Russland hat nach eigenen Angaben in der Ukraine erneut die wegen ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchtete neue Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik eingesetzt. Es handle sich um eine Antwort auf die „terroristischen Angriffe“ der Ukraine auf zivile Objekte in Russland, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Interfax zufolge mit.
Damit hat Russland die Ukraine nach eigenen Angaben mit vier verschiedenen Raketentypen angegriffen. Neben Oreschnik kamen auch die Systeme Iskander, Kinschal und Zirkon zum Einsatz. Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von dem Einsatz – erstmals nahe der Hauptstadt Kiew – gesprochen. Kremlchef Wladimir Putin habe die Rakete gegen Bila Zerkwa abgefeuert, sagte Selenskyj in einer am Morgen in Kiew veröffentlichten Videobotschaft. Die Großstadt liegt im Kiewer Gebiet.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas wirft Russland „ein rücksichtsloses Spiel mit dem Feuer“ vor. Der mutmaßliche Einsatz von Mittelstreckenraketen des Typs Oreschnik, die für atomare Sprengköpfe ausgelegt sind, sei „eine politische Einschüchterungstaktik“, schreibt Kallas auf X. Russland terrorisiere die Ukraine mit gezielten Angriffen auf Stadtzentren, weil das Land auf dem Schlachtfeld in einer Sackgasse stecke.
Die auch in Belarus von Moskau stationierte Oreschnik-Rakete (auf Deutsch: Haselstrauch) kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometern pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5000 Kilometern machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent.
„Das ist wirklich unverantwortlich. Es ist wichtig, dass dies für Russland nicht ohne Folgen bleibt“, sagte Selenskyj. Zu Schäden in Bila Zerkwa machte er keine Angaben. Es war demnach bereits der dritte Einsatz der Waffe in dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Zuvor hatte die ukrainische Flugabwehr von einem kombinierten Angriff mit 600 Drohnen, 90 Raketen und Marschflugkörpern gesprochen. In der Auflistung der ballistischen Raketen war Oreschnik zunächst nicht aufgeführt. Eine russische Bestätigung für den Einsatz der neuen Waffe gab es am Morgen noch nicht. Das Verteidigungsministerium in Moskau äußert sich gewöhnlich im Laufe des Tages zu den eingesetzten Waffen und Zielen.
Nach den massiven russischen Angriffen auf Kiew ist die Zahl der Toten in der ukrainischen Hauptstadt und der umliegenden Region auf vier gestiegen. Wie Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko am Sonntag mitteilte, wurden in der Hauptstadt zwei Tote und 56 Verletzte verzeichnet. In der umliegenden Region Kiew gab es nach Angaben von Verwaltungschef Mykola Kalaschnyk zwei Tote und neun Verletzte.
Russland hatte Kiew in der Nacht mit umfangreichen Raketen- und Drohnenangriffen überzogen. Die ganze Nacht über waren immer wieder laute Explosionen zu hören. Wie die ukrainische Luftwaffe am Sonntagmorgen mitteilte, hatte Russland die Ukraine mit insgesamt 600 Drohnen und 90 Raketen angegriffen. 549 Drohnen und 55 Raketen konnten demnach abgefangen werden.