Bottrop – Mein Feld der Träume, 50 Meter lang und 26 Meter breit, war umstellt von einem fünf Meter hohen Zaun aus Metall. Dahinter, wo die Brombeeren wuchsen, jubelte die Schalker Nordkurve, die Dortmunder Süd oder die Haupttribüne im Münchner Olympiastadion, je nachdem, welches Spiel ich gerade im Kopf nachspielte.
Es war das Frühjahr 1984, am Rand des Bolzplatzes standen eine Flasche mit Zitronentee und ein Transistorradio, aus dem WDR 2 plärrte, „Sport und Musik“ mit Kurt Brumme am Mikrofon. Die Tore, die Kommentatoren live aus den Stadien in die Konferenzschaltung brüllten, stellte ich umgehend nach: Dremmler lang auf Hoeneß, der legt ab auf Rummenigge, Toooooor! Ich war dann Dremmler, Hoeneß und Rummenigge zugleich, wenn ich meinen nagelneuen Tango-Ball durch die hölzernen Pfosten des Tores vor den Zaun gedroschen hatte. 1:0 für Bayern! Jubelnd drehte ich ab, um mich von den Brombeeren feiern zu lassen.
Der Bolzplatz meiner Kindheit lag in Bottrop im Ruhrgebiet, umrahmt von einem Parkplatz, einer Bahntrasse und einem Kleingartenverein. Jahrelang habe ich dort jeden Nachmittag verbracht, Samstage und Sonntage sowieso. Allein, zu zweit oder mit Dutzenden Kindern aus der Nachbarschaft. Alle spielten mit, groß und klein, dick und dünn. Egal wie alt, egal wie gut.
„Fairness und Konfliktlösung“
Ich muss in diesen Tagen oft daran denken. Die Unesco hat Bolzplätze zum immateriellen Kulturerbe ernannt. „Die Bolzplatzkultur beschreibt das freie, selbstorganisierte Spielen auf öffentlich zugänglichen Plätzen, geprägt von mündlichen Regeln, spontanen Aushandlungen und sozialem Miteinander“, heißt es in der Begründung. Der Bolzplatz bringe „Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammen und fördert soziale Kompetenzen wie Fairness, Teamfähigkeit und Konfliktlösung.“
Mit dem BMX-Rad fuhr ich hin. Schon von Weitem hörte ich das metallische Scheppern des Gitterzauns, wenn ein Ball dagegenschlug, und ich wusste: Geil, die anderen sind schon da! Das Fahrrad ließ ich vor dem Eingang fallen, irgendeiner rief: „Kai is bei uns!“, und dann ging es los. Der Ball hoppelte über den ungleichen Boden aus roter Asche, zermahlener Schlacke aus den Hochöfen der Region. Wir kickten, bis die Knie bluteten, noch heute trage ich Krümel unter der Haut.
Auf Asche, bis die Knie bluteten
Mein Feld der Träume war auch eine Schule des Lebens. Geregelt unter uns und in einer ganz eigenen Sprache, die nur versteht, wer dabei gewesen ist: Drei Ecken, Elfer! Erster alles! Latte, Pfosten rettet, nächstes Tor gewinnt! Eule und ich gegen Schrott! Mehr als 40 Jahre ist das her, ich habe die Rufe noch immer im Ohr.
Machten wir Pausen, dann tauschten wir Panini-Bilder. Bundesliga ’84, Wolfram Wuttke gegen Manni Bockenfeld, für das goldglitzernde Bayern-Wappen bot mir ein Junge aus meiner Klasse eine Mark und die Toni-Schumacher-Karikatur. Wir kickten bis fünf, bis zehn, bis am Abend die Laternen angingen. Das war unser Schlusspfiff, Zeit war relativ, relativ egal. Das Spiel, es dauerte immer länger als 90 Minuten.
42 Jahre später stehe ich wieder auf meinem Feld der Träume. Es ist noch da, aber niemand spielt mehr darauf. Unkraut hat die alte Schlacke erobert, die Brombeeren sind längst durch den Zaun gewuchert. Die Pfosten, mittlerweile aus Metall, sind im Gestrüpp kaum noch zu finden. Noch einmal jage ich den Ball durch das Gestänge. Das Scheppern des Gitters, es klingt wie damals.
Die Kinder des Viertels, die heute die Kinder meiner Spielkameraden von früher sind, gehen lieber auf den neuen Kunstrasenplatz, den man 500 Meter entfernt auf das alte Zechengelände gebaut hat. Dort sind sie Haaland und Ronaldo, noch immer kicken alle mit, egal wie alt, egal wie gut. Drei Ecken sind immer noch ein Elfer.
Wie schön, dass es Dinge gibt, die überdauern.