Ich kenne Ostdeutschland länger als das vereinte Deutschland. Ende der Achtzigerjahre kam ich als junge britische Germanistikstudentin in die DDR. Später berichtete ich aus Berlin über Mauerfall und Wiedervereinigung.
Jetzt bin ich nach Sachsen-Anhalt gereist, um zu verstehen, warum die AfD hier so stark ist und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (35) so viele Menschen erreicht. Wer über die AfD spricht, spricht schnell über Rechtsextremismus und Brandmauern. Dafür gibt es gute Gründe. Aber wer nur darüber spricht, versteht nicht alles, was im Osten gerade passiert.
Ich habe etwas gespürt, das mir vertraut vorkam: Stolz, Trotz und das Gefühl, von „denen da oben“ nicht gesehen zu werden. 1989 brachten Menschen im Osten ein System ins Wanken. „Wir sind das Volk“ bedeutete auch: Wir können etwas verändern. An dieses Gefühl knüpft die AfD an. Wenn man damals die Welt erschüttern konnte – warum nicht noch einmal?
Simson-Kolonne, Selfies, Ost-Retro
„Der Osten bleibt anders“, steht auf einem Transparent in Naumburg. Ulrich Siegmund versteht diesen Ton: Moped, Simson-Kolonne, Selfies, Ost-Retro. Seine Botschaft: Wir lassen uns nicht verbiegen. Natürlich steckt darin Verklärung. Die DDR war eine Diktatur. Aber deshalb jedes Gefühl dahinter für falsch zu erklären, wäre zu einfach.
Viele Menschen erzählen mir, sie fühlten sich belehrt und missverstanden. Die AfD macht daraus Politik – und verbindet Frust mit Ressentiments und extremistischen Positionen.
Ein junger Mann neben mir ruft immer wieder „Ostdeutschland“. Früher, sagt er, sei der Osten „wirklich deutscher“ gewesen. Ich teile diese Sicht nicht. Aber ich erkenne das berauschende Gefühl wieder, Teil von etwas Größerem zu sein. Wir können die Welt noch einmal auf den Kopf stellen. Das ist eine starke politische Verheißung.
AfD-Anhänger sind nicht mehr Klischees
Und die Anhänger passen längst nicht mehr in Klischees. Ich treffe Ingenieure, Unternehmer, Frauen, junge Leute. Ich höre aber auch nationalistische und antisemitische Sprüche. Sie sind gefährlich. Wer deshalb alle AfD-Wähler für dumm erklärt, wird sie nicht verstehen.
Auch das Verhältnis zu Russland irritiert mich. Die AfD verharmlost Putins Verantwortung für den Krieg und stellt die Unterstützung der Ukraine infrage. Gerade Ostdeutsche wissen, was sowjetische Machtpolitik bedeutete. Trotzdem höre ich oft: Nachgeben gegenüber Russland sei sicherer als Konfrontation. Ich sehe das anders. Aber verstehen beginnt mit Zuhören.
Dann wurde meine Reise unangenehm. In Lützen hatte ich mehr als zwei Stunden beobachtet, wie Siegmund mit Menschen sprach. Als ich mich ihm vorstellen wollte, stoppte mich ein Sicherheitsmann. Ich erklärte, ich sei britische Journalistin. Er packte mich am Arm und schob mich weg. Als ich protestierte, griff er erneut zu.
Polizist: „AfD sind hier die Herren“
Bei der Polizei musste ich Pass und Presseausweis zeigen. Meine Daten wurden notiert. Später sollte ich ein Foto des Sicherheitsmannes löschen. Bei der nächsten AfD-Veranstaltung in Naumburg sagte mir ein Polizist, ich solle mich wegen „der Vorkommnisse in Lützen“ von der Bühne fernhalten.
Ich fragte, wer auf diesem öffentlichen Marktplatz bestimme, wo die Grenze verlaufe. Seine Antwort: „Die AfD. Die sind hier die Herren.“ Dieser Satz ist mir geblieben. Nicht, weil Sachsen-Anhalt heute die DDR wäre. Selbstverständlich nicht. Ich habe erlebt, welche Freiheit Ostdeutschland gewonnen hat. Gerade deshalb traf mich diese Erfahrung. Ich hatte für selbstverständlich gehalten, dass Journalisten im freien Deutschland Fragen stellen dürfen.
Vielleicht sind das die beiden Wahrheiten meiner Reise: Ich verstehe besser, warum die AfD im Osten so viele Menschen anzieht. Den Stolz, den Trotz, die Erinnerung an 1989 und die Lust, es „denen da oben“ zu zeigen. Wer diesen Menschen herablassend begegnet, wird die AfD nicht schwächen. Aber wer Freiheit und Selbstbestimmung beschwört, muss auch die Freiheit anderer aushalten.
Auch die von Journalisten, Fragen zu stellen. 1989 gingen Menschen im Osten auf die Straße, weil sie nicht länger hinnehmen wollten, dass andere bestimmten, was gesagt und gefragt werden durfte. Es wäre eine bittere Ironie, wenn ausgerechnet diese Erinnerung heute dazu diente, kritische Journalisten wieder als Störenfriede zu behandeln.
Anne McElvoy ist Mitglied des Global Reporters Network von Axel Springer und leitende Redakteurin bei POLITICO (gehört wie BILD zu Axel Springer).