Hamburgs jüngstes Wahrzeichen feiert im Januar seinen 10. Geburtstag. Vater des Konzerthaus-Erfolgs ist Intendant Christoph Lieben-Seutter, der vor 20 Jahren aus Wien kam und die zehn Jahre der Bauzeit nutzte, um die Klassik in der Stadt voranzubringen. Ein Rückblick auf die erste Dekade und ein Ausblick auf die Jubiläumssaison.
Welt am Sonntag: Pünktlich zur Jubiläumssaison in Hamburg macht die Stadt Monheim am Rhein hier eine Anti-Elbphilharmonie-Werbung. Zur Eröffnung der Kulturraffinerie K714 heißt es: „Der modernste Saal Europas steht an der Elbe am Rhein“, wobei „an der Elbe“ durchgestrichen ist. Ärgert Sie das?
Christoph Lieben-Seutter: Überhaupt nicht. Der Saal in Monheim soll sehr schön sein. Auch Anti-Werbung ist Werbung. Es spricht doch für sich, dass die Elbphilharmonie weltweit eine Referenz für Konzertsäle ist.
WamS: Die Elbphilharmonie hat nicht nur am Rhein einen Ruf wie Donnerhall.
Lieben-Seutter: Die besten Orchester der Welt wollen immer wieder kommen und es ist für jeden relevanten Solisten auf der Welt ein Ziel, in der Elbphilharmonie aufzutreten. Ich finde schön, dass wir ein internationales Referenzprojekt sind, das man als Ensemble, als Orchester oder als Klassikstar im Lebenslauf haben muss.
WamS: Entsprechend hochkarätig ist das Programm der Jubiläumssaison.
Lieben-Seutter: Da kommen zum Beispiel fast alle wichtigen Orchester aus den USA, darunter mit dem New York Philharmonic, dem Cleveland Orchestra, dem Boston Symphony Orchestra und dem Chicago Symphony Orchestra vier der sogenannten „Big Five“. Die zwei US-Spitzenorchester, die es nicht schaffen, holen den Besuch gleich zu Beginn der folgenden Saison nach. Dazu kommen weitere internationale Spitzenorchester und viele Klassikstars.
WamS: Der Erfolg ist nach zehn Jahren beachtlich. Dabei feiert die Elbphilharmonie eigentlich 20-jähriges Jubiläum, vom Beschluss über zehn Jahre Bauzeit und die Eröffnung bis heute. Sie sind seit 20 Jahren Intendant. Haben Sie die Eröffnungsfeier am 11. Januar 2017 nach der langen Bauzeit als erlösend empfunden?
Lieben-Seutter: 20 Jahre sind tatsächlich ein halbes Berufsleben. Die offizielle Eröffnung war ein professionelles Event. Die emotionaleren Ereignisse waren für mich eher davor die allererste Probe im großen Saal und vor allem die Plaza-Eröffnung. Da haben wir Anfang November mit Olaf Scholz die Plaza und die öffentlichen Bereiche eingeweiht. Die Techno-Marching-Band Meute ist spielend die Tube hinaufgefahren. Dann wurden 200 internationale Architekturjournalisten von Herzog und de Meuron durch das Haus geführt. Das war der Moment, in dem die Welt gesagt hat: Wow, das hat sich wirklich ausgezahlt. Am Abend gab es dann noch ein improvisiertes Konzert im großen Saal, nur für Bauarbeiter und andere am Bau Beteiligte. Das war unglaublich emotional. Die Leute haben geweint, weil ihr „Baby“ jetzt fertig war.
WamS: Der Besuch der Plaza ist ab Oktober nicht mehr kostenlos. Was halten Sie vom Eintrittsgeld?
Lieben-Seutter: Der Eintritt für die Plaza war von Anfang an von der Bürgerschaft vorgesehen. Wir haben daher immer damit gerechnet, dass er kommt. Wenn Sie mich als Intendant fragen: Super, wenn die Menschen gratis ins Haus kommen können, dann ist die Hemmschwelle am allergeringsten. Als Steuerzahler kann ich aber auch sehr gut nachvollziehen, dass nicht länger die Allgemeinheit die Kosten trägt, sondern die Besucher der Plaza.
WamS: Die Hamburger haben den Bau schon bezahlt. Wäre ein Eintritt nur für Touristen nicht besser gewesen?
Lieben-Seutter: Ungefähr 80 Prozent der Plaza-Besucher kommen von außerhalb, und deshalb finde ich die Diskussion über fünf Euro Eintritt nicht so zwingend. Der Eintritt auf den Michel-Turm kostet zehn Euro, vergleichbare Sehenswürdigkeiten weltweit kosten deutlich mehr, ob man Anwohner ist oder nicht. Da muss man die Kirche im Dorf lassen.
WamS: Wie viele Besucher haben Sie aktuell?
Lieben-Seutter: Ungefähr 900.000 Zuschauer im Jahr. Gemeinsam mit den Plaza-Besuchern hatten wir im ersten Jahr 4,5 Millionen Gäste, aktuell liegen wir bei 3,2 Millionen Besuchern pro Jahr.
