Da steht ein Wildfremder vor mir. Keine 20 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Er brüllt mich an. Beschimpft mich als Nazi, als Schwein. „Hau ab!“ Seine Aussprache ist so feucht, dass ich kaum unterscheiden kann, ob er mich anschreit oder anspuckt.
Mir ist das zum Glück persönlich noch nicht passiert. Für viele Polizistinnen und Polizisten ist es jedoch trauriger Alltag.
Obwohl ich nicht gerade für meine kurze Zündschnur bekannt bin, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich spätestens nach fünf Minuten (eher nach zwei) aus der Haut fahren würde. Mindestens zurückbrüllen. Dass meine Hände dabei in den Hosentaschen blieben, darauf würde ich nicht wetten.
Ich hab dem Gegenüber gar nichts getan. Er (oder sie) kennt mich überhaupt nicht. Weiß nicht, woher ich komme, was ich denke oder tue. Nichts. Aber er brüllt mich an.
Wie gut, dass ich nicht Polizistin bin.
Ja, ich rede über die Proteste im Namen der Gen Z, also der unter 30-Jährigen. Ich habe dieser Tage jede Menge Videos der Demos gesehen – und mein Respekt vor diesen Frauen und Männern in Uniform wächst von Video zu Video.
Im Netz kursieren Best-of-Zusammenschnitte, in denen Uniformierte aufs Übelste niedergebrüllt werden. „Du Nazi!“, „Bullenschwein!“, „ACAB – All Cops Are Bastards!“ Einfach mal kurz einen kompletten Berufsstand pauschal abgeurteilt.
Oft stehen sich da junge Menschen gegenüber, die ungefähr gleich alt sind. Die einen schreien sich die Seele aus dem Leib. Die anderen bleiben ruhig. Müssen ruhig bleiben.
Und dann ist von „friedlichen“ Demonstrationen die Rede, wobei es nach Einbruch der Dunkelheit zu Krawallen, Plünderungen, Steinwürfen und Brandanschlägen kam. Friedlich? Nur weil erstmal keine Steine fliegen? Ist es friedlich, einem anderen Menschen minutenlang Beleidigungen ins Gesicht zu brüllen?
„Ganz Berlin hasst die Polizei“, skandieren Demonstranten (in Stuttgart genauso, in Hamburg auch). Ganz Berlin? Entschuldigung, ich bin Berlinerin. Und ich hasse die Polizei nicht. Wer hat diese Leute ermächtigt, auch in meinem Namen zu brüllen? Mich repräsentieren sie jedenfalls nicht. Ich möchte nicht, dass wildfremde Menschen in meinem Namen anderen Menschen Hass entgegenschreien.
Ja, es gibt auch Polizisten, die sich falsch verhalten, Grenzen überschreiten, dafür kritisiert und womöglich auch bestraft werden müssen. Klar. Aber da stehen Polizisten, die sich als Nazis und Bullenschweine beschimpfen lassen und gleichzeitig dafür sorgen, dass genau diese Menschen demonstrieren können.
Natürlich ist Meinungsfreiheit ein hohes Gut, auch scharfe Kritik und Provokationen zulässig. Aber was hat es mit politischer Meinungsäußerung zu tun, wenn man einem Fremden aus nächster Nähe Beleidigungen ins Gesicht brüllt? Da spielt es doch leider kaum noch eine Rolle, ob die selbsterklärten Anliegen der Gen Z – mehr Geld für Schulen und Unis, mehr Lehrer, runter mit den Lebenshaltungskosten – eigentlich Unterstützung verdienen.
Kann jemand den Schreihälsen klarmachen, dass Polizisten Menschen sind, deren Würde genauso unantastbar ist wie die aller anderen Menschen? Und dass Hass keine Meinung ist?
Dem Hass nicht mit Hass zu begegnen, stelle ich mir extrem schwer vor. Deshalb habe ich höchsten Respekt vor denen, die es können. Allerhöchsten.