Der Schauspieler Jesse Eisenberg ist am besten als schüchterner und nerdiger Außenseiter und war die Idealbesetzung in „The Social Network“ für Mark Zuckerberg, den intelligenten Studenten, der ein virtuelles Kontaktprogramm schrieb, um seine soziale Inkompetenz auszugleichen. Dem Vernehmen nach soll der reale Zuckerberg seine Darstellung durch Eisenberg als „verletzend“ empfunden haben.
Das ist anderthalb Jahrzehnte her. Nun kommt, wieder geschrieben von dem „West Wing“-Erfinder Aaron Sorkin, „The Social Reckoning“ ins Kino, eine Art Fortsetzung, oder besser: ein Begleitstück. Facebook ist inzwischen ein weltweiter Konzern und Mark Zuckerberg erneut eine Schlüsselfigur des Films. Diesmal wird er von Jeremy Strong gespielt. Strong ist kein Star erster Güte, aber wer ihn je hat spielen sehen, vergisst ihn nicht mehr: Er war der Kennedy-Attentäter in „Parkland“, der Sohn des Konzernchefs in der Serie „Succession“ und – vor allem – der mephistophelische Mentor des jungen Donald Trump, der ihm in „The Apprentice“ sämtliche schmutzigen Tricks beibringt.
Strong ist ein lupenreiner Method-Actor, ein Besessener, der an die Grenzen seiner Rollen geht. Beim Dreh von „The Trial of the Chicago 7“ (auch ein Sorkin-Film) forderte er seinen Regisseur auf, ihn in einer Demonstrationsszene mit echtem Tränengas einzusprühen. Strongs Zuckerberg ist kalt, unnahbar, kalkulierend bis zur Unmenschlichkeit. Wenn Eisenberg verletzend war, ist Strong vernichtend.
Man wird in der Hollywood-Geschichte keinen Film finden, der einen Medien-Mogul derart demontiert hätte, schon gar keinen lebenden und erst recht nicht unter dessen Klarnamen. Der Zeitungszar in Orson Welles’ „Citizen Kane“ war ein Waisenknabe gegen ihn. Die neuen Superschurken des amerikanischen Kinos sind nicht böse Kommunisten oder fiese Dschihadisten, sondern die Chefs der Big-Tech-Riesen. Wir kommen darauf zurück.
Sprüche aus der Werbung haben in einer Filmkritik nichts zu suchen, doch hier sei eine Ausnahme gestattet. In Trailern für den neuen Sorkin-Film, die auf Facebook und Instagram liefen, fällt der Satz „Mark Zuckerberg wird ,The Social Reckoning‘ lieben.“ Das ist, angesichts des verheerenden Bildes, das Zuckerberg abgibt, eine mit Sicherheit falsche Behauptung. Und so vollführt der Trailer gleich im nächsten Satz eine dialektische Rolle rückwärts: „Facebook überprüft die meisten Anzeigen nicht auf ihre Richtigkeit. Warum sollten wir das tun?“
Sorkins Kniff
Damit sind wir mitten im Hauptthema des Films: der Weigerung von Facebook, den Wahrheitsgehalt der Inhalte zu prüfen, die es verbreitet. Der Journalist Jeff Horwitz vom „Wall Street Journal“ möchte wissen, wie die Algorithmen der Plattform funktionieren. Weil sie das als Staatsgeheimnis behandelt, sucht er einen redewilligen Insider. Und er findet jemanden, eine Informatikerin namens Frances Haugen, die zunehmend einen Widerspruch zwischen dem moralischen Anspruch und dem täglichen Handeln des Unternehmens empfindet.
