Er hat erlebt, wie es bei einer Weltmeisterschaft schiefgehen kann. DFB-Sportdirektor Rudi Völler (66) war Teil der deutschen Mannschaft, die 1994 als Titelverteidiger früh im Viertelfinale scheiterte. Der Kader war zerstritten, dazu kamen Ego-Trips und Disziplinlosigkeiten (Stinkefinger-Skandal um Stefan Effenberg).
Völler: „Guter Teamgeist ist fundamental“
Weshalb Völler vor der WM jetzt auch fast mahnend sagt: „Ein guter Teamgeist ist fundamental. Die gute Stimmung kommt nicht nur durch Quatschereien. Da ist auch die Mannschaft gefordert.“
Aber auch Völler selbst ist mittendrin. Der erfahrene Manager ist eng dran an der Mannschaft, nimmt die Spieler beiseite, trinkt mit ihnen einen Kaffee, bekommt so ein Gespür für das Klima im Team. Und die Vorbereitung lässt hoffen: Innerhalb der Mannschaft scheint es zu stimmen.
Im sechstägigen Trainingslager in Chicago war zu beobachten, in welch unterschiedlichen Grüppchen die Spieler immer wieder zusammenkamen. Teilweise gab es von Bundestrainer Julian Nagelsmann (38) zwei Stunden Freizeit am Tag, auch der Sonntag vor der Abreise ins WM-Quartier war frei. Am Samstagabend zuvor waren rund 15 Spieler des Kaders in einem noblen Chicagoer Nachtclub beim Auftritt von Weltstar „DJ Snake“. Zuvor hatte die Mannschaft gemeinsam zu Abend gegessen.
Schon vorm Abflug in die USA, nach dem 4:0 im Testspiel gegen Finnland in Mainz, hatte es einen Mannschaftsabend beim In-Asiaten „Zenzakan“ in Frankfurt gegeben. In der „Windy City“ speiste die Mannschaft einmal geschlossen beim Italiener „RPM Italian“ am Wasser des Chicago Rivers. Für den Zusammenhalt lässt Nagelsmann bewusst eine lange Leine. Und die Stars genossen es förmlich, größtenteils unbeobachtet durch Chicago flanieren zu können. Dabei zeigten sich gute Freundschaften und Cliquen. Aber auch: eine gute Mischung innerhalb der Mannschaft. Intern heißt es, Antonio Rüdiger (33) sei der Gesprächigste, Pascal Groß (34) habe das größte Fußball-Fachwissen. Und Felix Nmecha (25) finden alle lustig.
Tah hat in der Hierarchie Rüdiger überholt, Kimmich handelte die WM-Prämie aus
Im kurdischen Café „Hevi“ in einer Seitenstraße im Herzen von Chicago waren immer wieder einige Jungs zu Gast, darunter Nick Woltemade (24), Jonathan Tah (30), Flo Wirtz (23), Kai Havertz (26) und Joshua Kimmich (31) – fast wie eine Boygroup posierten sie für ein Foto, lässig im Freizeit-Look. Die Ex-Leverkusen-Stars Tah und Wirtz waren auch in Chicago häufig gemeinsam zu sehen. In der internen Hierarchie ist Mannschaftsratsmitglied Tah nach oben gerutscht, hat Vize-Kapitän Antonio Rüdiger überholt. So verhandelte der Bayern-Star gemeinsam mit Kimmich die Prämien für die WM.
Auch Rückkehrer Manuel Neuer (40) und Torwart-Kollege Jonas Urbig (22) kamen im Café vorbei, waren zuvor wegen des Jetlags schon kurz nach Sonnenaufgang am Strand des Lake Michigan spazieren gegangen. Die Bayern-Torhüter sind eng verbunden.
Neuer ist ein Bindeglied zwischen allen im Team. Selbst mit Oliver Baumann (36), der für ihn das WM-Tor räumen musste, stimmt die Chemie. Nach dem 2:1-Testsieg gegen die USA schlenderten fast alle Spieler allein vom Feld in die Kabine. Auffällig aber: Neuer und Baumann gingen den langen Weg durch die Stadionkatakomben Seite an Seite. Baumann verriet dann hinterher: „Mit Manu verstehe ich mich super. Wir haben nach dem Spiel kurz über ein, zwei Situationen gesprochen.“
Der Bayern-Block ist der größte im Team. Er besteht aus 6 WM-Spielern: Neuer, Kimmich, Aleksandar Pavlovic (22), Leon Goretzka (31), Jamal Musiala (23) – plus Urbig, der als Trainingstorwart mit dabei ist. Zu Spielern aus dieser Gruppe gesellte sich im Trainingslager auch immer mal wieder Nathaniel Brown (22), der privat mit Pavlovic gesehen wurde. Möglich, dass sie künftig sogar gemeinsam auf dem Platz stehen, der Linksverteidiger steht im Fokus des Rekordmeisters.
