Es gibt Momente, in denen spitzt sich Geschichte – Welt- und Literaturgeschichte – entscheidend zu. Am 17. April 1937 fahren zwei seit Langem befreundete amerikanische Schriftsteller, John Dos Passos und Ernest Hemingway, gemeinsam von Madrid auf ein Fest in der Umgebung. Als sie es wieder verlassen, ist ihre Freundschaft zerbrochen. Auf der Feier zu Ehren einer neu aufgestellten Brigade gegen die Faschisten sind neben Literaten und Kriegsberichtern hohe Militärs der republikanischen Seite anwesend. An diesem Abend erfährt Dos Passos vom Tod seines Freundes und Übersetzers José Robles, dessen Verbleib er seit Wochen aufzuklären versucht.
Robles, wie Dos Passos selbst ein linker, aber nicht straff kommunistischer Intellektueller, hat zuletzt als Dolmetscher für die sowjetische Botschaft gearbeitet. Ende Dezember 1936 wird er in Valencia, dem Sitz der republikanischen Regierung, ohne Angabe von Gründen verhaftet, dann nach Madrid verlegt. Seitdem haben seine Familie und seine Freunde nichts mehr von ihm gehört.
An dem Abend ist es ausgerechnet Hemingway, der Dos Passos die wohl schon länger kursierende Nachricht überbringt, Robles sei erschossen worden, offenbar aus politischen Gründen. Dazu rät er dem erschütterten Autorenkollegen, der solle sich doch um Wichtigeres kümmern als um einen einzelnen Toten. Denn im Krieg komme es auf Größeres an.
In seiner neuen Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) erzählt Paul Ingendaay diese Geschichte als Veranschaulichung eines fundamentalen Konflikts. Ist das Schicksal eines einzelnen im Dienst der moralisch richtigen Sache zu vernachlässigen? Ist der Tod des mutmaßlich unschuldigen Übersetzers – vielleicht ein tragischer Irrtum, wahrscheinlich aber die Beseitigung eines nicht ausreichend linientreuen Genossen – eine Lappalie angesichts des „großen“ Krieges? Im zeitgenössischen Blick, nicht nur der Kriegsparteien, sondern auch und gerade im Blick der intensiv anteilnehmenden internationalen Öffentlichkeit, sollte sich in Spanien das Schicksal Europas, wenn nicht sogar der Weltgeschichte entscheiden. Was zählt da schon ein Toter mehr oder weniger?
Ein Mosaik des Krieges
Die Literatur ist das Reich des Individuums. Und desto mehr, je mehr sie Kunst und eben nicht politische Propaganda ist. Zur Wahrheit gehört dann auch, dass ausgerechnet Hemingway gut ein Jahr später einen Roman beginnen wird, der eine der gültigen Geschichten dieses Krieges erzählt. In „Wem die Stunde schlägt“ wird die Moral des Einzelnen gegen den menschenverachtenden Fanatismus auch der kommunistischen Seite hochgehalten. Auch die Szene einer seiner berühmtesten Kurzgeschichten „Alter Mann an der Brücke“ hat Hemingway im Frühjahr 1938 beobachtet, als der Krieg für die republikanische Seite faktisch verloren ist (auch wenn er sich noch elend lang, bis Anfang 1939 hinquälen wird).
In einer mosaikartigen Erzählweise folgt Ingendaay, als langjähriger „FAZ“-Kulturkorrespondent in Spanien ein exzellenter Kenner der Materie, seinem Figurenensemble in chronologischer Abfolge durch diese knapp drei Jahre. Natürlich sind die bekannten Literaten und Fotografen dabei, die, als Kriegsberichterstatter, schon das zeitgenössische Bild des Krieges geprägt haben.
Neben Hemingway und seiner Kollegin und Geliebten Martha Gellhorn sind das Arthur Koestler, Erika und Klaus Mann, George Orwell, Alfred Kantorowicz, Gerda Taro und Robert Capa, von dem das wohl berühmteste Foto des Krieges, der „Fallende Soldat“, stammt. Doch Ingendaay, der auch die spanischen Quellen souverän überblickt, richtet den Blick auch auf Schwergewichte wie Miguel de Unamuno, Antonio Machado, Chaves Nogales oder den „Hirtendichter“ Miguel Hernández.