Im Kern ist „The Social Reckoning“ eine Neuauflage des Watergate-Films „Die Unbestechlichen“: Ein unerschrockener Reporter deckt dunkle Macht-Machenschaften auf, mit Mark Zuckerberg anstelle von Richard Nixon; der Big-Tech-Magnat, der auf die Regeln der Gemeinschaft pfeift, statt dem Präsidenten, der glaubt, über dem Gesetz zu stehen. Nun ist es eine Sache, Kriminelle zu entlarven, die für die Politik Einbrecher spielen; das ist handfest. Es ist etwas völlig anderes, einem unsichtbaren Algorithmus auf die Spur zu kommen und nachzuweisen, dass er psychische Abhängigkeiten schafft und extremistische Meinungen fördert.
Sorkin löst das Problem, indem er die Aufgabe auf drei Schultern verteilt: die des ahnungslosen Reporters (dem alles erklärt werden muss), die der Informantin (die gar keine Whistleblowerin sein, sondern nur das System verbessern möchte) und die der Spinne im Zentrum. Wir treffen Mark Zuckerberg bei einer Nachhilfesitzung, bei der ihm eine Trainerin beizubringen versucht, wie er bei der bevorstehenden Befragung im US-Senat möglichst sympathisch wirkt, und die fast daran verzweifelt, dem Boss ein wenig Empathie einzuimpfen; für den zählen einzig Zahlen und Statistiken.
Das ist Strongs Zuckerberg, der dasitzt, als ob er einen Stock verschluckt hätte, der von seinen Untergebenen nur Fakten einfordert und der empört „Ich habe doch ,Nein‘ gesagt!“ ruft, als jemand zu widersprechen wagt. Strong, der seine Figur nicht als Karikatur anlegt, sondern als eine Art autistischen Dämon, der sich aber wenigstens darüber im Klaren ist, was die Leute von ihm denken.
Hier herrscht Klarnamenpflicht
Sorkin ist ein erstklassiger Drehbuchautor und ein guter Schauspielerregisseur. Ein David Fincher ist er nicht, und so steht Finchers „The Social Network“ als Meisterwerk und als Startschuss des Genres vom neuen Medienzeitalter unerreicht da. „The Social Reckoning“ fehlt diese inszenatorische Brillanz, der Film besitzt jedoch einen glasklaren Blick auf die ungeheure gesellschaftliche Bedeutung dessen, worüber er erzählt.
Der Spukgestalt Zuckerberg stehen mit Frances Haugen und Jeff Horwitz zwei geerdete Figuren gegenüber. Haugen – gespielt von Mikey Madison, der Oscar-Gewinnerin aus „Anora“ – ist sich über die Konsequenzen ihrer Handlung im Klaren und fürchtet sich davor (zurecht, wie sich herausstellt). Horwitz – gespielt von Jeremy Allen White, in „Deliver me from Nowhere“ der junge Bruce Springsteen – ist kein Reporter auf Kreuzzug, sondern skeptisch, hartnäckig und verantwortungsbewusst.
Wie Zuckerberg tragen Haugen und Horwitz in dem Film ihre Klarnamen. Ohne Haugens Enthüllungen und ohne Horwitz’ Artikelserie hätte es weder „The Social Reckoning“ gegeben, noch die Klagen von Eltern wegen Gefährdung der psychischen Gesundheit ihrer Kinder, noch die 17 Milliarden Dollar, mit denen sich Meta vor Gericht von solchen Vorwürfen freigekauft hat. „Reckoning“ bedeutet sowohl Rechenschaft als auch Kalkulation.
„Ich weiß, dass es einfachere Feinde gibt“, sagt Horwitz im Film zu einem Kollegen – und bekommt „Die Mafia wäre ein einfacherer Feind“ als Antwort. Die Produktionsfirma Sony – selbst ein Milliardenkonzern – setzte eine kleine Armee von Anwälten an Sorkins Drehbuch, um alle denkbaren Klageanlässe für Meta zu entfernen; letztlich wurde angeblich nur einmal das Wort „bitch“ gestrichen. Außerdem kommt der Name Trump den ganzen Film über kein einziges Mal vor, obwohl „Social Reckoning“ mit der Stürmung des Kapitols durch Trump-Anhänger als dramatischem Höhepunkt endet.
