Kultur

„Was, wenn ich mein Weißsein für euch abgelegt habe?“

„Was, wenn ich mein Weißsein für euch abgelegt habe?“

„Alle Weißen raus!“ Mit dieser Aufforderung beginnt die Vorlesung der berühmten indischen Professorin für Postkoloniale Studien, Saraswati (Stephanie Eidt). Nur Studenten, die sich als „Person of Colour“ identifizierten, dürften bleiben. Empörung macht sich breit an der Universität Düsseldorf. „Das ist Rassismus!“, schreien einige. Aber schließlich verlassen dann doch alle Unerwünschten widerwillig den Raum.

Studentin Nivedita (Amanda Babaei Vierira) staunt ungläubig. Für sie ist Saraswati mehr als nur eine Professorin: Vertraute, Muse, Idol, Göttin. Als Saraswati für ein paar Tage wegfährt, überlässt sie Nivedita zum Blumengießen den Schlüssel ihrer Wohnung. Dort findet Nivedita etwas, was ihr den Boden unter den Füßen wegreißt: ein Foto aus Saraswatis Jugend. Saraswatis Haarfarbe: blond. Nivedita stöbert weiter und findet Spuren, die auf einen Betrug unvorstellbaren Ausmaßes hindeuten: farbige Kontaktlinsen, Haarfärbemittel, ein Zeitungsartikel über eine deutsche Austauschschülerin in Indien, bebildert mit Saraswatis Foto und einem anderen Namen: Sarah Vera Thielmann. Ein Name, wie er deutscher nicht sein könnte.

Hat ihre geliebte Professorin ihre indische Identität nur vorgetäuscht, um den Lehrstuhl für postkoloniale Studien zu ergattern? Hatte sie etwa einen adoptierten indischen Bruder, dem sie sein Leben erleichtern wollte, indem sie selbst auch zur Inderin wurde, damit er nicht allein mit seiner Außenseiter-Erfahrung war? Stand sie auf Schmerzen und wählte deshalb eine Minderheiten-Identität, die ihr eigene Diskriminierungserfahrungen ermöglichte? Oder fühlte sie sich wirklich, tief in sich drinnen, als „Person of Colour“? Und sind solche Fälle von „Trans-Race“ überhaupt möglich?

Fragen über Fragen, die schon Mithu Sanyals Hochstapler-Roman „Identitti“, auf dem Friederike Jehns Drehbuch des gleichnamigen Films beruht, stellte. Die Verfilmung unter der Regie der deutsch-syrischen Filmemacherin Randa Chahoud („Deutschland 89“, „Deutsches Haus“) bleibt nah an der satirisch-gewitzten Vorlage und versucht sogar, deren experimentelle Eigenheiten auf die Leinwand zu übertragen.

Wo der höchst gegenwärtige Diskurs- und Debattenroman etwa immer wieder echte Tweets von öffentlichen Intellektuellen zu dem fiktiven Betrugsversuch integrierte, lässt der Film echte Influencer wie Simon David Dressler auftreten, die sich selbst spielen. Verfremdungseffekte wie Bollywood-Tänze, die die Handlung unterbrechen und auf einer anderen Ebene kommentieren, sowie zombieartige, seltsam choreografierte Zuckungsanfälle unter den Studenten, oder auch das imaginierte Alter Ego Niveditas, die Göttin Kali (gespielt von der Rapperin Sabrina Setlur), die Nivedita in entscheidenden Momenten zum Handeln motiviert.

Niveditas Konflikt deutet sich zwar an, scheint aber von keiner allzu großen Fallhöhe getragen: Sie muss entscheiden, ob sie das Geheimnis für sich behalten soll oder aber die Lüge in ihrem Podcast „Identitti“ aufdecken und damit die Zerstörung von Saraswatis Karriere und deren Entfernung vom Lehrstuhl riskieren soll. Einerseits fühlt sie sich betrogen. Andererseits gibt es nicht viele, die für die richtige Seite kämpfen, und sollte sie wirklich zu noch mehr Spaltung innerhalb der Community beitragen? Wäre sie dann nicht undankbar für all das, was sie von Saraswati gelernt hat?

Alles nur Performance?

Wie schon im Roman stehen auch im Film die Diskussionen und Fragen, die mit der explosiven Prämisse einhergehen, im Vordergrund. Spannend wird es immer da, wo Saraswati ihre Argumente so schillernd dreht und wendet, dass selbst die mit allen diskursiven Wassern gewaschene Nivedita nichts zu entgegnen weiß: „Was, wenn ich mein Weißsein für euch abgelegt habe?“, fragt Saraswati mit provozierendem Blick. Sie habe es einfach nicht mehr ertragen, zu den Unterdrückern zu gehören. Oder da, wo der Uni-Mob Saraswatis Verteidigungsversuche mit erhobener Faust niederschreit, und zwar mit Argumenten, die an die ebenfalls aktuell laut geführte TERF-Debatte erinnern. Wo sogenannte „Trans-exklusive radikale Feministinnen“ sich an Trans-Frauen stören, denen sie vorwerfen, sich die weibliche Unterdrückungserfahrung unrechtmäßig anzueignen, da werfen die nicht-weißen Studenten der Universität Düsseldorf ihrer Professorin vor, sich als weiße Deutsche einen Schmerz anzueignen, der nicht ihrer sei – ein Vergleich, der in identitätspolitisch aufgeklärten Kreisen kontrovers diskutiert wird.

Andere Handlungsstränge hingegen, die Potenzial für einen spannungsgeladenen Campus-Thriller à la Donna Tartt geboten hätten, wie etwa die Suche nach Saraswatis mysteriösem Zahnarzt-Bruder, verlaufen im Sand oder in halbherzigen Bollywood-Tänzen. Emotional berührt höchstens die eingeflochtene Hanau-Sequenz, die deutlich macht, dass es bei all dem um mehr geht als um ein postmodernes Spiel mit Identität, Authentizität und Inszenierung.

Wer die Hoffnung hegte, dass es dem Film gelingen würde, Schwächen des Romans auszubügeln, wird leider enttäuscht. Das Gegenteil ist der Fall: Manche Dialoge wirken so holprig, dass man nicht einmal sagen kann, ob es am Drehbuch, den Schauspielern oder der Inszenierung liegt. Besser beraten ist man dann doch mit der Romanlektüre, oder aber mit Cord Jeffersons Film „American Fiction“, der 2024 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt und eine Identitäts-Betrugs-Geschichte inszenierte, bei der einem im positiven Sinne schwindelig wurde.

Der Film „Identitti“ feierte auf dem Filmfest München Premiere und läuft ab November 2026 im Kino.

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