Stellen wir uns eine Frau vor, die den Plan hat, schwanger zu werden. Stellen wir uns ferner eine beste Freundin vor, die das aus diesen oder jenen Gründen für eine schlechte Idee hält. Hier sind nun drei anschließende Szenarien denkbar. Erstens: Die beste Freundin rät der Frau zu Verhütungsmitteln. Zweitens: Sie rät der besten Freundin, nachdem sie gegen ihren Rat schwanger geworden ist, zur Abtreibung. Drittens: Sie rät der Frau nach der Geburt, ihr Kind umzubringen. Strenge Katholiken mögen zwischen Szenario zwei und drei keinen moralischen Unterschied sehen; niemand würde jedoch behaupten, Szenario eins und drei seien ein- und dasselbe. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sagt, ein Kind solle besser nicht gezeugt werden, oder ob man sagt, ein Kind habe – etwa weil es in Sünde geboren wurde – kein Lebensrecht.
Der amerikanisch-jüdische Schriftsteller Benjamin Moser, der vor allem für eine Biografie von Susan Sontag bekannt wurde, sieht allerdings keinen Unterschied zwischen Fall eins und Fall drei. In seinem Buch „Anti-Zionismus“, mit dem er den Beweis antreten möchte, dass es völlig legitim und gar nicht antisemitisch sei, den Staat Israel grundsätzlich abzulehnen, zieht er keinerlei Trennlinie zwischen Juden, die vor 1948 gegen die Idee eines jüdischen Staates im Nahen Osten waren, und Juden, die den Zionismus nach 1948 ablehnten.
Historischer und heutiger Antizionismus
Natürlich gab es – hier hat Moser vollkommen Recht – vor der israelischen Staatsgründung jede Menge antizionistische Juden. Manche waren (wie der von Moser angeführte Rabbiner Aaron Samuel Tamares) fromm: Sie glaubten, man müsse mit der Rückkehr ins Gelobte Land warten, bis der Messias gekommen sei. Viele waren (wie der von Moser zitierte Brite Edwin Montagu) Patrioten: Sie hielten sich für Engländer, Franzosen oder Deutsche mosaischer Konfession und nichts weiter. Wieder andere waren (wie der Ägypter Isidor Salvador Saltiel, der sich später Ahmad Sadiq Saad nannte) Marxisten: Sie dachten, dass der Kommunismus alle Menschheitsprobleme, also auch das jüdische, auf einen Rutsch lösen würde.
Doch nachdem der Staat Israel gegründet worden war, änderte sich die Bedeutung des Wortes „Antizionist“ fundamental. Von nun an bedeutete die Ablehnung des Staates Israel mehr als die Gegnerschaft zu einem utopischen Projekt. Sie bedeutete die Verbrüderung mit Leuten, die Israel nicht nur mit geistigen Waffen bekämpften. Das wiederum zog ein paar unangenehme Fragen nach sich: Was, bitte schön, sollte an die Stelle des zionistischen Staates treten? Die Hälfte aller Juden in der Welt, etwa sieben Millionen, lebt heute in Israel; die meisten von ihnen stammen nicht von europäischen, sondern von orientalischen Juden ab. Was soll mit diesen Menschen nach dem Ende des Zionismus geschehen? Wer garantiert, dass sie nicht massakriert, vergewaltigt, versklavt werden wie die Angehörigen so vieler anderer ethnisch-religiöser Minderheiten im Nahen Osten?
In seinem Buch stellt Moser sich keiner einzigen dieser Fragen. Vielleicht liegt das daran, dass er aus einer privilegierten Familie stammt: Seine deutsch-jüdischen Vorfahren konnten – weil es eine in den Vereinigten Staaten geborene Cousine gab – problemlos nach Amerika auswandern. Die meisten jüdischen Familien in Europa hatten dieses Privileg nicht: Sie saßen am Ende der 1930er Jahre ausweglos in der Falle.
Wie privilegiert Benjamin Moser ist, zeigt ein Satz, der ziemlich weit vorn in seinem Buch steht: Nach 1945, schreibt er, sei Israel für Juden „der mit Abstand gefährlichste Ort der Welt“ geworden. So etwas kann nur ein Irrsinniger – oder eben ein ahnungsloser Amerikaner behaupten. Hat Moser noch nie etwas von den vielen Pogromen im Polen der Nachkriegszeit gehört, von denen jenes in Kielce nur das berühmteste ist? Weiß er nichts von dem Pogrom in Aden? Hat er keine Ahnung von den DP-Camps in Deutschland, die nur durch die Besatzungsbehörden vor dem offenen Judenhass der Bevölkerung geschützt wurden?
