Wenn der Matchball gespielt ist und die Rede des Siegers verklungen, steht sie immer noch in der Box und schaut glückselig auf den Platz mit dem roten Sand. Längst haben sie alle ihre angestammten Plätze verlassen. Natalia Fateeva (78) bleibt, bis er nicht mehr auf dem Court Philippe Chatrier in Paris zu sehen ist: ihr Enkel. Alexander Zverev heißt er, ist 29 Jahre alt und wird Sonntagnachmittag (15 Uhr, Eurosport und Nitro) gegen den Italiener Flavio Cobolli (24) das Finale der French Open bestreiten.
Es ist sein viertes bei einem Grand Slam, alle bisherigen gingen verloren. Nun, in seinem 41. Anlauf bei einem Major, soll es endlich klappen mit dem Titel. Und die Oma schaut live aus der Box zu, in der dritten Reihe von unten, ganz rechts aus ihrer Sicht. Da saß sie von der ersten Partie an. Jeder muss immer auf demselben Platz sitzen. Zverev, die Nummer 3 der Welt, will es so. Es ist sein Aberglaube. Alle bisherigen Auftritte bei den French Open 2026 hatte er auf diesem, dem größten Platz der Anlage.
In Monte Carlo, München und Rom war Oma Natalia schon dabei, nun auch in Paris. „Mein Großvater ist leider verstorben. Da haben wir sie zu uns geholt“, sagt Zverev. „Sie hat in ihrer Heimat, in Sotschi, wenig zu tun und versucht, so viel wie möglich bei uns zu bleiben.“ Und das genießt sie in vollen Zügen. Zu BILD sagt sie: „Ich bin so glücklich, dass ich Sascha bei einem Grand Slam spielen sehen kann.“ Sie feuert an, klatscht frenetisch bis keiner mehr klatscht und reißt die Arme in die Luft, wenn der jüngere Enkel einen spektakulären Punkt macht.
Oma Natalia stolz auf Enkel Alexander und Mischa
Zwei Reihen vor ihr sitzt ihr älterer Enkel Mischa (38), Alexanders Bruder und Manager. Den hat die frühere sowjetische Meisterin sogar schon mal in Paris in der Qualifikation betreut. „Ich bin auf beide Enkel sehr stolz, was sie aus ihrem Talent gemacht haben“, sagt sie. Natalia Fateeva ist die Mama von Alexanders und Mischas Mutter Irina (59). Die sitzt nicht mit in der Box. Sie ist zu nervös, um ihren Sohn spielen zu sehen. Währenddessen geht sie, wahlweise mit den Hunden, auf der Anlage oder in der Stadt spazieren.
„Meine Oma genießt gerade das Leben so ein bisschen, genießt ihre Enkel und ihre Urenkel“, freut sich Alexander Zverev über ihre Unterstützung. Er hat Tochter Mayla (5), Mischa sogar drei Kinder. Als ehemalige Spielerin weiß Oma Natalia natürlich, was der Enkel da auf dem Platz durchlebt. Als Alexander noch klein war, hat sie selbst noch mit ihm den Schläger geschwungen, ist auch einige Jahre mit den Brüdern gereist. „Es ist zurzeit relativ schwierig, da sie ja einen russischen Pass hat. Das hat daher etwas länger gedauert. Jetzt hat sie ein Visum und reist ein bisschen mit“, erzählt Alexander glücklich. Da merkt man den Familienmenschen, der nicht von ungefähr die Geschicke seiner Karriere in die Hände seiner Liebsten gelegt hat: Vater Alexander senior (66) als Trainer, Mischa wie erwähnt als Manager.
Boris Becker 1996 letzter deutscher Sieger
„Ich würde Sascha (russischer Kosename von Alexander; d. Red,) den Titel von ganzem Herzen gönnen. Ich habe all die Jahre immer vorm Fernseher mitgefiebert, nun bin ich hier und wenn es ausgerechnet da klappt, was kann es für eine Großmutter Schöneres geben?“, sagt Natalia Fateeva. Sie wird freudig registriert haben, dass ihr Enkel souverän die bisherigen sechs Aufgaben gelöst hat. Nur zwei Sätze abgegeben, immer bei sich geblieben, nicht verkrampft, weil die großen Namen alle gestrauchelt sind (Sinner, Djokovic) bzw. verletzt gar nicht erst in Paris waren (Alcaraz) und plötzlich das Tor zum großen Sieg weit offen stand. Seiner Favoritenrolle, die er zeitig im Turnier zwangsläufig übergestülpt bekam, kann er heute nun gerecht werden und zum ersten deutschen Grand-Slam-Sieger bei den Männern sein Boris Becker (58) bei den Australian Open 1996 avancieren.
Dann kann er das Gerede vom „Unvollendeten“ hinter sich lassen, die Szenen, die ihn bis heute verfolgen, wie er 2020 bei den US Open zwei Punkte vom Finalsieg gegen Dominic Thiem (32) entfernt war. Wie er trotz 2:1-Satzführung 2024 in Paris gegen Carlos Alcaraz (23) in den beiden letzten Sätzen einbrach und 2025 bei den Australian Open von Jannik Sinner (24) beidseitig paniert wurde.
„Familie ist das Schönste“
Geht es nach der Oma, wird er seine Karriere mit der letzten noch fehlenden Titel-Kategorie komplettieren. Olympiasieger und zweimaliger Weltmeister ist er schon. „Mir geht das Herz auf, wenn ich ihn auf dem Platz sehe. Er hat für mich eine sehr gute Karriere gehabt bisher, ob mit oder ohne Grand-Slam-Titel“, sagt sie. Doch eines steht für sie noch über allem: „Das Schönste ist, ich habe unsere große Familie um mich, das genieße ich sehr. Das Reisen zu den Turnieren macht sehr viel Spaß.“
Und mit einem Grand-Slam-Sieger in der Familie gleich nochmal so viel. Denn die Ziele werden Zverev nicht ausgehen. Aber er wird nun befreiter aufspielen können, nachdem das erreicht ist, was er spätestens seit dem 15. Juli 2013 wollte. Da absolvierte er in seiner Heimatstadt Hamburg sein erstes Match im Hauptfeld eines ATP-Turniers. Gegen den Spanier Roberto Bautista Agut (heute 38), verlor der damals 16-jährige Alexander 3:6, 2:6.
Damals wird Oma ihn, auf welchem Weg auch immer, getröstet haben. Heute wird sie ihn auf alle Fälle wieder in ihre Arme schließen. Womöglich als Grand-Slam-Sieger.