Was als Putsch rechter Militärs gegen eine linke Regierung Mitte Juli 1936 beginnt, weitet sich im Verlauf des Sommers zu einem landesweiten, ideologisch hochaufgeladenen und mit größter Brutalität geführten Ringen aus, in dem niemand neutral bleiben kann. Schon kurz nach Kriegsbeginn liefen die für beide Seiten essenziellen Bemühungen um ausländische Waffenhilfe an: hier Italien und Deutschland mit der berüchtigten „Legion Condor“, dort die Sowjetunion und die Internationalen Brigaden, die von der Komintern aufgestellten Freiwilligenverbände – die das 20. Jahrhundert hindurch zu einem Symbol des Heroismus und solidarischen Opfermuts im Kampf gegen die faschistische Barbarei wurden. Die Ausrüstung und Versorgung der Brigaden war notorisch schlecht; die Verluste riesig (von etwa 5000 deutschen Freiwilligen fielen 2000).
Welcher Idealismus gerade zu Beginn unter den Verteidigern der Republik herrschte, zeigen die berühmten Fotos Gerda Taros von Milizionärinnen bei der Ausbildung am Strand von Barcelona, deren „utopische Energie“ laut Ingendaay auch heute noch spürbar sei. Zu ihnen gehört auch die französische Philosophin Simone Weil, von der es ein Foto im ikonischen blauen Overall der Milizen gibt. Sie ist eine der ersten Freiwilligen; schon im August kämpft sie in der Truppe des Anarchistenführers Buenaventura Durruti an der Aragonien-Front.
Oder besser: Weil würde gern kämpfen, ist aber tolpatschig und wegen ihrer extremen Kurzsichtigkeit zum Schießen nicht wirklich geeignet. In die Feldküche abkommandiert, tritt sie in eine in einem Erdloch verborgene Pfanne siedenden Öls. Schwer verletzt, ist damit ihre Laufbahn als Soldatin beendet; doch zur scharfsinnigen Analytikerin der Paradoxien und Lebenslügen der vermeintlichen Verteidiger von Freiheit und Humanität wird sie erst jetzt werden.
Sie schreibt: „Die Notwendigkeit und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch das Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will.“ Damit formuliert Weil das zentrale Dilemma der republikanischen Partei, die sich doch als „Volksfront“ im Kampf für das Gute an sich vereint sieht.
Die Faschisten unter Franco und Konsorten müssen sich nicht um Rechtfertigung bemühen. Massaker wie in der Stierkampfarena von Badajoz, wo 1800 politische Gegner über Tage mit Maschinengewehren hingerichtet werden, senden Schockwellen durch das Land (und genau das ist auch ihr Zweck). In der kulturellen Sphäre sorgt die Ermordung von Federico García Lorca für fassungslose Bestürzung. Auf der anderen Seite aber steht eine gnadenlose Abrechnung mit allen, die irgendwie als Rechte, als Konservative oder Großbürger gelten. Ingendaay erzählt das eindrücklich am Beispiel des Schriftstellers Wenceslao Fernández Flórez, der in Madrid untertauchen muss.
Grauenhafte Dimensionen nimmt die Gewalt gegen den Klerus an. Tausende Geistliche, darunter fast 300 Nonnen, werden regelrecht abgeschlachtet, Kirchen in Brand gesteckt. Jahrhundertealte soziale Konflikte brechen eruptionsartig auf. Der Kampf gegen einen Aufstand von Rechts wird überlagert durch eine soziale Revolution, woraus dann auch der von Moskau verdeckt angefachte blutige Kampf der linken Fraktionen untereinander folgt.
Desillusionierung gibt es auch auf Seiten der Putschbefürworter. Miguel de Unamuno, einer der bekanntesten Intellektuellen Spaniens und Rektor der Universität Salamanca, hatte den Aufstand zunächst begrüßt – als Rettung der christlich-abendländischen Zivilisation gegen die Anarchie. Unter dem Eindruck der Massenerschießungen und der Ermordung Lorcas wendet er sich ab. Bei einer Veranstaltung in Salamanca – hier hat Franco gerade sein Hauptquartier bezogen – kommt es im Oktober 1936 zum Eklat. Der Franco-Vertraute General Millán Astray ruft in eine nationale Hetzrede hinein: „Es lebe der Tod!“ Es ist der Kampfruf der spanischen Fremdenlegion, einer der gefürchtetsten Truppen der Aufständischen.
