Berlin – Sie qualmte in Hinterzimmern, Chefetagen und auf den großen Bühnen der Welt: die Zigarre! Sie stand für Status, Genuss und demonstrative Gelassenheit. Jetzt geht es ihr an den Kragen: Die Bundesregierung will die Tabaksteuer auf Zigarren und Zigarillos stärker erhöhen als auf jedes andere Tabakprodukt – um mehr als 1300 Prozent.
Grund ist die Lücke im Bundeshaushalt. Erst hatte das Kabinett unter Finanzminister Lars Klingbeil (48, SPD) Anfang Juli beschlossen, den Steueranteil am Verkaufspreis auf 3,83 Prozent zu erhöhen. Jetzt satteln CDU/CSU und SPD noch einmal drauf: Wie aus einer BILD vorliegenden sogenannten Formulierungshilfe des Bundesfinanzministeriums hervorgeht, soll der Steueranteil bei Zigarren und Zigarillos sogar auf 21,05 Prozent steigen – von bislang 1,47.
Auch Zigaretten, Feinschnitt, Pfeifentabak und Liquids sollen teurer werden. Doch keine Tabakware trifft es so stark wie Zigarren und Zigarillos. Der Nachschlag gegenüber dem bisherigen Regierungsentwurf soll dem Bund ab 2027 rund 750 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich einbringen. Über alle Tabakwaren hinweg belaufen sich die erhofften Mehreinnahmen 2030 auf mehr als 4,4 Milliarden Euro.
Was bedeutet das an der Ladentheke?
In einer Zigarre für zehn Euro stecken heute rund 16 Cent Tabaksteuer. Künftig wären es gut zwei Euro. Doch damit ist es nicht getan: Weil Mehrwertsteuer und Händleraufschlag den Preis zusätzlich erhöhen, könnte aus der Zehn-Euro-Zigarre nach Berechnungen der Branche schnell eine für etwa 16 Euro werden.
Ein Sprecher des Finanzministeriums verweist darauf, dass Zigarren bislang vergleichsweise niedrig besteuert wurden. Die Koalition begründet die Erhöhung zudem mit Jugend- und Gesundheitsschutz. Die Branche hält dagegen: Der typische Zigarrenraucher sei über 35 und rauche nur gelegentlich.
Sorge um Arbeitsplätze
Für den deutschen Tabakmittelstand steht viel auf dem Spiel. Der Bundesverband der Zigarrenindustrie (BdZ) vertritt 22 mittelständische Betriebe mit sieben Produktionsstandorten in Deutschland. Daran hängen 1600 tarifgebundene Arbeitsplätze, hinzu kommen mehrere Tausend bei Zulieferern und im Fachhandel. Die Hersteller müssen die Steuer zudem vorfinanzieren, lange bevor die Ware verkauft ist. „Das können viele Unternehmen nicht stemmen“, warnt BdZ-Geschäftsführer Bodo Mehrlein (58).
Auch Michael von Foerster (59), Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Rauchtabakindustrie, hält die Einnahmeprognosen für überzogen. Bei einem kleinen, preissensiblen Markt lasse sich nicht so rechnen, als würden die Kunden trotz höherer Preise unverändert weiterkaufen. Sein Fazit: „Es ist eine schöne Katastrophe.“
Sinkende Verkäufe, gefährdete Fachgeschäfte, bedrohte Standorte: Am Ende hätte der Bund zwar den Steuersatz vervierzehnfacht, aber womöglich nicht die Einnahmen, die er sich davon erhofft.