Newcomer wie Brown werden sofort akzeptiert, können mit Bodenständigkeit punkten. So berichtete der Frankfurter kürzlich von einem Treffen mit Neuer im Home Ground in Herzogenaurach. Er sei beim Essen zu ihm an den Tisch gegangen, um sich dem Weltmeister vorzustellen. Später wusste Brown vor Ehrfurcht nicht einmal mehr zu berichten, ob er den Star-Keeper gesiezt oder geduzt hatte. Auch Topjuwel Assan Ouédraogo (20) ist intern sehr beliebt. Der Leipziger holte sich das WM-Ticket als Ersatz für den verletzten Lennart Karl (18/Muskelbündelriss) auch, weil er nach seinem November-Debüt ein sehr gutes Feedback aus dem Mannschaftskreis bekommen hatte.
Ebenfalls eine ganz enge Freundschaft verbindet den zweitgrößten Klub-Block beim DFB – mit den Stuttgartern Deniz Undav (29), Angelo Stiller (25) und Jamie Leweling (25). In ihrer Freizeit wurden in Chicago auch die England-Legionäre Havertz und Woltemade gesehen. Der frühere VfB-Stürmer ist auch ein enger Kumpel von Alexander Nübel (29), sie tauschen sich oft über Dinge aus, die weit über den Fußball hinausgehen. Auch die Familien kennen sich.
David Raum (28) und Goretzka teilen ebenfalls viele Interessen. In Chicago waren sie shoppen – und das erfolgreich, wie man später an den Einkaufstüten sehen konnte, die sie ins Teamhotel trugen. Sie teilen auch die Leidenschaft fürs Golfen. Als Raum erfuhr, dass es im Teamhotel „The Graylyn Estate“ einen eigenen Golfplatz gibt, klingelte er sofort bei Goretzka durch, und die Freude war groß. Am freien Sonntag zogen auch die Kumpels Nadiem Amiri (29), Malick Thiaw (24) und Nmecha los.
„Uno“ steht bei den DFB-Stars hoch im Kurs
Was in Chicago begann, soll im Base Camp im beschaulichen Winston-Salem (250 000 Einwohner/North Carolina) fortgeführt werden. Angeführt von Kimmich, der die Jungs zum Kreuzworträtseln „anstiftet“. Ebenfalls hoch im Kurs: das Kartenspiel „Uno“, welches auch auf dem Neun-Stunden-Flug in die USA gespielt wurde. Bundestrainer Nagelsmann berichtete bereits von „wilden Partien“. Auch eine Dartscheibe darf nicht fehlen, hier sind Groß und Maximilian Beier (23) ganz vorn dabei. Zur Dortmund-Clique um Abwehr-Boss Nico Schlotterbeck (26) gehören auch Waldemar Anton (29) und Groß als Ex-Borusse. Anton ist für Nagelsmann ein „Klebstoff der Mannschaft“, weil er sämtliche Kulturen verbindet. In Groß sieht der Trainer einen Kaderspieler, der die anderen besser macht und seine Rolle voll akzeptiert.
Gemeinsame Interessen wie Musik oder Mode haben auch die Stars Musiala, Rüdiger und Leroy Sané (30). Die drei verstehen sich super, teilen denselben Humor.
Apropos Sané: Seine viel beschworene, interne Beliebtheit wurde zuletzt auch nach außen hin sichtbarer. Wenn er im Spiel und im Training alles für die Mannschaft gibt, dann gibt die auch alles für ihn, hat Nagelsmann dem formschwankenden Offensiv-Star vor dem Turnier als Auftrag mit auf den Weg gegeben.
Das Ergebnis zeigte sich bei der Generalprobe gegen die USA. Als Sané zum 2:1-Sieg traf, stürmte die halbe Mannschaft – inklusive der Wechselspieler – auf ihn zu. Beinahe schüchtern, aber auch überwältigt, duckte sich Sané dann in der Jubeltraube weg.
Genauso war es, als Raum kurz vor Ende der Partie an der Seitenlinie übel weggegrätscht wurde. Auch hier war die Mannschaft bei der anschließenden Rudelbildung als kollektiver Bodyguard sofort zur Stelle.
Es sei nicht wichtig, den besten Kader der Welt zu haben, sondern das beste Team. Was Kimmich bereits auf dem Weg zur WM als Appell an seine Mannschaft formuliert hat, soll jetzt mit Leben gefüllt werden.