Auf diese atemberaubende Selbstentlarvung faschistischen Geistes hin, meldet sich de Unamuno zu Wort mit einer legendär gewordenen Rede: „Dies ist ein Tempel des Geistes, und ich bin sein Hohepriester. Ihr seid es, die ihr diesen heiligen Ort entweiht. Ihr werdet siegen, weil ihr über brutale Macht im Überfluss verfügt. Aber ihr werdet nicht überzeugen. Denn um zu überzeugen, braucht ihr das, was euch fehlt: Vernunft und das Recht auf eurer Seite.“
Siegen (auf Spanisch: vencer), ohne zu überzeugen (convencer), darin ist auch für die spätere Deutung der Verlierer schon die Linie vorgezeichnet. Als eindeutiger moralischer Sieger fühlt sich die republikanische Seite von Beginn an. Als sich im Jahr darauf das Kriegsglück zu wenden beginnt – zu Beginn war der rechte Aufstand vor allem in den großen Städten und Industrierevieren durch die Macht der Gewerkschaften gescheitert –, werden Moral und Macht in der Außenwahrnehmung mehr und mehr auseinandertreten. Als die Heinkel He111- und Ju-52-Bomber der deutschen und italienischen Luftwaffen am 26. April die nordspanische Kleinstadt Guernica binnen knapp drei Stunden in ein Flammenmeer verwandeln, wird der Krieg endgültig zum Fanal faschistischer Barbarei.
Schon wenige Stunden nach der Bombardierung ist der amerikanische Reporter George Steer vor Ort; sein Bericht erscheint am 28. April auf der Titelseite der „New York Times“. Der englische „Evening News“ titelt „Der schrecklichste Luftangriff aller Zeiten“. Für eine Weltöffentlichkeit, die noch nichts von Coventry, Rotterdam oder Dresden, geschweige denn von Hiroshima und Nagasaki ahnt, ist Guernica ein Schock. Als Picasso sein unmittelbar unter dem Eindruck der Nachrichten begonnenes Jahrhundertgemälde im spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung im Juli zeigt, gibt es die Kritik daran, dass es das Leiden des Volkes nicht angemessen zeige. Längst wird es heute als ikonische Darstellung der Schrecken des Krieges weit über seinen konkreten Anlass hinaus wahrgenommen.
Jagd auf Verräter
Freilich, gerade während das Schicksal des spanischen Volkes die Welt bewegt, ringen in Barcelona die republikanischen Fraktionen untereinander um die Macht. Truppen der katalanischen Regierung kämpfen gegen die Anarchosyndikalisten der CNT-Gewerkschaft, Kommunisten gegen die antistalinistische POUM-Miliz, in deren Dienst auch George Orwell steht. Und mittendrin der sowjetische Geheimdienst NKWD.
Während in Moskau Stalins Schauprozesse laufen, läuft die Jagd auf vermeintliche Spione und Verräter auch in Spanien auf Hochtouren. Die POUM wird ausgeschaltet; Orwell verliert endgültig seinen Glauben an den Kampf für die gemeinsame linke Sache.
Damit landet Orwell am gleichen Punkt tiefer Resignation wie Dos Passos nach dem Robles-Mord. Zufällig sind sich die beiden in jenen Tagen auch begegnet, Ende April 1937 im Hotel Continental in Barcelona. Beide haben hinterher von einem Gefühl tiefen gegenseitigen Einverständnisses berichtet. Orwell sagt, Dos Passos sei „einer der wenigen Menschen in Spanien, die die Lage erfasst hätten“. Nicht nur bei den späteren überzeugten Antikommunisten, zu denen sich unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen bald auch Arthur Koestler gesellte, galt Spanien als Paradebeispiel für den Verrat an den revolutionären Idealen.
Auch im linken Lager wirken die traumatischen Erfahrungen lange nach, man denke an Hans Magnus Enzensbergers Durruti-Buch „Der kurze Sommer der Anarchie“ oder Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“.
Doch gibt es auch Biografien wie jene des Österreichers Hans Landauer, der als 16-Jähriger zu den Interbrigadisten kommt. Im Januar 1939, kurz vor dem Fall der letzten Bastion Barcelona, gibt es eine letzte Versammlung der verbliebenen Brigadisten, die beraten, was zu tun ist. Wo soll ein Landauer, der in Österreich bei den Roten Falken, dem sozialistischen Jugendverband, war und immer noch keine 18 Jahre alt, nun hin? Nach Hause, in die inzwischen nationalsozialistisch „angeschlossene“ Heimat? Die letzten paar Hundert Mann kämpfen noch einmal verzweifelt gegen Francos Truppen. Schließlich geht Landauer über die Grenze nach Frankreich, wird 1940 in Paris verhaftet, überlebt vier Jahre Dachau und stirbt 2014 als letzter verbliebener Spanienkämpfer Österreichs.
Es sind solche Geschichten, durch die Ingendaays großartig konstruiertes Werk aus der Fülle von historischen Nahaufnahmen und Schlüssellochperspektiven auf dem Buchmarkt herausragt. Es lässt die Dokumente sprechen, die Zeugnisse und Reflexionen der Beteiligten. Und es ergreift Partei nicht für eine Idee, sondern nur, wie es auch die Literatur tut, für den einzelnen Menschen.
Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur. 1936–1939. C.H. Beck, 325 Seiten, 28 Euro.