Berlin – Eigentlich gilt Friedrich Merz (70, CDU) als Mann der alten Schule – auch beim Duzen oder Siezen: Er ist ein Siezer. Das hält höfliche Distanz. Und es hilft beim Streiten – es wird nicht gleich zu persönlich. Doch jetzt hat der Kanzler seine Zurückhaltung fallen lassen: Jetzt duzt er über Parteigrenzen hinweg. Er ist seit der Vorwoche mit allen aus der ersten Garde der Koalitions-Genossen der SPD per Du:
- Bei einer Fraktionsfeier im Wirtshaus „Zollpackhof“ hinterm Kanzleramt bekannte Merz nun, dass er SPD-Fraktionschef Matthias Miersch (57) duzt (zuerst berichtete das RND). Und Miersch ist nun wirklich einer vom linken SPD-Ufer.
- Auch sie schaffte es zum Kanzler-Du: SPD-Chefin und Reform-Bremserin Bärbel Bas (58). Dabei hatte sich Merz seine Ministerin Bas, die ihm einst vorwarf, „Bullshit“ zu reden, mehrfach einbestellen müssen. Nach deren Zusage, die Vorschläge der Rentenkommission 1:1 umsetzen zu wollen, sei die Stimmung aber ins Nette gekippt. Geduzt wird aber schon seit vergangenem Jahr – offenbar, um für gute Stimmung unter den Koalitionären zu sorgen.
SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil (48) hatte schon direkt nach der Bundestagswahl im Vorjahr berichtet, dass er frisch gebackener Träger des Merz-Du sei: Im März habe ihm Merz kurz nach der Wahl das Du angeboten, berichtete Klingbeil damals bei „Miosga“ in der ARD.
Merz selbst kam einst in den Genuss eines echten Ehren-Du: CDU-Legende Wolfgang Schäuble (†81) duzte gegen Ende seiner Karriere nur noch Merz im Parlament. „Ich habe mich früher natürlich mit denen, die so alt waren wie ich, geduzt“, sagte Schäuble 2022 der „Süddeutschen Zeitung“. Damals war Schäuble 80 – und niemand so alt wie er im Bundestag.
Großes Rätseln gab es immer nur um das Du-Sie-Verhältnis zu seiner Partei-„Freundin“, Altkanzlerin Angela Merkel (71, CDU). Zumindest überliefert ist dieser Dialog, als es bei Merz und Merkel um das Erbe von Altkanzler und CDU-Chef Helmut Kohl (†87) ging. Merz wollte Kanzlerkandidat werden und erklärte dies Merkel. Merz – so die Erzählung: „Aber Angela, was machst du dann?“ Merkel: „Mach dir mal keine Sorgen.“ Sie machte es dann doch, eine Feindschaft war geboren, das Du, so die Erzählung, begraben. Ersetzt angeblich durch Nichtanreden oder das „Hamburger Sie“ („Sie, Angela …“). Dann das: Beim CDU-Parteitag im Februar begrüßte Merz Merkel in einer Rede so: „Liebe Angela, herzlich willkommen.“
Merkel übrigens hatte sich in ihrer letzten Regierung nur von fünf ihrer Minister duzen lassen. Darunter: kein Genosse.