Von LOTHAR MATTHÄUS
Sprechen wir bei dieser WM nochmal über die Crème de la Crème. Über diejenigen, die in den vergangenen 20 Jahren den Weltfußball geprägt haben und jetzt an der Schwelle zum Abschied stehen: Cristiano Ronaldo, 41 Jahre alt, Luka Modrić, 40, Lionel Messi, 39. Kevin de Bruyne, 35. Und selbstverständlich auch über Manuel Neuer, 40.
Ich weiß genau, wie das ist, wenn man als Fußball-Profi auf diesem hohen Niveau in das gewisse Alter kommt. Es ist nicht leicht zu sagen: Danke, das war’s! Vor allem dann nicht, wenn man noch mithalten und seine Leistung abrufen kann. Ich habe mit 38 Jahren mit dem FC Bayern im Champions-League-Finale 1999 gespielt und ein Dreivierteljahr später mit zwei Siegen gegen Real Madrid, 4:2 auswärts und 4:1 zu Hause, in der damaligen Champions-League-Zwischenrunde einen erfolgreichen Abschied aus München gehabt. Lange vorher war klar, dass ich im März nach New York zu den Metro-Stars wechseln würde. Trotzdem wollte und sollte ich noch die EM 2000 in Holland und Belgien spielen. Bundestrainer Erich Ribbeck sagte, dass er mich braucht.
Um es kurz zu machen: Rückblickend hätte ich mir die EM-Teilnahme sparen sollen. Zuvor war noch mein Abschiedsspiel in München gewesen. Ich zog mir einen leichten Muskelfaserriss zu und hatte dann bei der Nationalmannschaft auch noch Rückenprobleme. Viel gravierender aber: Ich hatte als Kapitän nicht mehr das uneingeschränkte Vertrauen meiner Mitspieler. Für sie war ich der Alte, der jetzt in den USA spielte, in einer Liga, die damals bei weitem noch nicht die Qualität hatte wie heute. Und ich war angeschlagen. Wie ein verletzter Leitwolf, bei dem das Rudel junger Spieler, von denen man in den Jahren zuvor vielen geholfen hatte, Angriffsflächen sucht, um ihn zu stürzen. Wir schieden in der Gruppenphase aus. Gemeinsam mit England. Das 0:3 gegen Gruppensieger Portugal war mein 150. und letztes Länderspiel. Ende des Jahres hatte ich noch Gespräche mit den Metro-Stars, entschied mich aber, meine Karriere zu beenden.
Neuer-Comeback war viel Wind um nichts
Manuel Neuer hätte sich diese WM ebenfalls sparen können. Letztendlich war es viel Wind um nichts. Ja, er hat einen Elfmeter gegen Paraguay gehalten, und wenn es gut gegangen wäre, wäre er ein Held gewesen. Aber es ist nicht gutgegangen. Natürlich bleibt von seiner Karriere in der deutschen Nationalelf immer der WM-Titel 2014. Und insgesamt, dass er das Torwartspiel neu erfunden hat. Stilbildend, wie er als 11. Feldspieler agierte, als eine Art Libero. Und wie schnell er im Spielaufbau war. Das gab es vor ihm so nicht, auch deshalb ist er fünfmal Welttorhüter geworden. Er ist eine Legende. Trotzdem hat seine Karriere eine kleine Delle: Nach Platz 3 und Platz 1 folgten drei schlechte Weltmeisterschaften hintereinander. Auch das bleibt in den Köpfen hängen. Das weiß ich doch selbst; bei mir waren es drei WM-Endspiele in Folge mit dem Titel 1990, aber dann zweimal das frühe WM-Aus im Viertelfinale. Früher galt das zu Recht als Misserfolg – heute wäre man schon froh darüber ...
Es ist ein schmaler Grat, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied zu finden. Noch auf hohem Niveau, aber auch rechtzeitig, bevor sie einen vom Hof jagen.
Cristiano Ronaldo zum Beispiel. Es war bei der WM deutlich zu sehen, dass ihm diese Dynamik fehlt, die ihn jahrzehntelang so besonders gemacht hat. Er konnte seiner Mannschaft nicht mehr so helfen, wie man das von ihm kannte. Dass er seine letzte WM gespielt hat, hat er selbst gesagt. Ich meine, er sollte jetzt auch seine Karriere in der Nationalmannschaft beenden. Was will er noch gewinnen? Wem muss er noch etwas beweisen? Seine Zahlen und Erfolge sprechen für sich. Er hat mit Portugal das Maximum herausgeholt – Europameister, Nations-League-Sieger. Vor ihm waren die Portugiesen weit entfernt davon. Ronaldo ist einer der Größten der Fußball-Geschichte. Und womöglich der mit dem besten Geschäftssinn. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in Saudi-Arabien noch weiterspielt – und dass es dort, im Gastgeberland der WM 2034, vielleicht irgendwann das größte Abschiedsspiel aller Zeiten für ihn gibt. Eine Mega-Show mit allen Giganten des Fußballs. Auch für so etwas haben sie ihn geholt.
Diese beiden müssten dann auch dabei sein. Der Kroate Luka Modrić und der Belgier Kevin de Bruyne. Sie stehen – ähnlich wie Ronaldo in Portugal – in ihren Heimatländern für zuvor ungeahnte Erfolge. Kroatien mit dem Vizeweltmeister-Titel 2018 sowie mit Platz drei in Katar 2022. Belgien ist 2018 mit seiner sogenannten Goldenen Generation Dritter geworden. Modrić, der 2018 sogar Weltfußballer war, und de Bruyne sind zwei elegante, technisch außergewöhnliche Fußballer, die ich immer sehr gerne gesehen habe. Den Kroaten, wie er auch bei Real Madrid gemeinsam das Spiel gelenkt hat. Den Belgier schon in Wolfsburg, vor allem aber bei Manchester City. Man merkt jetzt an ihren geringer werdenden Einsatzzeiten – Modrić bei Milan und de Bruyne in Neapel –, dass ihre Zeit zu Ende geht. Junge Generationen rücken nach. Aber einen zweiten Modrić in Kroatien oder einen zweiten de Bruyne in Belgien zu finden, das kann dauern.
Messi und Ronaldo: Gemeinsames Abschiedsspiel?
Schließlich Lionel Messi. Ihm traue ich zu, dass er auch dann in der Nationalmannschaft weitermacht, wenn er den WM-Titel von 2022 jetzt verteidigt. Zumindest ein großes Turnier, das wäre dann die Südamerika-Meisterschaft 2028, hat er noch im Tank. Wer weiß, vielleicht sogar noch die WM 2030, dann wäre er 43. Messi ist weiterhin enorm wichtig für Argentinien. Er entscheidet, wann und wie er spielt. Er hat noch immer den uneingeschränkten Rückhalt, nicht nur in seiner Mannschaft und beim Trainer, sondern im ganzen Land. Und er hat Lust auf Fußball, das sieht man in jedem Spiel. Wann auch immer – was wäre das für ein großartiger Abschluss, wenn Ronaldo und Messi, diese beiden Multi-Weltfußballer und Rivalen, sich einmal gegenseitig zu ihren Abschiedsspielen einladen!
Bei meinem Abschiedsspiel im Jahr 2000 war mein Freund und Rivale Diego Maradona dabei. Und ich war 2001 bei seinem.
Dabei fällt mir ein: Was mache ich eigentlich in vier Jahren, bei der nächsten WM? Ich glaube, ich hätte wieder großen Spaß daran, Experte für BILD, BILD am Sonntag und SPORT BILD zu sein.