WamS: Wann endete die Ausverkaufsgarantie, getragen auch durch die Neugier am Gebäude? Sie haben damals gesagt, Sie könnten „Kammblasende Putzfrauen“ auf die Bühne stellen und das Konzert wäre ausverkauft.
Lieben-Seutter: Der Ausdruck war politisch nicht korrekt. Ich hätte von Reinigungspersonal sprechen sollen. Aber nach wie vor ist das Gesamterlebnis Elbphilharmonie entscheidend. Die reine Neugier hat ungefähr bis zu Covid angehalten, also etwa drei Jahre. Danach hat sich der Betrieb etwas normalisiert, wobei die Auslastung mit 97,5 Prozent noch immer irre hoch ist. Wir freuen uns immer noch über viele neue Besucher. Es gibt immer mal ein Konzert, bei dem an der falschen Stelle geklatscht wird, was traditionelle Klassik-Kenner echauffieren kann. Aber wir sind sehr froh darüber, weil es zeigt, dass wir Hunderttausenden von Menschen klassische Musik nähergebracht haben, die sie vorher nicht regelmäßig gehört haben.
WamS: Sie sind ein Förderer der Neuen Musik, auch die hat in Hamburg gegen jede Erwartung seit zehn Jahren Hochkonjunktur.
Lieben-Seutter: Das Haus verspricht schon allein durch seine Architektur und seinen Standort etwas Besonderes. Viele Menschen kommen mit einer ganz anderen Erwartungshaltung in die Elbphilharmonie als zum Beispiel in die Laeiszhalle. Sie sind offener für ein außergewöhnliches Hörerlebnis, einfach neugieriger. Nach dem Motto: Wenn das Gebäude schon so einmalig ist, dann ist möglicherweise auch das musikalische Erlebnis einmalig. Allein deshalb können wir so viel mehr ungewöhnliche und zeitgenössische Musik präsentieren.
WamS: Wie beurteilen Sie das Gebäude nach zehn Jahren Praxis? Zu Beginn gab es eine Reihe von Nachbesserungen. Saaltüren fielen zu laut zu, es wurden Geländer im großen Saal angebracht …
Lieben-Seutter: Es gab am Anfang tatsächlich einige gefährliche Stürze im Saal. Durch Nachbesserungen wie Geländern und Noppen an den richtigen Stellen konnten sie schon im ersten Jahr drastisch reduziert werden. Im großen Saal geht die gute Sichtbarkeit von jedem Platz aus mit gewissen steilen Passagen einher.
WamS: Gibt es Dinge, die Sie anders machen würden, wenn Sie die Elbphilharmonie nochmal bauen könnten?
Lieben-Seutter: Mehr Lifte wären sinnvoll, sowohl fürs Publikum als auch für den Backstage-Bereich. Die reichen gerade so. Bei den Damentoiletten würde ich heute auf eine bessere Verteilung im Haus achten: Gerade dort, wo der Bedarf sehr hoch ist, zum Beispiel auf dem Garderobengeschoss, gibt es zu wenige. Dafür gibt es oben bei der Bar sehr viele. Ansonsten wären weitere Probenräume sinnvoll. Heute würde ich wahrscheinlich auf das Parkhaus verzichten und stattdessen noch einen Probensaal einbauen, weil der große Saal durch die vielen Orchesterproben sehr stark ausgelastet ist. Das geht auf Kosten zusätzlicher Projekte.
WamS: Wie viele Projekte finden jährlich statt?
Lieben-Seutter: In Elbphilharmonie und Laeiszhalle gibt es rund 1.200 Konzerttermine im Jahr. Hinzu kommen noch einmal fast 1.000 Workshops, Events und Kinderkonzerte unserer Musikvermittlungsabteilung. Sie betreut auch die Instrumentenwelt, Laien-Ensembles und die großen Community-Projekte.
WamS: Wie würden Sie den Schub für die Musikstadt Hamburg durch die Elbphilharmonie insgesamt beschreiben?
Lieben-Seutter: In meiner Wahrnehmung hat sie sich toll entwickelt. Es gab immer schon ein hochwertiges Klassikprogramm in Hamburg. Der Unterschied war, dass das Interesse der Bevölkerung vielleicht nicht ganz so groß war wie in vergleichbaren Städten, etwa München oder Wien. Das hat sich mit der Elbphilharmonie radikal geändert. Viele Menschen sind nicht nur einmal gucken gekommen, sondern gehen jetzt regelmäßig ins Konzert. Vom geweckten Interesse und der regelmäßigen Nutzung der Angebote profitieren dann auch andere Institutionen.
WamS: Zur Musikstadt soll künftig die neue Oper als Geschenk des kürzlich verstorbenen Mäzens Klaus-Michael Kühne zählen, die in den kommenden Jahren ein Stück die Elbe hinauf entstehen soll. Begrüßen Sie den Neubau?
