Tel Aviv – Lange hat US-Präsident Trump Israels Premierminister Netanjahu aus seine Wahlempfehlung warten lassen. So lange, dass selbst amerikanische Diplomaten nicht mehr damit gerechnet hatten. „Uns hat die Wahlempfehlung völlig überrascht. Nichts hatte noch kurz vorher darauf hingedeutet. Aber Trump ist eben Trump“, sagt ein hochrangiger US-Diplomat zu BILD. Erst neun Tage vor der Parlamentswahl am 27. Oktober, bei der Netanjahus bisheriges Regierungslager jüngsten Umfragen zufolge keine Mehrheit erreicht, entschied sich Trump doch noch, dem israelischen Premierminister seine Unterstützung auszusprechen.
In seinem sozialen Netzwerk Truth Social nannte Trump Netanjahu einen „großartigen Premierminister und Krieger“ und einen noch großartigeren Partner für den Frieden im Kampf gegen die Islamische Republik Iran. In Großbuchstaben schrieb Trump an die Israelis gerichtet, dass Netanjahu „EUCH NIEMALS IM STICH LASSEN WIRD!“
„Bibi Netanjahu hat angesichts enormer Widerstände Stärke, Mut und Brillanz bewiesen“, so Trump weiter, „auch angesichts der Widerstände, die sogar aus Israel selbst kamen.“ Der US-Präsident erklärte außerdem, Netanjahu habe „durchgehalten und sei daran sogar gewachsen!“
„Gemeinsam werden wir die Mission zu Ende bringen!“
„Ich habe Bibi in den schwierigsten Zeiten beobachtet“, so Trump. „Normale Männer oder Frauen wären in solchen Situationen unter dem Druck zusammengebrochen. Aber Bibi ist nicht eingeknickt. Im Gegenteil: Er ist sogar stärker geworden und hat sich diese Stärke bis heute bewahrt. Genau diese Art von Partner verlangen die Vereinigten Staaten von Amerika von Israel – einem Land, für das Amerika so viel getan hat.“
Trump rechtfertigte außerdem die gemeinsame amerikanisch-israelische Militärkampagne gegen den Iran. Der Iran sei „sowohl militärisch als auch finanziell systematisch zerstört worden“, erklärte Trump weiter. „Und wenn sie ihren Kurs nicht schnell ändern, werden wir die Sache bald zu Ende bringen.“
„Wenn Israel den falschen Regierungschef hat – und das wäre jeder andere als Bibi“, schrieb Trump, „dann wird Amerika diese Arbeit selbst erledigen müssen. Und dazu bin ich nicht bereit.“ Kurz darauf bedankte sich Netanjahu bei Trump für „die enorme Unterstützung und die Zusammenarbeit“. „Gemeinsam werden wir die Mission zu Ende bringen!“, schrieb der israelische Premierminister auf X.
Trumps Wahlempfehlung „eine große Sache“
Für Netanjahu ist die Wahlempfehlung Trumps Gold wert. Laut einer Studie des Israel Democracy Institute äußerte die Hälfte aller Befragten, das Verhältnis zwischen Israel und den USA sei bei der Entscheidung, welche Partei Sie bei den bevorstehenden Wahlen wählen werden, ein wichtiger Faktor.
Vor diesem Hintergrund nennt der Kommunikationsexperte Shai Bazak Trumps Wahlempfehlung für Netanjahu „eine große Sache“. Bazak diente Netanjahu während dessen erster Amtszeit als Ministerpräsident als Berater und war später israelischer Generalkonsul in Miami und Boston. „Die USA gelten als unverzichtbarer Verbündeter und als großer Bruder Israels. Viele Israelis schätzen Trump, weil sie seine Politik als besonders israelfreundlich wahrnehmen“, so Bazak im Gespräch mit BILD. Doch auch für ihn kam Trumps späte Empfehlung für Netanjahu überraschend.
Noch am Vortag hatten zwei führende Vertreter der Trump-Regierung ungewöhnlich scharfe Worte für die Gewalt extremistischer israelischer Siedler im Westjordanland gefunden. Sowohl US-Botschafter Mike Huckabee als auch Außenminister Marco Rubio forderten die israelischen Behörden auf, entschiedener gegen gewalttätige Siedler vorzugehen. Huckabee verurteilte auf X einen Angriff israelischer Siedler auf die amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine. Er schrieb: „Der Angriff auf eine Fotografin ist ein verabscheuungswürdiger Terrorakt, verübt von maskierten Feiglingen.“ Der US-Botschafter forderte eine umfassende Untersuchung, Festnahmen und strafrechtliche Verfolgung. Die Angreifer sollten seiner Ansicht nach jahrelang ins Gefängnis kommen. US-Außenminister Rubio erklärte wörtlich: „Wir haben die Israelis aufgefordert und fordern sie weiterhin auf, entschieden dagegen vorzugehen.“
Ein Rückschlag für Israels Opposition
Dass Trump ungeachtet der scharfen Kritik seiner Regierung an der Gewalt extremistischer Siedler nun Netanjahu seine Unterstützung zusichert, erschwert zumindest die Argumentation jener Oppositionspolitiker, die dem Premierminister eine Beschädigung der Beziehungen zu Washington vorwerfen. So hatte der prominente Jungpolitiker Yonatan Shalev noch kurz vor Trumps Wahlempfehlung gesagt, Netanjahus Politik habe Israel von den USA entfernt. „Eine der schädlichsten Folgen der Politik dieser Regierung ist die zunehmende internationale Isolation Israels“, so Shalev gegenüber BILD. „Meine Generation trägt die Verantwortung dafür, Israels Ansehen in der Welt wiederherzustellen. Wir wollen, dass die Menschen in Amerika auf Israel blicken und ein modernes, demokratisches und innovatives Land sehen“. Mit nur 23 Jahren wird Shalev bei der Wahl für das israelische Parlament am 27. Oktober aller Voraussicht nach in die Knesset einziehen – als jüngster Abgeordneter aller Zeiten. Shalev hat einen aussichtsreichen Platz auf der Liste von „Beyachad“ (Deutsch: „Zusammen“), dem Wahlbündnis der ehemaligen Premierminister Naftali Bennett und Yair Lapid.
Für die Opposition ist Trumps überschwängliches Lob für Netanjahu ein Rückschlag. Netanjahu selbst könnte Trumps Überraschungsgeschenk nun vor eine ganz praktische Herausforderung stellen: Reichen die verbleibenden neun Tage bis zur Wahl noch aus, um neue Großflächenplakate drucken zu lassen, auf denen er beim Händedruck mit Trump zu sehen ist? Genau mit solchen Motiven hatte der Likud bereits 2019 geworben.