Ein Kardinal, ein rotes Vögelchen, hüpft durchs Fenster des kleinen Lofts in Kansas City und sieht Margaret Fairchild (Emily Blunt) durchdringend an. Zum Erstaunen ihres nichtsnutzigen Boyfriends spricht sie plötzlich Russisch, später Koreanisch. Auf dem Weg zur Arbeit – sie ist eine mild exzentrische Wetterfee beim lokalen Fernsehsender – fährt sie zu schnell und wird von einem Polizisten angehalten. Ohne zu wissen, wie ihr geschieht, gibt sie ihm Tipps, wie er die kaputte Beziehung zu seiner Frau und seinem Kind richten kann. Verdattert lässt er sie ziehen.
Im Fernsehstudio wird es noch bizarrer. Vor laufender Kamera verfällt Blunt in ein Klicksprachen-Kauderwelsch. Hunderte Kilometer entfernt ist ein Cybersecurity-Experte (Josh O’Connor) auf der Flucht. Er versteht als einziger jedes Wort.
Anlässlich von Steven Spielbergs Sci-Fi-Klassiker „Unheimliche Begegnungen der Dritten Art“ (1977) bemerkte sein französischer Kollege Jean Renoir einst, Spielberg habe im Prinzip die amerikanische Version von „village fada“ geschaffen, des von Feen berührten Dorfes. Die Außerirdischen waren freundliche Wesen – und gekommen, das Misstrauen und die Zwietracht zu zerstreuen, die der Kalte Krieg über die Welt gebracht hatte.
Bald 50 Jahre später schließt sich der Kreis. Mit „Disclosure Day“ zieht der fast achtzigjährige Großmeister gleichsam die Summe seines Lebenswerks. Wenn bei Spielberg Aliens auftauchen, hat der Mensch verlässlich eine Prüfung zu bestehen, einen rite de passage, die ihn verwandelt und gestärkt daraus hervorgehen lässt. „Unheimliche Begegnungen der Dritten Art“ war eine Lektion im Staunen, „E.T.“ eine in Fürsorge, in „A.I.“ brachte Spielberg uns grenzenlose Liebe nahe und in „Krieg der Welten“ eine zerrüttete Familie dazu, sich zusammenzuschweißen. „Disclosure Day“ nun rührt an eine der brennendsten Fragen der Gegenwart: Was bleibt vom Menschen, wenn er zwar über alle Daten verfügt, aber jede Verbindung zu seinesgleichen gekappt hat? Es ist ein Film über die heilende Kraft der Empathie.
Wie zeitgemäß das ist, zeigt sich an der Website whitehouse.gov/aliens, die das Weiße Haus Ende Mai freischaltete. Wer sie aufruft, landet nicht etwa in einem transparenten Informationsportal der Post-UFO-Ära, gespeist von lange unter Verschluss gehaltenen Akten der National Security Agency über ungeklärte Himmelsphänomene. Vielmehr findet man sich in einer digitalisierten Geisterbahn wieder. Grüne Pixelschrift auf schwarzem Grund evoziert eine Ästhetik, die so schamlos bei „Akte X“ geklaut ist, dass man sekündlich das Erscheinen von David Duchovny erwartet, darüber der raunende Slogan: „They walk among us“ – „sie sind unter uns“.
Die vermeintlichen Invasoren, vor denen hier gewarnt wird, reisen nicht interstellar. Sie kommen nicht in fliegenden Untertassen, sondern zu Fuß, in Schlauchbooten oder auf den Ladeflächen von Pick-ups. Über eine interaktive „Arrest-Map“, die in Echtzeit die Festnahmen durch die Grenzbehörden anzeigt, und eine prominent platzierte ICE-Hotline wird die amerikanische Bevölkerung ermutigt, „suspicious aliens“ zu melden.
