Am Ende ist das alles wahr. Obwohl „Roman“ dransteht, ist nichts erfunden: 1946, ein Jahr nach dem Tod des italienischen Diktators, werden Teile von Benito Mussolinis Gehirn in die USA geschafft, um dort kriminologische Laboruntersuchungen vorzunehmen. Erst 1966 erhält Mussolinis Witwe Rachele, die ihn um 30 Jahre überlebte, diese Teile ihres Mannes von einem Regierungsbeamten aus Washington zurück.
Der italienische Schriftsteller Antonio Scurati ist auf den 3400 Seiten seines fünfbändigen Dokumentarromans „M“ ganz nah dran an Mussolini, dem faschistischen „Duce“. Mit der Lieferung des Bandes „M. Das Ende und der Anfang“ („M 5“) hat die monumentale Arbeit nun auch in deutscher Übersetzung ihren Abschluss gefunden.
Auf den 360 Seiten des fünften und letzten Bandes geht es um den gefallenen Diktator: seine vom italienischen König verfügte Absetzung im Juli 1943, seine Verhaftung durch die Alliierten und seine spektakuläre Befreiung durch die Nazis. Dann folgt die Republik von Salò, das norditalienische Marionetten-Regime von Hitlers Gnaden.
Sarkastisch heißt es in Scuratis Roman, dass Mussolini seinen Marionettenstaat von Salò offiziell „Italienische Sozialrepublik“ nennt, um das für Italiens kriegsmüde Bevölkerung inzwischen verbrannte Wort ‚Faschismus‘ zu vermeiden. Die Nazis haben für die militärischen Versager von der Südseite des Brenners ohnehin nur noch Spott und Hohn übrig. Scurati zitiert den Tagebuchschreiber Goebbels, der die zu den Alliierten übergelaufenen Italiener wütend als „Zigeunervolk“ bezeichnet und sich keine italienische Schützenhilfe mehr erwartet – oder in der Diktion des Romanciers Scurati: „Nazi-Deutschland braucht keine Soldaten, die nicht kämpfen.“
Eigentlich will sich der „Duce“ nach seiner Entmachtung 1943 ja ins Private zurückziehen und seine Memoiren schreiben. Doch das erlaubt ihm der „Führer“ nicht. Lange schaute Hitler zu Mussolini auf, jetzt sieht er längst auf ihn herab. Scurati hat diesen Umschwung bereits in „M 4“ prägnant geschildert.
„M 5“ ist wie die vier vorangehenden Bände eine Mischung aus szenischer Erzählung, Geschichtsbuch und Zeitzeugenchronik, gespickt mit zahlreichen Originalquellen: Zitaten aus Tagebüchern, Briefen, Presseartikeln. Scuratis Stil ist faktentreu, schnörkellos und direkt, manchmal fast an klassische Kolportage-Literatur erinnernd, die Serien-Adaption durch Sky kein Zufall.
Und: Im Zuge seiner zehnjährigen Arbeit an dem monumentalen Werk, das seit 2020 auch auf Deutsch erscheint, ist Scurati in Italien selbst zu einer prominenten Figur geworden. Er bescheinigt dem Land eine „nationale Verdrängung“ seiner eigenen Geschichte, und münzt diesen Vorwurf insbesondere auf die Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Gegenüber der „FAZ“ sagte Scurati neulich: „Meine Erzählung von Mussolini wird für viele Jahre maßgeblich sein, sie ist eine antifaschistische. Das ist für die Rechte ein unlösbares Problem. Bei dem Versuch, Mussolini umzudeuten, versperrt ihr ‚M‘ wie ein Monolith den Weg.“
Man kann das Selbst- und Sendungsbewusstsein von Scuratis Sätzen nur vor dem Hintergrund der medialen Anfeindungen verstehen, die er durch sein Romanprojekt „M“ erfahren hat. Als Schriftsteller, aber auch als Privatperson, als er etwa an seinem Wohnsitz als „Uomo di M(erda)“ beschimpft und mit Fäkalien im Briefkasten belästigt wurde.
Scurati gehörte 2024 nicht zur offiziellen Delegation der Frankfurter Buchmesse, bei der Italien Gastland war. Für ihn steht die Partei „Fratelli d’Italia“ in einer Kontinuität der Mussolini-Nachfolgeparteien, die im politischen Spektrum Italiens zwar ungebrochen präsent waren, doch vor Meloni niemals an der Regierung. Mit Melonis Regierung liegt Scurati öffentlich im Clinch, seit er 2024 von einem Auftritt im staatlichen Fernsehen RAI ausgeladen wurde.
Lobenswert ist, dass Klett-Cotta den langen Atem behielt, Scuratis Mammut-Werk auch auf Deutsch in Gänze zu publizieren, wobei die Inanspruchnahme der staatlichen italienischen Übersetzungsförderung, die in „M. Das Ende und der Anfang“ ausgewiesen ist, dokumentiert, dass die deutschsprachige Publikation von fünf dickleibigen Hardcover-Büchern kein sich selbst tragender Bestseller gewesen sein dürfte.
Anders verhält es sich in Italien, wo die Auflage der „M“-Saga in den Millionenbereich geht, allein der erste Band verkaufte sich dort mehr als 500 000 Mal und wurde mit dem Premio Strega, dem prestigeträchtigsten Literaturpreis Italiens ausgezeichnet. Buch-Lizenzen in 40 Ländern wurden verkauft.
