Ein Mann fällt aus Deutschland. Und kehrt als Franzose in seine Heimat zurück. So könnte man das Leben eines der wichtigsten deutschen Vertreter der abstrakten Malerei auf den Punkt bringen. Er heißt Hans Hartung. Die 1950er- und 1960er-Jahre wurden seine große Zeit. Da war er auf jeder Documenta zu sehen. Da eilte er von Triumph zu Triumph. 1960 erhielt er den internationalen Preis der Biennale von Venedig. Ein spätes Ankommen. Vom Maler selbst kaum noch für möglich gehalten.
Denn Hartung war wie kaum ein anderer Vertreter der bildenden Kunst in die Mühlen des 20. Jahrhunderts geraten, die wie in so vielen Fällen auch bei ihm wahre Knochenmühlen gewesen waren: Hartung verlor noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges, beim Einsatz als Sanitäter gegen die Wehrmacht, ein Bein. Doch das war nur der Endpunkt einer langen Odyssee. Vorgeschichte, Epoche und Nachruhm werden jetzt in einer sensationellen Ausstellung gezeigt, mit der das Kunstmuseum von Schwäbisch Gmünd wieder einmal beweist, dass es ausstellungspolitisch hierzulande ganz vorn mitspielt. Auf in den Ostalbkreis nach Baden-Württemberg!
Doch erst einmal zurück zu Hartungs langer Lehrzeit. Schon früh hatte der 1904 geborene Leipziger abstrakt gemalt und gezeichnet. Als er 1931 in Dresden seine erste Einzelausstellung bekam, bedeutete das den Durchbruch im Zeichen der Avantgarde. Damit war Hartung seit 1933 als „entartet“ abgestempelt. Der Versuch, auf Menorca Fuß zu fassen, scheiterte ebenso wie die Bemühung, sich mit Nazi-Deutschland zu arrangieren. 1935 ging Hartung nach Frankreich.
Finanziell unterstützt unter anderem durch Picasso, unter dessen künstlerischem Einfluss er damals stand, wovon seine hier erstmals in Deutschland gezeigten Schreckensgesichter der 1930er-Jahre in Öl zeugen, lebte Hartung zunächst das prekäre Leben der Emigranten. 1939 war er so heruntergekommen, dass er in die Fremdenlegion eintrat. Er wurde in Algerien eingesetzt. Dort bekam er immerhin den Auftrag, eine Kaserne auszumalen.
Mit der Niederlage Frankreichs wurde diese Episode 1940 beendet. Zurück in Europa, konnte Hartung bis 1942 in der „freien Zone“ Südfrankreichs untertauchen. 1944 musste er mit der Fremdenlegion ins Kampfgeschehen. Seine Verwundung am Bein ereilte ihn in Belfort. Als verdienter Kriegsveteran erhielt er nun endlich 1946 die ersehnte französische Staatsbürgerschaft und zog wieder nach Paris. Und hier wurde er 1948 von einem Sammlerehepaar aus Stuttgart, Ottomar und Greta Domnick, entdeckt. Was nun begann, war für den Mann von über 40 Jahren der Aufstieg zum Ruhm.
1948: Man macht sich heute kaum einen Begriff, wie es damals bei uns aussah. Deutschland lag in Trümmern. Doch wie wohl niemals zuvor und danach hungerten die Menschen nicht nur nach Brot, nach einem Dach über dem Kopf sowie nach der nötigen politischen Stabilität, um endlich ihr Leben wieder aufzubauen. Sie hungerten auch nach Kunst in einem Ausmaß, das einen heute nur staunen lassen kann.
Nicht zuletzt suchte man hierzulande auch den Anschluss an jene Moderne, die seit 1933 ausgesperrt gewesen war. Man scheute jetzt weder Mittel noch Wege, um nachzuholen, was man versäumt hatte. So auch die Domnicks. Die vielleicht bedeutendsten deutschen Kunstmäzene der Nachkriegszeit, die zuerst in Stuttgart, dann bei Nürtingen auch privat einen in seiner Bedeutung gar nicht zu überschätzenden Ort der Kunst geschaffen haben, an dem sich noch heute viele Arbeiten von Hans Hartung befinden, reisten 1948 nach Paris – wohin auch sonst? –, um sich über die aktuelle Entwicklung auf dem Kunstmarkt zu orientieren.