Das amerikanische Einwanderungsrecht nutzt den Begriff Aliens traditionell als juristischen Platzhalter für Ausländer. Die neue Denunziationsseite betreibt Politik endgültig als B-Movie. Sie erzählt die Geschichte der globalen Migration als Science-Fiction-Dystopie. Das zynische Spiel mit der doppelten Bedeutung zielt geradewegs auf Entmenschlichung. Der Fremde ist kein Nachbar, kein Kollege, kein Schutzsuchender und kein Bürger in spe – er ist ein Wesen aus einer anderen Welt, dessen bloße Existenz die Integrität der heimischen Biosphäre bedroht.
Auch in „Disclosure Day“ gibt es eine obskure Behörde, die den Aliens gnadenlos hinterherjagt. Sie heißt Wardex und ist so tief im Staatsapparat vergraben, dass selbst amtierende Präsidenten keinen Schimmer von ihrer Existenz haben. Angeführt wird sie von Noah Scanlon (Colin Firth), einem ruchlosen Bürokraten, der sich nach dem Tod seiner Frau emotional verbarrikadiert hat. Im mitternachtsblauen Anzug präsidiert er über Geheimwissen aus 70 Jahren: der UFO-Absturz von Roswell, Area 51, die kleinen weißen Scheiben, die vor den Frontscheiben von Fighter-Jets der Air Force aufblinken und binnen Sekundenbruchteilen davonrasen – alles echt.
Jede Außerirdischenverschwörung, die in den Subforen von Reddit und auf den Conventions von Aluhutträgern diskutiert wird, hat ihren Anker in der Wirklichkeit. Deshalb sehen die Aliens lustigerweise auch genauso aus, wie es die Popkultur seit Jahrzehnten vermutet: spindeldünne Körper, große ovale Köpfe und gebogene Facettenaugen. Scanlons Job ist es, die Beweise zu vertuschen. Im Wardex-Hauptquartier werden die abgestürzten fliegenden Untertassen reverse-engineered, also so gut nachkonstruiert, wie es eben geht. Und in furchterregenden Folterkammern werden überlebende Aliens bei lebendigem Leibe und ohne Betäubung seziert. „Wir brauchen Propofol“, ruft ein Wissenschaftler einmal, bevor er die 18-Zentimeter-Nadel ins Rückenmark einführt. Scanlon keift: „Auf keinen Fall. So haben wir schon In-Vivo-15 verloren!“
Hier kommt Daniel Kellner ins Spiel. Der Cybersecurity-Experte saß einst im Knast. Nach der Entlassung rekrutierte ihn Wardex noch auf dem Parkplatz. Wie sein berühmter Whistleblower-Kollege Edward Snowden half er eine Weile dabei, alle Informationen über extraterrestrisches Leben zu verbergen. Doch dann gelangte er zu jener Überzeugung, die auch als Tagline des Films dient: Acht Milliarden Menschen haben ein Recht auf die Wahrheit. Rekrutiert von einem anderen Wardex-Abtrünnigen, Hugo Wakefield (Colman Domingo), arbeitet er nun fieberhaft daran, die kompletten Daten zu veröffentlichen.
Hier wäre eine fliegende Untertasse nicht schlecht, um zu überwinden, was kein Loch im Plot mehr ist, sondern eine riesige planetare Tiefebene. Warum stellen Daniel und Hugo den ganzen Kram nicht einfach online? Die Frage ist so berechtigt, dass der Film nicht umhin kommt, sie selbst zu stellen. Aber er tänzelt nur verschämt um sie herum.
„Auf keinen Fall“, befiehlt Hugo, während er, wie so oft, wenn er eingeblendet wird, in einer Art gigantischer Theaterkulisse herumläuft, einem surrealen Logistikzentrum, in dem dauernd Wände verschoben und Kulissen getragen werden und dessen Sinn sich erst spät erschließt. Hugo bellt ins Telefon: „Die Menschheit ist noch nicht bereit dafür.“ Spielberg bringt sogar eine abtrünnige Nonne ins Spiel, in Gestalt von Daniels Freundin Jane (Eve Hewson), deren vordringliche Aufgabe darin besteht, den Zweifel zu verkörpern, ob nicht jeglicher Glaube zusammenbrechen müsste, sobald wir von der Existenz höherer Wesen von anderen Sternen erfahren.
