Kultur

Kinderfilme rauben einem den Schlaf und den Verstand

Kinderfilme rauben einem den Schlaf und den Verstand

Chronische Übermüdung war, wenn ich mich recht erinnere, eines der schlimmsten Phänomene meiner Elternschaft. Nach tausendfach durchbrochenen Nächten war man unfassbar froh, wenn man tagsüber an der Seite seines Kindes in Morpheus’ Arme geschubst wurde. Man konnte so gut schlafen bei den Teletubbies. Oder bei „Pettersson und Findus“ im Filmtheater. Kaum angekommen, war man weggenickt. Zum Abspann wachte man – argwöhnisch beguckt vom Kind, aber endlich halbwegs lebendig – wieder auf. „Wer im Kino schläft“, war eine der ersten Lebensweisheiten, die ich meinem Nachwuchs auf den Weg gab, „vertraut dem Film“.

Das waren die seligen 2000er-Jahre. Heute ist an Schlaf vor Bildschirmen und Leinwänden nicht mehr zu denken. Mit „Mascha und der Bär“ etwa versucht Putins Russland ziemlich erfolgreich, das Aufmerksamkeitsdefizit westlicher Kinder durch stalinorgelnde Mikro-Schnitte so zu vergrößern, dass sie sturmreif werden für die Algorithmen sozialer Medien aller Arten.

Dann geht man halt übernächtigt mit ihnen ins Kino. In „Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise“ zum Beispiel. Das läuft jetzt an und wird, so ist das mit „Bibi“-Filmen immer, die Kinobilanz des Filmjahres aufhübschen.

Kann nichts schiefgehen mit dem Schlafen. Bibis Geschichten gehen immer gleich. Weswegen es Generationen von (ehemaligen) Kindern gibt, die nach Jahrzehnten nicht wissen, wie das Bibi-Hörspiel Nummer 94 ausgeht, auf dem der neue Bibi-Film basiert, weil sie vor dem Finale längst eingeschlafen waren.

Alles geklaut in Klunkerburg

Die „Zeitreise“ im Kino hilft ihnen kaum weiter, weil der Plot des Films nichts mit dem Plot der ollen Kassette zu tun hat. Sieht man mal von der Zeitreise ab, auf die sich Bibi versehentlich hext.

Die Geschichte ist relativ nebensächlich: Eine Ausstellung zur Neustädter Geschichte wird vorbereitet in Schloss Klunkerburg. Eine geradezu magisch gesicherte und von einem güldenen Kraken geschützte Schatulle mit angeblich riesigem Diamanten drin ist das Highlight. Leider ist die bald geklaut. Die Spur führt ins Jahr 1887, wohin sich Bibi mit natürlich fatalen Folgen hext.

Da werden dann (beinahe) alle Klischees übers 19. Jahrhundert verwurstet, Feminismus wird betrieben und ein bisschen „Bridgerton“. Gestandene Schauspielerinnen wie Fritzi Haberlandt oder Rosalie Thomass dürfen nach Herzenslust outrieren.

Der Plot würde jeden Schlaflosen sicher zum Schlummern bringen, wären da nicht die Songs. Kinderfilme – bei David Dietls für eine ähnliche Alterskohorte erzählter Version von Erich Kästners „Emil und die Detektive“, die parallel zu Bibi kommende Woche anläuft, ist es ähnlich – vertrauen ja längst nicht mehr ihrer Geschichte, ihren Bildern.

Alle Viertelstunde muss gesungen werden, original vom Rosenstolz-Mastermind Peter Plate komponierte neue, gern feministische Mutmachlieder bei Bibi, Songs von angesagten Rap-Stars wie Zahide bei Emil.

Dann wird es immer lärmig im Kino. Die Lautsprecher dröhnen. Die Kids jubeln. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein aber mitunter eine doofe Idee.

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