Dort machte im heutigen Petit Palais gerade ein „Salon des Réalités Nouvelles“ von sich reden. Hier war auch Hartung vertreten. Schnell entwickelte sich eine enge Freundschaft. Sie führte unter anderem dazu, dass Ottomar Domnick 1950 die erste Monografie über den Maler schrieb und ihn in einer Wanderausstellung nach Deutschland brachte. Das Ehepaar stellte sie in nur vier Monaten auf die Beine. Sie startete 1948 in Stuttgart, war dann auch in München, Düsseldorf, Hannover, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, Kassel und Wuppertal zu sehen. Auf diese Weise eroberte Hans Hartung nun im Sturm die Herzen der deutschen Kunstfreunde.
Womit? Mit einer Malerei der gestischen Wucht, die ihresgleichen suchte. Hartungs Bilder trugen keine Titel. Sie gaben den Zuschauern kaum Verständnishilfen an die Hand. Sie waren nach einem sachlichen System nummeriert und hießen beispielsweise „T1945-1“, will heißen „tableau“ (Bild) von 1945, das erste. Doch die Arbeiten waren so beschaffen, dass im Grunde jeder trotzdem verstand, worum es ging. Es ging um Gefühlsstau, um Verarbeitung von Traumata, ja um nichts Geringeres als die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit. Nicht figürlich. Sondern durch Farbe und Form.
Allüberall schwarz. Geballt, verknäult, gebündelt. Aber auch linear ausgebreitet, dann gern aufgeritzt, geschlitzt. Man konnte Trümmer assoziieren. Aber auch die Knoten in der Seele, welche die Katastrophen des Jahrhunderts hinterlassen hatten. Die Wut. Den Schmerz. Das bohrende Sichfragen: Wie konnte es geschehen? Den schwarzen Formationen waren oft gelbe Felder, rote Punkte oder andere über die Leinwand verteilte Flecken zugeordnet. Eine unverwechselbare Bildsprache war hier entstanden, die in der Folge Schule machen sollte. Man hat das Kompositionsprinzip dann „Informel“ genannt. Es entwickelte sich zur malerischen Signatur zweier Jahrzehnte. Und Hartung bot sie in immer neuen Variationen.
War hier gerade von den Farben Schwarz, Rot und Gelb die Rede? Kommt das vielleicht jemandem bekannt vor? Aber fehlt da nicht noch etwas? Muss da nicht noch Blau hinein? Blau wie bleu-blanc-rouge? Gelb wie Schwarz-Rot-Gold? Jawohl, es geht um Frankreich und Deutschland, die beiden „Flügel des Abendlandes“, wie die unsterbliche Formulierung des Dichters Romain Rolland lautet. Deutschland und Frankreich; deutsch-französische Aussöhnung, das war das heimliche Programm von Hartungs Arbeit. So politisch kann abstrakte Malerei sein!
Frankreich, das Land, das den Vertriebenen aufgenommen hatte, blieb denn auch die Heimat von Hans Hartung. Hier hat er sich 1973 an der Côte d’Azur, in Antibes, wohin es schon seinen großen Lehrmeister Picasso gezogen hatte, seinen Wohnsitz gebaut, in dem heute die Fondation Hartung untergebracht ist. Da malte er nun, wie unweit, in Cagnes-sur-Mer, zuvor der große Kollege Renoir, seine späten Bilder. Sie wurden im Laufe der Jahrzehnte immer lichter, immer leuchtender. Das Schwarz verschwand fast ganz.
Die geballte, verknäulte, verkantete Form wich zunehmend einem aufgelösten Farbreigen, einem aufgesprühten Farbreigen, um genau zu sein, denn Hartung setzte nun gern eine Spritzpistole auf die Leinwand an. Und 1989, kurz vor seinem Tod, gab es nochmals ein Ereignis, das ihn zu seiner Symbolik des Schwarz-Rot-Gold und bleu-blanc-rouge zurückführte. Es war der Mauerfall. Für seinen malerischen Kommentar zu diesem Ereignis hatte er jetzt ausnahmsweise einen Titel. Er lautete „L’ Europe“. Es sollte sein letztes großes Werk sein.
Das 50-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Antibes und Schwäbisch Gmünd macht es möglich, dass dieses Europa, dieses ganz besondere deutsch-französische Zusammenspiel des Malers Hans Hartung, jetzt in jenem deutschen Bundesland gezeigt werden kann, das Frankreich mehr verdankt als jedes andere. Uns zur Erinnerung an eine große Vergangenheit. Und zur Mahnung, die Errungenschaften der Nachkriegszeit nicht zu verspielen. Die Schau ist jetzt nicht zuletzt der Auftakt einer Serie von Ausstellungen, mit der das Kunstmuseum von Schwäbisch Gmünd glanzvoll sein 150-jähriges Jubiläum feiert.
„Hans Hartung und die deutsch-französische Freundschaft“, Museum und Galerie im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Bis 27. September.