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»Jeder Grund auf den Everest zu steigen, ist legitim«

DIE ZEIT: Frau Bierling, in diesen Tagen versuchen wieder viele Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest zu erklimmen. Sie waren vergangene Woche im Basislager auf 5.360 Metern Höhe. Wie war die Stimmung?

Billi Bierling: Die Leute waren wie immer sehr nervös, vielleicht noch etwas nervöser als in den vergangenen Jahren. Dieses Jahr konnten die Sherpa erst sehr spät damit beginnen, die Routen zu fixieren. Im April ging zwei Wochen nichts voran, weil ein großer Eisblock die erste Etappe durch den Khumbu-Eisfall blockiert hatte, dann war das Wetter schlecht. Aber inzwischen ist alles wieder im Zeitplan.

ZEIT: Sie sind verantwortlich für die Himalayan Database, ein gemeinnütziges Projekt, das seit 1905 alle Expeditionen in Nepal dokumentiert. Waren Sie im Basislager, um die Bergsteiger persönlich zu interviewen?

Bierling: Um Gottes willen, nein. Ich war privat im Basislager, weil ich ja auch gerne in die Berge gehe und immer sehr neugierig bin, was da los ist. Unsere Bergsteiger-Interviews führen wir seit je in Kathmandu. Bis vor gut zehn Jahren habe ich mit meiner damaligen Chefin Elizabeth Hawley und meinem nepalesischen Kollegen Jeevan Shrestra wirklich jeden Bergsteiger, jede Bergsteigerin einzeln befragt. Damals gab es etwa zwanzig, dreißig Trekking-Agenturen, die Expeditionen zu 8.000ern organisiert haben. Die haben wir angerufen und gefragt, wann deren Kunden in welchem Hotel in Kathmandu ankommen. Wir trafen die Leute dort, um über ihr Vorhaben zu sprechen und ihnen mitzuteilen, dass wir sie nach der Expedition auf jeden Fall wieder ausfindig machen würden, um zu erfahren, wie es gelaufen war. Das ist heute aufgrund der hohen Zahlen nicht mehr möglich.

ZEIT: Dieses Jahr hat das nepalesische Tourismusministerium 492 Genehmigungen für den Everest ausgestellt, so viele wie noch nie.

Bierling: Dazu kommen ja noch die Sherpa-Guides und da sind wir schnell bei 1.000 Leuten, die auf den Gipfel wollen. Wollten wir mit denen allen sprechen, bräuchten wir 150 Leute und die würden es nicht schaffen, mit allen Gipfelaspiranten zu sprechen. Wenn es uns gelingt, in einer Saison mit 20 Prozent der Bergsteiger ins Gespräch zu kommen, sind wir wirklich gut.

ZEIT: Woher nehmen Sie die Informationen über die anderen?

Bierling: Die Zahlen bekommen wir inzwischen vom Tourismusministerium, wo die Leute auch immer zu einem Briefing und Debriefing hinmüssen. Außerdem dokumentieren die Bergsteiger ihre Aufstiege selbst in Blogs oder auf den sozialen Medien, jeder hat heutzutage ein GPS oder eine Sportuhr dabei. Und inzwischen gehen eigentlich alle über dieselben Routen, das ist nicht mehr so interessant. Ich sage immer, das läuft wie bei einem Klettersteig in den Alpen. Der Aufstieg ist bis zum Gipfel durch ein Fixseil gesichert, in das sich die Leute einklinken. So können auch Menschen mit wenig Erfahrung und geringfügigen technischen Fähigkeiten auf den Everest steigen.

ZEIT: Hört man da eine leise Kritik?

Bierling: Nein, überhaupt nicht. Es ist einfach die heutige Zeit. Wir haben am Mount Everest den gleichen Übertourismus wie überall. Der Berg ist seit vierzig Jahren kommerzialisiert, und die Anzahl der richtigen Bergsteiger schrumpft jedes Jahr. Aber das ist am Matterhorn oder an der Zugspitze auch nicht anders.

ZEIT: Es sterben jedes Jahr Menschen am Mount Everest, viele infolge der Staus, die sich an Gipfeltagen in der sogenannten Todeszone über 8.000 Metern bilden. Seit Jahren wird darüber diskutiert, den Ansturm auf den höchsten Berg der Welt besser zu regulieren.

Bierling: Ich kenne die Diskussion. Aber man muss auch sehen, dass der Everest heute so sicher ist wie noch nie. Die Todesrate liegt nur noch bei 1,6 Prozent, die Erfolgsquote bei 70 Prozent.

ZEIT: In Bergsteigerkreisen heißt es, dass niemand ohne Bestätigung durch die Himalayan Database behaupten darf, er sei auf dem Gipfel des Mount Everest gewesen.

Bierling: Wir sind keine zertifizierende Institution. Ihr Gipfelzertifikat bekommen sie vom Tourismusministerium, nachdem sie dort ein Bild eingereicht haben, das sie auf dem Gipfel zeigt. In Zweifelsfällen schauen wir allerdings noch mal genau hin.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Bierling: Wenn es ein Gerücht gibt oder in einer Erzählung irgendwas nicht zusammenpasst, dann fühlen wir den Leuten auf den Zahn. Zum Beispiel: Sie erzählen mir, Sie seien auf dem Gipfel gewesen, mir kommt aber zu Ohren, dass Sie auf dem Südsattel schon schlapp gemacht oder den Abstieg nur noch mithilfe der Sherpa geschafft hätten. Wenn die Quelle hieb- und stichfest ist und Sie mir trotz Aufforderung kein Gipfelfoto zeigen können, dann bekommen Sie in der Database den Vermerk »«, also umstritten. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir Ihnen nicht glauben, aber eine andere verlässliche Quelle bezweifelt ihren Gipfelerfolg. Wir versuchen, für niemanden Partei zu ergreifen, wir berichten.

ZEIT: Auf welcher Grundlage dokumentieren Sie die Todesfälle?

Bierling: Auch die Todesfälle werden inzwischen vom Ministerium bestätigt und an die Presse gegeben, das ist alles öffentlich verfügbar. Früher haben wir im Nachgang mit allen Expeditionsleitern noch einmal gesprochen, um genau herauszufinden, was passiert ist. Schwierig ist es immer, die richtigen Sherpa zu identifizieren, da viele von ihnen den gleichen Namen haben. Ich weiß nicht, wie viele Lhakpas oder Pasangs ich kenne. Deshalb ist es wichtig, genau herauszufinden, aus welchem Dorf er stammt oder welches Geburtsdatum er hat.

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