Der Tech-Milliardär als Schurke
Man sollte daran erinnern, dass Horwitz’ Facebook-Serie im Jahr 2021 im „Wall Street Journal“ erschien, jenem Blatt, das Rupert Murdoch ein paar Jahre zuvor gekauft hatte – jener Murdoch, der sich just 2021 in heftigem Streit mit Zuckerberg befand, weil Facebook für die Nutzung von Inhalten aus Murdoch-Zeitungen keine Vergütung zahlen wollte. Man sollte auch daran erinnern, dass Elon Musk Rupert Murdoch persönlich anrief, um sich wegen eines „Journal“-Artikels über seinen Drogenkonsum zu beschweren. Man sollte weiterhin nicht vergessen, dass Zuckerbergs Big-Tech-Bro Jeff Bezos die „Washington Post“ kaufte, die einst den Watergate-Skandal aufdeckte und später unliebsame Positionen von der Meinungsseite verbannte.
Die Tech-Titanen haben ihre Einflussfinger längst in die „alten“ Medien ausgestreckt. Auch Filme sind ein „altes“ Medium. Und dieses Medium hat nun angefangen, sich zu wehren, soweit es dazu noch in der Lage ist. Das war nicht immer so. Zwei Jahre nach dessen Tod porträtierte „Jobs“ den Apple-Mitgründer 2013 als komplexes Genie.
Bald jedoch kippte das Image. In „Jurassic World“ endet ein Tech-Gründer-Typ als Dinosaurier-Fressen. In „Venom“ experimentiert ein Milliardär mit dem ewigen Leben durch Symbiose mit Außerirdischen. Und in „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ entlarvt Daniel Craig einen musk-ösen Krösus als Mörder. Und in der Satire „Mountainhead“ treffen sich vier Stinkreiche (darunter Steve Carell und Jason Schwartzman) angeblich für ein Erholungswochenende, wollen sich aber nur gegenseitig übers Ohr hauen. Der Tech-Milliardär als Schurken-Typ war etabliert.
Inzwischen geht es nicht mehr um Typen, sondern um reale Personen. „Ink“, der neue Film von Danny Boyle, erzählt die Anfänge des Murdoch-Imperiums. „Artificial“ zeichnet den Aufstand bei OpenAI nach, dem Unternehmen hinter ChatGPT. Weder Altman noch Musk, beide namentlich in dem Film, kommen dabei gut weg. Ursprünglich sollte „Artificial“ von Amazon MGM vertrieben werden. Doch Amazon zog sich zurück und erklärte, der Film sei „besser aufgehoben, wenn er von einem anderen Studio veröffentlicht würde“. Diese Entscheidung fiel wenige Monate, nachdem Amazon eine umfassende Partnerschaft mit OpenAI geschlossen hatte. Jetzt soll „Artificial“ von dem kleinen Independent Neon herausgebracht werden. Meta weigerte sich zunächst, einen Trailer für Alex Gibneys vierstündige, wenig schmeichelhafte „Musk“-Dokumentation zu zeigen, und änderte erst nach Protesten seinen Kurs.
Die Frage ist, wie lange es Filme wie „The Social Reckoning“ noch geben wird. Fast alle klassischen Hollywood-Studios befinden sich im Besitz großer Konzerne wie Amazon, Apple, Sony oder Netflix. Die Übernahme von Warner durch Paramount wird durch Milliarden des Oracle-Besitzers Larry Ellison ermöglicht. Ellison ist ein Duzfreund von Donald Trump. Vielleicht bekommen wir in Zukunft mehr Filme wie „Melania“, das andächtig-anbetende Porträt der First Lady. Amazon hat dafür 40 Millionen Dollar bezahlt. „The Social Reckoning“ war nur zehn Millionen teurer.