörter-App aktualisiert kompromittierte Zugangsdaten künftig weitgehend selbstständig, indem sie sich auf den betroffenen Seiten einloggt und neue Passwörter setzt.
Mail, Nachrichten, Kalender und Telefon liefern kontextbezogene Vorschläge. Die Telefon-App etwa zeigt bei einem Anruf bei der Airline automatisch die Buchungsnummer aus der Mail an. In den Kurzbefehlen (Shortcuts) genügt künftig eine Beschreibung in Alltagssprache, um eine Automatisierung zu erstellen.
Vieles davon ist aus der Android-Welt bekannt. Googles Gemini ist dort bereits tief ins System eingebaut, übernimmt Aufgaben über Apps hinweg und führt natürliche Dialoge – Funktionen, die Apple nun nachreicht. Weil Apple dabei selbst auf Gemini-Technologie setzt, treibt teils dasselbe Modell beide konkurrierende Ökosysteme an.
Apples Alleinstellungsmerkmal soll der Datenschutz bleiben: Während viele KI-Anbieter persönliche Interaktionen standardmäßig speichern, betont Apple die Verarbeitung auf dem Gerät und in der „Private Cloud Compute“, deren Versprechen externe Fachleute überprüfen könnten.
Bilder generieren
Beim Bilderzeugen holt Apple auf. Die neue Version von Image Playground erzeugt nun auch fotorealistische Motive. Bislang wirkten die Ergebnisse betont künstlich. In der Fotos-App fällt vor allem das „Spatial Reframing“ auf: Damit lässt sich der Bildausschnitt nachträglich verschieben, als hätte man die Kamera beim Auslösen anders gehalten, fehlende Bildränder füllt ein KI-Modell auf. Dazu kommen ein verbessertes Retusche-Werkzeug und eine Funktion zum Erweitern von Bildern an den Rändern. Einige dieser Funktionen, darunter die Bildgenerierung, haben Tageslimits, weil sie auf leistungsstarke Servermodelle angewiesen sind. Mehr Kontingent gibt es mit einem iCloud-Plus-Abo.
Abseits der KI verspricht Apple mehr Flüssigkeit: Apps sollen bis zu 30 Prozent schneller starten, neue Fotos bis zu 70 Prozent schneller in der Mediathek erscheinen, AirDrop-Übertragungen bis zu 80 Prozent zügiger laufen. iOS 27 läuft bis zurück zum iPhone 11 und damit auf denselben Modellen wie iOS 26 – ein Kontrast zur oft kürzeren Update-Versorgung vieler Android-Geräte. Die Optik (das im Vorjahr eingeführte „Liquid Glass“) lässt sich nun per Schieberegler von ultraklar bis stark getönt anpassen.
Zudem weitet Apple den Kinder- und Jugendschutz aus. Über ein Kinderkonto greifen altersgerechte Schutzmechanismen. Eltern können Apps und – das ist neu – mit „Ask to Browse“ auch einzelne Websites freigeben, Kontakte kontrollieren und flexible Zeitkontingente für Unterhaltung, Spiele und soziale Medien setzen. Die Empfehlungen entwickelt Apple nach eigenen Angaben mit der American Academy of Pediatrics. Auch der Schutz vor unangemessenen Inhalten in FaceTime und Nachrichten greift künftig nicht nur bei Nacktheit, sondern auch bei Gewaltdarstellungen.
Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit „Business Insider Deutschland“.
Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.