Kultur

„Jede Beförderung würde zu noch mehr Arbeit führen, noch mehr Verantwortung, mehr Zeit im Büro“

„Jede Beförderung würde zu noch mehr Arbeit führen, noch mehr Verantwortung, mehr Zeit im Büro“

Wie oft kommt es vor, dass die Filmrechte für einen Roman verkauft sind, bevor dieser überhaupt erschienen ist? Mit einem Superstar wie Anne Hathaway in der Hauptrolle? Und dann auch noch für ein Debüt? „Yesteryear“, der Bestseller der Amerikanerin Caro Claire Burke, ist eine Sensation. Worum geht es in dem Roman, über den die halbe Welt redet, überhaupt? Ist er wirklich so gut, wie der Hype vermuten lässt? 

„Yesteryear“ ist ein sogenannter Tradwife-Roman. Zur Blüte des relativ neuen Genres, das die bei Instagram ausgestellte Welt eines traditionellen Lebensstils in eine Poetik der Verdrängung überführt, haben schon Hannah Lühmann mit „Heimat“ (2025) oder Jo Cheetham mit „Love and Rent“ (im August auf Deutsch) beigetragen. Auch Burke erzählt, wie es vor und hinter den Kulissen einer Influencerin aussieht, die sich mit Farm, Kindern und Eheglück eine digitale Gefolgschaft aufgebaut hat, die dem Lebensgefühl einer guten alten Zeit erliegt. Ihr Landhaus lässt die wohlhabende Antiheldin Natalie für ein kleines Vermögen zu einer „Zeitkapsel“ umbauen, in der alle modernen Geräte hinter Türen und Wänden verschwinden sollen.

Doch dann – und die Genialität des Romans liegt in dieser betörenden Prämisse – wacht Natalie eines Tages im Jahr 1855 auf. Das Rollenspiel ist Wirklichkeit geworden: „Schon witzig, dass ich Caleb in unseren ersten Ehejahren förmlich angefleht habe, ein solcher Mann zu werden, wie er nun vor mir steht. Das Gegenteil eines Kindergärtners. Ein Farmer. Ein Cowboy. Ein Patriarch. Ein echter hartgesottener Mann. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, habe dafür gebetet. Und was hat Gott getan? Er hat mich erhört. Er hat mir gegeben, was ich wollte.“

Doch Natalie muss feststellen, dass das Wäschewaschen mit bloßen Händen und der dauerpotente Patriarchen-Ehemann vielleicht gar nicht so toll sind, wie sie sich das immer vorgestellt hatte. Immer wieder wechselt der Roman zwischen der Gegenwart, in der Natalie die Yesteryear-Farm zur prominenten Online-Marke erhebt, und der Vergangenheit, in der Natalie dem gewaltvollen Zwang auf der Farm zu entfliehen versucht, hin und her. Schon früh vermutet man, dass ihre Erzählperspektive unzuverlässig ist und entscheidende Details auslässt. So wie ihr Instagram-Kanal auslässt, dass sich hinter ihrem nach außen hin idyllischen Familienprojekt eine heimliche Produzentin, 20 Farm-Mitarbeiter, Pestizide, reihenweise wegsterbende Tiere, Kindesvernachlässigung sowie Finanzspritzen in Millionenhöhe vom Schwiegervater verbergen.

Der Text pflanzt hin und wieder Hinweise, was es mit der 1855-Perspektive auf sich haben könnte: Befindet sich Natalie in einem Reality-TV-Dreh? Einem sozialen Experiment? Leidet sie unter Wahnvorstellungen? Ist sie tatsächlich in die Vergangenheit gereist? Die Auflösung am Ende kommt wie ein Knall und ist schockierender als alles, was man sich zuvor zusammengereimt hat. 

Die Stärken von „Yesteryear“ sind offensichtlich: Einerseits handelt es sich um einen Diskursroman, der feministischen Geburts-Body-Horror mit Tradwife-Bootcamp-Schilderungen und religiösen Unterwerfungsfantasien paart. Andererseits profitiert er von einem starken Plot mit unvorhersehbaren Twists, dem keine dramaturgische Beratung etwas hinzuzufügen hätte. Das zwischen bitterböser Satire und spannendem Thriller changierende Wunscherfüllungs-Desaster nach dem „Geist aus der Flasche“-Muster liest sich stellenweise herrlich lustig-zynisch.

Mitleid mit Karriere-Frauen

Etwa wenn Natalie mitleidig auf das Leben ihrer ehemaligen Collegefreundin Reena blickt, die sich gegen das Tradwife-Modell entschieden hat: „Sie würde siebzig bis achtzig Stunden pro Woche arbeiten und sich hauptsächlich von Koks und Red Bull ernähren. Dabei würde sie von einer ganzen Arena voller männlicher Kollegen umringt sein, von Typen, die ihre Handvoll Kolleginnen permanent fickten, und zwar privat wie beruflich … Sie müsste hart arbeiten, um den Job zu bekommen, um ihn zu behalten, und noch härter, um befördert zu werden. Und jede Beförderung würde zu noch mehr Arbeit führen, noch mehr Verantwortung, mehr Zeit im Büro.“

Dass man trotzdem oft distanziert auf das Geschehen blickt, liegt an den teilweise klischeehaft gezeichneten, durch die Bank weg unsympathischen Figuren, die sich jedem empathischen Mitgefühl verweigern. Das wiederum hat mit einer Sprache zu tun, die sich zu oft der Oberfläche, dem Affekt und der Provokation verschreibt, die Mechanismen der sozialen Medien also eher reproduziert als konterkariert.   

Wenn „Yesteryear“ sich von anderen Tradwife-Thrillern etwas abhebt, dann darin, dass er die Sehnsucht nach einem familiären Landleben zunächst plausibel macht, um das Modell Farm im nächsten Zug krachend wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Darüber hinaus überzeugt der Ausblick, den der Roman am Ende gibt, als hoffnungsvoller und zum Glück nicht moralisch-didaktischer Liebesbrief an unsere Gegenwart mit ihrem Liberalismus und Feminismus. 

Caro Claire Burke: Yesteryear. Aus dem Engl. v. Dietlind Falk, Lisa Kögeböhn. Heyne, 464 Seiten, 24 Euro

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