Berlin – Europa glaubte lange an Wladimir Putin. Viele Politiker und Beobachter im Westen sahen in ihm zu Beginn seiner Amtszeit einen modernen Reformer, der Russland nach den chaotischen Neunzigerjahren stabilisieren würde. Die russische Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa, Mitgründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial, gehörte nicht dazu.
Im ZEITREISE-Podcast von BILD-Reporter Filipp Piatov erzählt Irina Scherbakowa von den Signalen, die es sofort gab – die im Westen aber kaum jemand sehen wollte.
Ein besonders wichtiges Zeichen war für sie die Rückkehr der sowjetischen Hymne kurz nach Wladimir Putins Amtsantritt. „Für mich war ein ganz wichtiges Signal, wie schnell die alte sowjetische Hymne zurückgeholt wurde. Nur wurde die Partei in den Versen durch Gott ersetzt. Dieses Symbol erschien mir ganz schlimm“, sagt Scherbakowa. Sie erkannte darin den Versuch, an die Traditionen der Sowjetunion anzuknüpfen und alte Machtmuster wiederzubeleben.
Auch Putins Herkunft und Karriere als KGB-Agent waren für Scherbakowa schlechte Vorzeichen. Ganz anders als für deutsche Politiker, die sich über Putins gute Deutschkenntnisse freuten, die er sich als KGB-Unterdrücker in Dresden angeeignet hatte.
Scherbakowa verweist auf Putins Unterschied zu seinen Vorgängern Michail Gorbatschow und Boris Jelzin. Ihre Vorfahren standen als Bauern „im Visier der sowjetischen Macht“, litten unter Repressionen. Dagegen gehörten Putins Eltern zu der Schicht von Menschen, „die diese Macht bedienten“.
„Menschen glauben so gern an Verschwörungstheorien“
Auch in Putin erkannte sie einen Karrieristen, der bereitwillig dem sowjetischen Unterdrückungsapparat beigetreten war, um voranzukommen. In der Propaganda wurde Ex-Spion Putin jedoch als eine Art russischer James Bond dargestellt, um bei den Russen den Glauben zu wecken, er verfüge über ungeahnte Fähigkeiten, Weltereignisse zu beeinflussen: „Menschen glauben so gern an Verschwörungstheorien. Und das gehörte dazu – eine Verschwörung, aber von der guten Seite.“
Spätestens mit dem zweiten Tschetschenienkrieg (1999–2009) bestätigten sich für Scherbakowa die Befürchtungen. Im Kriegsverlauf wurde deutlich, dass „die Macht in Putins Händen“ sowie in seinem Umfeld konsolidiert werden sollte. Terroranschläge und die wachsende Unsicherheit seien genutzt worden, um politische Verschärfungen durchzusetzen: „Sie wurden dann ausgenutzt, um die Wahlen der Gouverneure in den Regionen abzuschaffen“, so Scherbakowa.
Früh fiel der Moskauerin auch auf, wie schnell Menschen aus Putins Umfeld aufstiegen. Ehemalige Kollegen, Sportkameraden oder Personen aus seiner Dresden-Zeit wurden plötzlich zu Milliardären. Da war klar, so Scherbakowa, dass Putin nicht die Oligarchen bekämpfte, um Russland gerechter zu machen – sondern nur, um sie zu entmachten und seine eigenen Leute zu bereichern.
Doch viele Russen trugen Putins Kurs mit, viele europäische Staats- und Regierungschefs machten Deals mit ihm. Bis der russische Herrscher den größten Krieg in Europa seit 1945 begann und daranging, sein Land endgültig zur Diktatur umzuformen. 2022, im Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine, verließ Scherbakowa ihre Heimat und ging ins Exil nach Berlin.