Ein Buch mit etlichen Lücken
Mosers Buch weist empfindliche Lücken auf: An keiner Stelle erwähnt er die Konferenz von Évian, in der 1938 alle europäischen Staaten (zur großen Freude von Goebbels) ihren Unwillen bekundeten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Konferenz bewies, dass die Zionisten im wichtigsten Punkt Recht hatten: Juden brauchten eine Zuflucht, weil auf die anderen Nationen kein Verlass war. Nirgendwo kommt bei Moser der Großmufti von Jerusalem vor, der sich während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis verbündete.
Nirgendwo erwähnt der Autor, dass die deutsche Wehrmacht, wenn sie Generalfeldmarschall Montgomery nicht vor El Alamein gestoppt hätte, bis nach Palästina durchgebrochen wäre – und die Vergasungswagen standen schon hinter der Front bereit. Über all das kein Sterbenswort: Stattdessen erklärt Moser jedes Pogrom, das Araber an Juden verübten, etwa das berühmte Massaker von Hebron aus dem Jahr 1929, für die Schuld der Zionisten, was doch ziemlich frech ist.
Er behandelt in seinem Buch viele Juden, für die auch das Jahr 1948 kein Grund war, ihre Meinung zu ändern. Diese Antizionisten eint, dass sie das waren, was man im Englischen als weirdos bezeichnet: Spinner bzw. Psychopathen. Die meisten waren Marxisten. Sie glaubten also auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch an das schöne Märchen von der klassenlosen Gesellschaft, in der alle Leiden schwinden. Nehmen wir Felicia Langer, die 1990 aus Israel nach Tübingen auswanderte; in Europa wurde sie mit allen möglichen Auszeichnungen behängt (Bundesverdienstkreuz inklusive). Langer gilt dem Autor als unbezweifelbare moralische Autorität, obwohl sie noch 1990 Mitglied im Zentralkomitee der stramm stalinistischen israelischen Rakach-Partei war und keine einzige der Schweinereien kritisierte, die im Ostblock passierten (etwa den Umstand, dass Zionisten regelmäßig im Gulag verschwanden).
Ein richtiger Etikettenschwindel muss in dem Kapitel über Hannah Arendt vermerkt werden. Benjamin Moser gibt dort ausführlich den Streit über ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ wieder, das vielen amerikanischen Zionisten in der Tat nicht gefiel. Aber Hannah Arendt konvertierte – bei aller Enttäuschung über den real existierenden Staat Israel – nie zur modischen Religion des Antizionismus: Noch 1967 schrieb sie in einem Brief, es hätte für sie nichts Schlimmeres gegeben, als wenn dem jüdischen Staat im Sechstagekrieg etwas Ernsthaftes passiert wäre.
Dass Benjamin Moser den Krieg Israels gegen die Hamas für einen Genozid hält, sei ihm geschenkt. Offenkundig ist er kein Militärhistoriker und weiß nichts über die entsetzliche Realität der Kriegsführung in urbanen Gebieten. Das Schlimmste an „Anti-Zionismus“ ist aber gar nicht die Ahnungslosigkeit, die hier über beinahe 500 Seiten ausgewalzt wird. Es ist die Tatsache, dass dieses Buch der demokratischen Linken in aller Welt einen Bärendienst erweist. Es verleitet zu dem Schluss, dass es nur folgende Optionen gibt: Entweder man lehnt die Existenz des zionistischen Staates rundheraus ab oder man ist rechts. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Man kann den amtierenden israelischen Premierminister für einen korrupten Lumpen und mindestens zwei seiner Minister für Faschisten halten; man kann von einem Palästinenserstaat an der Seite Israels zumindest träumen – und doch kein Antizionist sein.
Im Übrigen sei Benjamin Moser und den vielen Lesern, die sein Buch zweifellos finden wird, nahegelegt, sich mit dem Werk von Isaac Deutscher zu befassen. Deutscher (1907–1967) war ein polnischer Jude aus einer frommen Familie, der als junger Mann der Kommunistischen Partei beitrat. 1932 wurde er aus der Partei ausgeschlossen, weil er dazu aufrief, zusammen mit den Sozialdemokraten eine Einheitsfront zu bilden; ihm wurde allen Ernstes vorgeworfen, er übertreibe die Gefahr, die vom Nazismus ausgehe. Später wurde Deutscher ein Parteigänger Trotzkis, über den er eine großartige Biografie schrieb. Natürlich war er gegen den Zionismus, den er für eine reaktionäre Ideologie hielt. Aber nach dem Krieg sagte dieser Isaac Deutscher Folgendes: „Hätte ich, statt in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gegen den Zionismus zu streiten, europäische Juden gedrängt, nach Palästina zu gehen, hätte ich vielleicht geholfen, ein paar der Menschenleben zu retten, die in Hitlers Gaskammern ausgelöscht wurden.“
Benjamin Moser: Anti-Zionismus. Warum Anti-Zionismus kein Antisemitismus ist. Aus dem Englischen von Franka Reinhart und Marlene Fleißig. Propyläen, Berlin. 464 Seiten, 34 Euro.