Man muss leider feststellen, dass „M 5“ schludriger übersetzt und Korrektur gelesen wurde als seine vier Vorgängerbände. Einmal heißt es (mit Blick auf die Kämpfer der ‚Leibstandarte Adolf Hitler‘): „beim Angriff der Sowjetunion, wo sie in Dutzenden apokalyptischen Massakern in vorderster Reihe kämpften, vergossen sie eigenes und fremdes Blut“. Wäre hier nicht besser vom Angriff auf die Sowjetunion zu sprechen? Wenig sorgfältig wirkt auch die Formulierung, dass sich „das Deutsche Reich die Provinzen Trient, Bozen, Belluno sowie die gesamte Adriaküste von Udine bis Ljubljana einverleibt“ habe. Weder Udine noch Ljubljana sind Adria-Städte. Sollte geografische Präzision gerade bei einem Kriegsbuch, das von Frontverläufen berichtet, nicht oberstes Gebot sein? Von etlichen Mini-Fehlern ganz zu schweigen, etwa wenn von Gargano statt von Gargnano (Provinz Brescia) die Rede ist.
Ein zentraler Schauplatz von Scuratis „M 5“ ist „Nazi-Mailand“ – die von den Deutschen besetzte norditalienische Metropole mit ihren Gewaltexzessen, zumal in den letzten Wochen und Tagen des Krieges. Dieses blutige Kapitel der Stadtgeschichte gab es so bislang noch nicht zu lesen. Minutiös schildert Scurati auch Mussolinis letzten Fluchtversuch am Comer See. Der gefallene Diktator verkleidet sich als Deutscher, will in die Schweiz abhauen, wird aber in Dongo von Partisanen erkannt und gefasst.
Mussolinis Tod
Die eigentliche Tötung Mussolinis und seiner Geliebten Clara Petacci in Giulino di Mezzegra, einem Weiler oberhalb des Comer Sees, spart Scuratis Roman zwar aus. Weil dem Autor Mitleid („auch für jemanden, der selbst nie Mitleid aufgebracht hat“) angezeigt scheint. Doch das Ergebnis wird protokollartig vermerkt:
„Mussolinis Leiche ist von neun Schüssen durchsiebt: Einer hat seinen rechten Unterarm durchschlagen; einer hat ihn unterhalb der Gürtellinie von oben nach unten durchbohrt und ist durch das Gesäß wieder ausgetreten; drei haben den Hals an der rechten Schulter getroffen; die letzten vier tödlichen Schüsse konzentrieren sich in einer dichten Salve auf die obere Hälfte des linken Brustkorbs und haben die Aorta zerfetzt. Der von Maschinengewehrsalven geschundene Leichnam bleibt zwei Stunden lang im Regen liegen, um den Anwohnern des Sees das Schauspiel seines Todes darzubieten.“
In der Nacht vom 28.4. auf den 29.4.1945 werden die Leichen nach Mailand gebracht und dort auf dem Piazzale Loreto abgelegt, zur Schändung freigegeben und später aufgehängt.
In solchen und anderen Passagen wirkt Scuratis Roman sehr drastisch. Kritiker bemängeln den dokumentarischen Stil als distanzlos; die ganze Erzählperspektive sei zu nah dran an Mussoloni – da bestehe die Gefahr von Empathie und Einfühlung mit einem „Täter“. Doch Scurati bettet alles ein. Und generell sollte sich Literatur nichts verbieten, man denke in diesem Zusammenhang auch an die umstrittene, doch zugleich auch gelungene Erzählperspektive von Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“.
Mehr noch als die streitbare Erzählperspektive kann man den schieren Umfang von „M“ hinterfragen. Wurden Schriftsteller und Historiker früher dafür geschätzt, die Wucht ihrer Quellen zu bremsen und zu kanalisieren, reicht Scurati sie im Fall seiner 3400 Seiten „M“ einfach undosiert an die Leser und Rezipienten weiter. Das mag mit einer gewissen Deformation durch die Recherche zu tun haben. Denn wie soll einer, der sich zehn Jahre in die Untiefen der Mussolini-Ära begeben hat, noch Abstand zum Stoff haben? Das soll Scuratis Leistung, der im Alleingang ein Mammutprojekt gestemmt hat, für das Universitäten ganze Sonderforschungsbereiche einrichten könnten, keineswegs schmälern.
Mag sein, dass „M“ in Italien als Überwältigung durch schieren Umfang funktionierte, weil dieses Land seine Geschichte nie auf so breiter Basis aufgearbeitet hat wie Deutschland – und also ein gewisser Nachholbedarf bestand. Auf deutsche Leser wirkt „M“ ambivalent. Vor allem wundert man sich, dass der Umfang des Romans in der deutschen Literaturkritik selten einmal kritisch reflektiert wurde. Vielmehr scheint man geneigt, das monumentale Werk nach dem Motto „viel hilft viel“ (gegen Faschismus) zu rezipieren. Ein dickes Buch ist demzufolge ein automatisch schwergewichtiger Aufruf zur Wachsamkeit und Mahnung gegen jede Form von Extremismus.
Antonio Scurati: M. Das Ende und der Anfang. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Klett-Cotta, 360 Seiten, 28 Euro