Lieben-Seutter: Unbedingt! Ich bin vom Entwurf sehr angetan, weil er gut zu dem Ort passt und die Hafencity auf dem halben Weg zwischen Elbphilharmonie und Kurzem Olaf kulturell aufwertet. Die Architektur fügt sich sehr zeitgemäß in die Umgebung ein und ist keine weitere „Angeber-Ikone“. Aus Nachhaltigkeitsgründen würde man heute wahrscheinlich nicht mehr in Elbphilharmonie-Dimensionen bauen. Ich hoffe, dass sich ein ähnlicher Effekt wie bei uns einstellen wird: dass viele Leute das neue Gebäude zum Anlass nehmen, mal wieder in die Oper zu gehen – und dann gerne und regelmäßig wiederkommen.
WamS: Die Elbphilharmonie steht auf einem Fundament von mehr als 1700 Pfählen, knüpft also als solider Pfahlbau am Ufer direkt an die Architektur der Jungsteinzeit an. Wie fühlt es sich an, darin zu arbeiten?
Lieben-Seutter: Solange der Meeresspiegel nicht radikal ansteigt, etwa weil die Antarktis abschmilzt, fühle ich mich sehr wohl in diesem Pfahlbau. Der Ort ist einfach genial. Einen einmaligen Entwurf eines Stararchitekten kann man überall hinsetzen. Aber dieses Gebäude ist wirklich aus dem Ort heraus entstanden, aus der Geschichte des Hafens und der alten Industriearchitektur des Lagerhauses. Auf drei Seiten Wasser: fantastisch, man schaut gern darauf, es inspiriert. Symbolisch erzählt genau dieser Ort, warum es die Stadt Hamburg überhaupt gibt. Bis hierher reichen die Gezeiten der Nordsee. Deshalb hat man hier vor mehr als tausend Jahren eine Siedlung und dann eine Handelsstadt gegründet. Genau an dieser Stelle steht das Haus – und das gibt ihm eine enorme Power. So empfinde ich das.
WamS: Ist die Elbphilharmonie auch deshalb so spannend für Entwickler und Architekten?
Lieben-Seutter: Wir verfolgen ziemlich genau, wo auf der Welt gerade ein Konzert- oder Opernhaus gebaut wird. Früher oder später kommt von dort eine Delegation vorbei und schaut sich die Elbphilharmonie an. Zuletzt etwa aus Prag, wo bis 2032 die Moldau-Philharmonie entsteht. Aktuell haben wir auch regelmäßig Gäste aus Südkorea, wo gefühlt jeder Vorort von Seoul ein Konzerthaus plant.
WamS: Einige Besucher vermissen das Restaurant, das vor zwei Jahren geschlossen wurde, obwohl es in der Elbphilharmonie auch ein Hotel gibt.
Lieben-Seutter: Das Hotel ist natürlich super, weil es für die Künstler sehr praktisch ist, direkt im Haus wohnen zu können. Mit den gastronomischen Angeboten rund um die Elbphilharmonie sind wir aber nach wie vor nicht glücklich, weil es nach den Konzerten kaum eine Möglichkeit gibt, noch etwas essen zu gehen. Dieser Mangel ist aber interessanterweise ein internationaler Trend: Man sieht überall, dass die Gastronomie sich schwertut.
WamS: Wie wollen Sie die Elbphilharmonie in den kommenden Jahren weiterentwickeln?
Lieben-Seutter: Wir wollen weiter relevant bleiben und uns weder inhaltlich noch beim Service auf dem aktuellen Angebot ausruhen. Die Musikvermittlung spielt dabei sicher eine immer größere Rolle, weil wir das Konzert inzwischen stärker als sozialen Treffpunkt verstehen als vor zehn Jahren. Dass die Elbphilharmonie ein Angebot an die Stadt ist, ein Ort des Austauschs, wird noch wichtiger. Mit und ohne künstliche Intelligenz stehen wir vor gesellschaftlichen Herausforderungen und die Elbphilharmonie wird dabei bislang Gott sei Dank als sehr neutraler, ausgleichender Ort wahrgenommen. Proteste wegen künstlerischer Inhalte, wie es sie an anderen Orten gibt, kennen wir nicht. Die Elbphilharmonie wird von den allermeisten Menschen sehr positiv angenommen. Von Alt und Jung, von links bis rechts, konservativ bis progressiv.
WamS: Die Ausschreitungen beim G20-Gipfel im Eröffnungsjahr fanden nicht direkt an der Elbphilharmonie statt.
Lieben-Seutter: Nein, da trifft uns keine Schuld. Das war ein historisch einmaliges Ereignis. Nicht schön, aber es gehört auch zu unserer Geschichte.
WamS: Von der Hauptstadt-Politik wird die Elbphilharmonie nicht so richtig als repräsentativer Ort genutzt …
Lieben-Seutter: Das kommt vor, aber eher unter dem Radar. In der vergangenen Woche war zum Beispiel das Ukrainian Freedom Orchestra zu Gast, und dafür waren eigens einige Botschafter aus Berlin angereist. Die Elbphilharmonie wird durchaus als Ort für internationale Beziehungen wahrgenommen. Sie liegt aber nun einmal nicht in der Hauptstadt. Und Berlin hat schließlich auch eine schöne Philharmonie.