Spielberg hat eine andere Lösung im Sinn. Ein subtiler Hinweis darauf findet sich im Namen des Klosters, in das Daniel und Jane fliehen, kaum dass sie Scanlons Schergen entkommen sind. Die Abtei trägt den Namen der Heiligen Klara von Assisi. Der Vatikan ernannte sie 1958 zur Patronin des Fernsehens, weil sie einst, bettlägerig und isoliert, die Weihnachtsmesse aus der Ferne gleichsam an die Wand projiziert gesehen habe. Die Wetterfee Margaret teilt diese Fähigkeit zur spukhaften Fernwahrnehmung. Sie weiß intuitiv, wo sich Daniel versteckt, und rast ihm beherzt hinterher. Übrigens in einer wunderschönen Alfa Giulia, standesgemäß in Kardinalrot, die bald einen spektakulären Leinwandtod zwischen zwei entgegenkommenden Zügen stirbt. Hier zitiert sich Spielberg gut gelaunt selbst – Indiana Jones lässt grüßen.
Jedenfalls überlassen Regisseur und Autor – Spielbergs häufiger Kompagnon David Koepp – nicht mal das kleinste Detail dem Zufall. Und so kehrt der Film in seinem finalen Crescendo in das kleine Fernsehstudio in Kansas City zurück.
Wenn man dieses beinahe anachronistische Beharren auf der alten Technologie interpretieren wollte, könnte man am ehesten spekulieren, dass Spielberg dem Internet als großem Vereinzelungsmedium einen Korb gibt. Das Fernsehen steht für die Gemeinschaft, in der sich die Familie und das Land vor dem Bildschirm versammeln. Das provinzielle Studio in Kansas wird zum Epizentrum einer globalen Epiphanie. Die Welt ruht, und sogar vom Dritten Weltkrieg, der offenbar wegen eines nicht näher erklärten Militärputsches in Nordkorea kurz vor dem Ausbruch steht, will keiner mehr etwas wissen. Während Margaret in einer frühen Szene ihrem genervten Freund noch zu erklären versucht, warum sie unbedingt weiter muss, klauben die Leute panisch Doritos und Coca-Cola aus leergekauften Tankstellenregalen.
Zwischendurch gibt es jede Menge Verfolgungsjagden, Schießereien und High-Tech-Gadgets, mit denen man sich holografisch teleportieren kann. Mit einfachen Mitteln erzeugt Spielberg fantastische Wirkungen, wie damals, als sich in Christopher Nolans „Inception“ die Welt faltete. Aber auch Spielbergs Lieblingsmotive kommen nicht zu kurz: verlassene Farmhäuser, dysfunktionale Familien und Kinder, die so viel mehr wissen und spüren als die Erwachsenen, die Gefühlskälte mit Pragmatismus verwechseln. Der Kampf zwischen Gut und Böse ist eigentlich einer zwischen emotionaler Offenheit und Erstarrung. Wer die Welt als einen Ort begreift, der ohnehin nur Schmerz bereithält, der muss jedes transzendente Wunder als Bedrohung der inneren Ordnung begreifen.
Am Ende erlebt der Bösewicht sein kleines grünes Wunder. Spielberg tanzt hier auf dem schmalen Grat zwischen Katharsis und Kitsch. Aber wer für die fundamentale Schlichtheit großer Gefühle nichts übrig hat, der war bei diesem Regisseur immer schon im falschen Film. Den Bildwelten politischer Paranoia setzt Spielberg einen beharrlichen, fast trotzigen Humanismus des Himmels entgegen. „Disclosure Day“ ist Science-Fiction nicht als Eskapismus, sondern als dessen Gegenteil: ein Hochamt der Menschlichkeit, die stets Gelegenheit hat, sich doch noch von ihrer besten Seite zu zeigen.