Politik

Kommentar von BILD-Chefredakteur Robert Schneider: Die große Flucht ins Gestern

Kommentar von BILD-Chefredakteur Robert Schneider: Die große Flucht ins Gestern
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Es ist Wochenende, es ist Sommer. Der Blick auf die Nachrichtenlage führt jedoch in diesen Tagen nicht zu einem sonnigen Gemüt.

Die Bomben-Drohne an einem deutschen Flughafen. Ferienorte in Flammen und Flüsse ohne Wasser. KI-Ängste und bereits heute mehr als drei Millionen Arbeitslose. Und nach sieben Jahren Stagnation ist auch 2026 kein Aufschwung in Sicht. Freunde, die gerade aus dem Urlaub zurück sind, berichten traurig-neidisch, was woanders alles besser funktioniert als bei uns – von der Pünktlichkeit der Züge bis Freundlichkeit und Stadtbild.

Nein, es ist kein Wunder, dass viele Bürger ein Gefühl der Ohnmacht erfasst hat. Eine Zermürbtheit von der Wucht all der Probleme. Ich kenne viele Menschen, die gar keine Nachrichten mehr schauen, als eine Art Verweigerung gegenüber der Gegenwart.

Dazu passt eine IPSOS-Studie, die ich in dieser Woche in Gabor Steingarts „Morning Briefing“ las. Laut dieser Umfrage würde fast jeder zweite Deutsche (46 Prozent) lieber im Jahr 1975 geboren werden als heute (14 Prozent), wenn er die Wahl hätte. Über 60 Prozent der Bürger glauben demnach, dass die Menschen 1975 glücklicher, dass Straßen und Plätze sicherer waren als heute. Und: 53 Prozent fühlten sich trotz des Kalten Kriegs offenbar sicherer vor Krieg und Konflikten.

Es scheint sich also die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit in unserem Land auszubreiten. Ein Klammern an ein Gefühl namens Gestern, weil der Zukunft nicht getraut wird. Doch es macht keinen Sinn, vor der Gegenwart davonzulaufen, schon weil es keine Zeitmaschine für den Sprung zurück ins Jahr 1975 gibt. Und es gibt auch keinen Grund dafür, denn die meisten Probleme sind lösbar, wenn wir nur wollen.

Thema Wirtschaft: Das Land bricht nicht zusammen, wenn Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung an unsere Leistungskraft angepasst werden. Aber wenn wir nicht endlich die Bremsen für Investitionen und vor allem für Start-ups lösen, dann droht Deutschland eine Katastrophe.

Thema Brände, Wasserknappheit, Hitzetote: Wir sollten aufhören, verbissen um Jahreszahlen für Klimaneutralität zu streiten, und stattdessen unser Land an die veränderten Klimabedingungen anpassen. Das kostet viel Geld, aber das muss es uns vor allem für unsere Kinder wert sein.

Thema Kriege und Terrorismus: Wir rüsten bereits auf, vor allem die Bundeswehr. Wenn wir jetzt noch Polizei und Geheimdienste auf Augenhöhe mit Terroristen und Extremisten bringen, könnten wir schon bald sicherer leben. Aber dafür muss der Schutz der Bürger endlich oberste Priorität erhalten!

Ich bin davon überzeugt: Die deutschen Tugenden sind nur verborgen, nicht verschwunden. Und natürlich blickt eine Gesellschaft mit vielen Kindern optimistischer auf Gegenwart und Zukunft als eine mit mehr Alten als Jungen. Ich bin kürzlich wieder Vater geworden.

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