Einmal, da steht ein Mann in der Heidestraße vor seinem Haus, das gerade zwangsentmietet wurde. „Seine Frau war schon vorgefahren, um in der neuen Wohnung alles vorzubereiten. Als es zu regnen begann, kramte Herr Mercier einen Schirm aus einer Kiste. Es war ein rosaroter Kinderschirm mit Mickymäusen darauf. Als der Lkw abfuhr, stand er noch lange da, mit rosa beschattetem Gesicht unter den tanzenden Mäusen.“
Die Heidestraße könnte überall sein. In Wien, Berlin, Koblenz, Wanne-Eickel. Jeder fährt jeden Tag durch eine Heidestraße – durchschnittlich alt, mit durchschnittlicher Geschichte, gezeichnet von durchschnittlichen Bausünden und letzten Kriegswunden, bewohnt von durchschnittlich traurigen Menschen. Eine Kneipe, ein paar Läden, ein Altenheim, eine Kirche, die Bezirksverwaltung, ein Antiquariat. Nicht der Rede wert und nicht der Literatur.
Robert Seethaler sah das offensichtlich anders und hat einen Roman über ein Jahr in der Heidestraße geschrieben, ein Jahr in irgendeiner möglicherweise gar nicht lang vergangenen Vergangenheit. „Die Straße“ heißt er. Und kaum war er erschienen, stand er, wo die Romane des Schriftstellers, Schauspielers, Drehbuchautors und Gegenwartsflaneurs quasi seit seinem Debüt „Der Trafikant“ immer stehen – ganz oben auf der Bestsellerliste.
Seethaler, das ist vielleicht der Kern dieses Erfolges, blickt anders auf die Welt, sieht andere Dinge, ist ein literarischer Sachensucher und Geschichtenrattenfänger vor dem Herrn, macht das Kleine groß, ist ein hochbegabter Ausschnittvergrößerer, ein Mikroskopierer der Menschen und der Menschlichkeit. „Wenn man die Dinge nur lange genug anschaut“, steht in „Die Straße“, an deren Hauswände Seethaler diverse Hinweise auf die eigene Poetologie gesprayt hat, „offenbart sich mitunter eine Schönheit, die hinter jeder Fassade und somit jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.“
Wie eine allmächtige Drohne
Wobei für die Entdeckung der Schönheiten (und der Schrecklichkeiten) hinter den Fassaden der Heidestraße das lange Hinhören mindestens genauso wichtig ist wie das An- und Hinschauen. „Die Straße“ ist sozusagen die Quersumme und Übersteigerung all dessen, was Seethaler literarisch bisher betrieben hat. Das Stimmensammeln, das Bildersäen, das Auskargen der Sprache, die Konzentration und die fast filmische Ausgestaltung von Szenen und Atmosphären, das Weiten einer Momentaufnahme auf knappstem Raum. Seethalers Erzählung fliegt wie eine allen Sinnen mächtige Drohne durch die Fenster und die Lüfte, über die Schultern, um und in die Köpfe, in die Seelen und Herzen jener anderthalb Dutzend Menschen, deren Wege sich in der Heidestraße kreuzen.
„Die Straße“ ist gewissermaßen ein literarisches Wimmelbild mit Tonspur. Man hört den garstigen Dialogen der Alten im „Haus Abendschein“ zu, liest die nie abgesandten Liebesbriefe der Blumenhändlerin, begleitet Dr. Aysal, den aufopferungsvollen Allgemeinarzt mit Neigung zu Schweinelendchen und Bier. Und begegnet den xenophoben Bemerkungen hinter seinem Rücken – von denen, die sich über die Migranten mokieren, die sich angeblich wie ein Pilzgeflecht der Heidestraße bemächtigen.
Die (religionswissenschaftlich völlig verrückte) Legende des (frei erfundenen) Heiligen Jolander wird ausgebreitet, dessen wahrscheinlich Anfang der 1970er Jahre von Maurergesellen hingestümperte Skulptur das einzige bauliche Attribut der ansonsten schmucklosen Heidestraße ist. Der Antiquar erzählt die Geschichte seines Scheiterns. Der Pfarrer verliert seinen Verstand. Das Heidestraßenfest wird – im November! – eröffnet.
Ein Kind holt Tauben vom Himmel. Die Verwaltung beschließt die Gentrifizierung, die Zyniker von der Stadtentwicklungsgesellschaft setzen sie um. Über die Gewalt in den Straßen wird in Eingaben an den Polizeichef geklagt. Menschen verwelken in ihrer Einsamkeit. Ein Obdachloser stirbt. Eine Frau frisst sich einen Panzer gegen die Welt an. Und dann steht der Herr Mercier da am Ende seiner sachlichen Romanze mit der Heidestraße.
Seethalers vielleicht letzter Roman
Gesprächsmitschnitte, Geständnisse, Protokolle, Gebete wechseln sich ab, kommentieren einander. „Die Straße“ ist die hochkomplexe, luftige Chorkomposition, Sinfonie eines Kiezes, in der sich ständig die Tonfälle ändern und die Perspektiven. Könnte einem auf die Nerven gehen, könnte verwirren, tut es aber nicht. Man weiß wunderbarerweise stets, wo auf der Karte der Heidestraße man gerade steckt.
„Die Straße“ könnte, hat Seethaler gerade gesagt, sein letzter Roman sein. Hat er hoffentlich nicht so gemeint. Er kann uns traurige Menschen doch nicht einfach so stehen lassen unter unseren traurigen lustigen Regenschirmen.
Robert Seethaler: Die Straße. Claassen, 240 Seiten, 25 Euro.