Kultur

Von den Münchener Pinakotheken restituiertes Gemälde von Lesser Ury wird versteigert

Von den Münchener Pinakotheken restituiertes Gemälde von Lesser Ury wird versteigert

Lesser Ury war der Großstadtmaler des urbanen, pulsierenden Berlin. Berühmt wurde er mit seinen Straßenszenen, oft bei Nacht und Regen: Pferdedroschken rollen über das nasse Pflaster des Kurfürstendamms, Automobilscheinwerfer und elektrische Straßenlaternen spiegeln sich auf der Fahrbahn. Elegante Damen erscheinen schemenhaft im Licht der Boulevards, auf dem Weg zum Restaurant oder zur Tanzveranstaltung, begleitet von Herren im Zylinder. Ury folgte ihnen in die Kaffeehäuser der Hauptstadt, ins Café Bauer, ins Josty – und wurde zum Chronisten des feineren städtischen Lebens, das er in Öl auf Leinwand ebenso virtuos impressionistisch festhielt wie in Pastellkreiden auf Papier.

Das Auktionshaus Ketterer in München versteigert nun ein frühes Gemälde, das eine ganz andere Seite des Künstlers zeigt. Denn die Teilhabe an jener besseren Gesellschaft war Ury keineswegs in die Wiege gelegt. Geboren 1861 in eine jüdische Familie im damals preußischen Birnbaum in der Provinz Posen, verlor er seinen Vater im Alter von zehn Jahren. Mit der Mutter zog er nach Berlin, wo er unter schwierigen Bedingungen aufwuchs und Anschluss suchte. Sein Charakter, der als eigenbrötlerisch, einzelgängerisch und nervös beschrieben wird, dürfte ihm dabei nicht nur geholfen haben. Eine kaufmännische Lehre brach Ury ab, um nach Düsseldorf zu gehen und sich an der dortigen Kunstakademie der Malerei zuzuwenden.

Die 1880er-Jahre sind für Lesser Ury unstete Zeiten. Er wechselt die Ausbildungsorte, geht nach Brüssel, Paris, Stuttgart und München. 1883 entsteht das Gemälde „Die Geschwister, Interieur mit Kindern“, das noch von einem veristischen Realismus geprägt ist, formal aber bereits Einflüsse des französischen Impressionismus erkennen lässt. Urys sensibles Gespür für Licht und Schatten fällt hier schon auf.

Das durch das geöffnete Fenster einfallende Sonnenlicht modelliert die drei Kinderfiguren, die ganz still, jedes für sich, im Raum verharren. Ein Mädchen schaut hinaus in die Landschaft, der Junge sitzt lesend am Tisch, die Jüngste blickt den Betrachter scheu an, als habe er sie beim Binden der eben gepflückten Blumen gestört. Allein die Lichtregie verleiht dem streng komponierten Bild häuslicher Ruhe einen Hauch von Dramatik – eine Stilistik, die Ury Jahre später zur Meisterschaft bringen wird.

1887 kehrt Ury nach Berlin zurück. Adolph Menzel unterstützt ihn dabei, wieder Fuß zu fassen. Vom einflussreichen Secessionspräsidenten Max Liebermann wird Ury zunächst gefördert, bis sich beide wegen eines Plagiatsvorwurfs überwerfen. Erst als Lovis Corinth Liebermann nachfolgt, erhält Ury auch in der Berliner Secession seine Chance. Auch Paul Cassirers Galerie (siehe Text oben) war an Urys spätem künstlerischen Durchbruch beteiligt. Zu seinem 60. Geburtstag wird Lesser Ury als „künstlerischer Verherrlicher der Hauptstadt“ gefeiert. 1931 stirbt er in Berlin.

Ketterer weist im Auktionskatalog darauf hin, dass Lesser Urys frühes Kinderbildnis auch ein bedeutendes Dokument jüdischer Sammlerkultur der frühen Moderne ist. Der erste bekannte Eigentümer war der Kunsthistoriker und Publizist Julius Elias, einer der wichtigsten Förderer der Berliner Secession und ein früher Unterstützer Urys. Spätestens ab 1921 gehörte das Bild dem Berliner Bankier und Kunstsammler Curt Goldschmidt. Im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung wurde das Werk 1935 im Rahmen der Zwangsverwertung seines Besitzes versteigert. Goldschmidt floh 1937 nach Paris und lebte während der deutschen Besatzung zeitweise versteckt. Sein gesamtes Vermögen ging verloren. Er starb am 31. März 1947 in Paris.

Die Provenienz ist lückenhaft. 1940 tauchte das Gemälde „Die Geschwister, Interieur mit Kindern“ beim Auktionshaus Lempertz in Köln wieder auf, gekennzeichnet als aus „nicht arischem Besitz“ stammend; Einlieferer und Käufer blieben bis heute unbekannt. 1969 gelangte es in den Bestand des Kunsthändlers Rudolf Neumeister. Wie und wo Neumeister das Gemälde erworben hatte, ließ sich nach Informationen des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste bislang nicht klären. 1972 wurde es von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben.

In diesem Frühjahr restituierte der Freistaat Bayern das Lesser-Ury-Gemälde als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut an die Erben nach Curt Goldschmidt. „Die Rückgabe würdigt die doppelte jüdische Provenienz des Gemäldes – von seinem Schöpfer über seine Sammler bis hin zu seinem Verlust infolge nationalsozialistischer Verfolgung“, sagte der Direktor der Staatsgemäldesammlungen Anton Biebl bei der Bekanntgabe Ende März 2026. Nun kommt das Bild bei Ketterer am 13. Juni 2026 mit einem Schätzpreis von 80.000 bis 100.000 Euro unter den Hammer.

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