Moskau – Kaum ein Deutscher war in den vergangenen Jahren näher dran an Russlands Machtapparat und Kreml-Kriegsherr Putin. Doch in seinen drei Jahren als Botschafter in Moskau konnte Alexander Graf Lambsdorff (59) kaum belastbare Kontakte zur Führung aufbauen. Im Gegenteil: Zum Ende seiner Amtszeit schildert er, wie seine Arbeit erschwert und er vom Kreml überwacht und belehrt wurde.
Tage, bevor er sein Büro im Südosten von Moskau endgültig verlässt, spüre er vor allem Enttäuschung. „Ich hatte gehofft, dass während meiner Amtszeit Russlands schrecklicher Krieg gegen die Ukraine enden, sich dieses Land eines Besseren besinnen oder zumindest in Friedensgespräche eintreten würde“, sagte Lambsdorff dem „Spiegel“. Dazu komme „Empörung über die zunehmenden Repressionen hier“. Russland entwickle sich in Richtung sowjetischer Vergangenheit zurück, der Diplomat spricht sogar von einer „Re-Stalinisierung“.
Fünfmal musste Lambsdorff ins Außenministerium
Ihm selbst wurde die Arbeit schwer gemacht. Zugang zum Kreml habe er gehabt, „aber sehr reduziert und in der Sache schwierig und hart“. Wenn es Kontakt gab, dann durch Einbestellung ins Außenministerium. Absurd: Fünfmal seien ihm dort Protestnoten verlesen worden, weil Deutschland angeblich Russlands Souveränität verletze oder russische Journalisten verfolge.
Diese Woche wurde Lambsdorff noch einmal zu Putins Sprecherin im Außenamt, Marija Sacharowa (50), bestellt. Es ging dabei um ein Video der Botschaft über die Benzinkrise. Die Begrüßung war atmosphärisch kühl – wie immer. Diesmal war aber etwas anders: „Selbstverständlich gibt man sich auch unter Diplomaten von Staaten, die politisch große Schwierigkeiten miteinander haben, die Hand. Frau Sacharowa hat sich geweigert, das zu tun.“
Russen leben in einer Realität, „die allein der Kreml für sie schafft“
Der Diplomat zeichnet im „Spiegel“ auch ein düsteres Bild von Putins Reich. „Ich bin Optimist. Aber angesichts der Gesamtlage kann ich momentan nur pessimistisch auf Russlands nahe Zukunft schauen.“ Die Behörden blockierten nicht nur Internetseiten unabhängiger russischer Exilmedien, sondern auch Messenger und sogar das mobile Internet. Dienste wie Instagram, Facebook, YouTube, WhatsApp und X seien in Russland nicht mehr erreichbar. Russen „leben zunehmend in einer Realität, die allein der Kreml für sie schafft“, so Lambsdorff.