Einmal, da sitzt Nick Davies auf dem Bordstein vor seinem Haus. Verwaschene Jeans hat er an, verwuschelte Haare hat er auf dem Kopf, deren Farbe zumindest nicht der Wahrheit entspricht, weil David Tennant, der Nick Davies spielt in der Arte-Serie „The Hack“, noch längst nicht so grau ist.
Der Mond scheint über London. Und Davies, der Reporter für den „Guardian“ ist und um dessen Enthüllungsgeschichten sich in „The Hack“ alles dreht, spricht uns an. Und erklärt, was guter Journalismus ist. Nach Carl Bernstein, wegen dem ist Davies Reporter geworden, der hat Richard Nixon zu Fall gebracht. Bernstein, sagt Davies, hat gesagt, dass jede gute Berichterstattung immer gleich ist: die bestmögliche Version der Wahrheit.
Tja. Er schaut vor sich auf den Asphalt. Da schiebt gerade ein Pillendreher seine Kugel vorbei und scheint sanft zu winken. Pillendreher, das ist die mit Wikipedia-Unterstützung bestmögliche Version der Wahrheit, gibt es nicht in Großbritannien. Dass Jack Thorne, der „Adolescence“ erfunden hat und jetzt auch Showrunner von „The Hack“ ist, den Käfer samt seiner Kackkugel, die ihm als Nahrung dient, vorbeischickt, ist natürlich so lustig wie symbolisch.
Nick Davies sammelt gerade alles auf, was ihn am Ende zu einem der meistgefürchteten, meistgehassten Menschen seines Landes machen, diverse hohe Herren stürzen und Britannien ins Wanken bringen sollte, Rupert Murdochs Medienimperium ganz obenauf. Davies war der bestmöglichen Version der Wahrheit über einen Abhörskandal auf der Spur.
„News of the World“, Murdochs ruchloses Sonntagsblatt, hatte, das war Davies zugetragen worden, nicht bloß – in der Regel mittels eigens engagierter zwielichtiger Detektive – die Mailboxen einer guten Handvoll Prominenter geknackt und Informationen geklaut. Das war ja bekannt. Erste Klagen liefen. Diese Form der Nachrichtengewinnung war aber keine Ausnahme. Sie war endemisch. Es war der Frühling der Digitalisierung, Hacken war wahnsinnig einfach. Und niemand konnte mehr sicher sein. Im Buckingham Palace nicht und nicht irgendwo in Little Whinging.
Wer war noch mal Andrew Coulson?
Thorne macht aus diesem Teil seiner Geschichte eine Pseudodoku, durch die Davies uns führt. Immer wieder durchbricht Tennant die vierte Wand, spricht uns an, schaut uns mit hochgezogenen Augenbrauen an, kommentiert, was gerade geschieht, erzählt, was es bedeutet, fasst zusammen. Das ist auf der einen Seite nichts für Erzähltempojunkies und Menschen mit notorisch medialem Aufmerksamkeitsdefizit und auf der anderen Seite natürlich gerade für Menschen außerhalb des Vereinigten Königreichs wahnsinnig wichtig. Wer weiß schon, wer Andrew Coulson war („News of the World“-Grande, der später erst Pressesprecher von Premier Cameron und dann wegen seiner „News of the World“-Eskapaden für anderthalb Jahre ins Gefängnis musste), dass es einen Premier namens Gordon Brown gab, der noch langweiliger war als Keir Starmer.
Überraschend elegant verteilt Thorne die Berge von Informationen, die Fetzen aus tausenden von Gesprächen auf eine selten langweilig geschnittene Geschichte. Gießt sie in Dialoge, die gern in unaufgeräumten Büros, in Fernsehstudios oder kalten Verhörkammern, auf klandestinen Parkbänken in London oder in hochnotpeinlichen Untersuchungsausschüssen stattfinden und einen vor allem deswegen nicht in Morpheus’ Arme treiben, weil sie von einem extrem toll spielenden und sprechenden Cast umgesetzt werden. Man möchte immer wieder die Augen schließen und Tennant zuhören und Toby Jones (der Alan Rusbridger ist, Davies’ Chef beim „Guardian“) und vor allem dem Schottisch von Robert Carlyle. Man kann sich „The Hack“ auf gar keinen Fall als deutsches Franchise vorstellen. Aber wir schweifen ab.
Die Davies-Geschichte hätte an sich schon gereicht für gut sieben Erzählstunden, für einen konzentrierten Essay über Wahrheit, wahren Journalismus, Nachrichtengewinnung und Nachrichtenmissbrauch, über das parasitäre Verhältnis von Reportern zu Politikern, Polizisten und Prominenten, über Ethos und Haltung und Meinung. Dass Thorne sich das – möglicherweise aus Angst, langweilig zu werden oder staatstragend – nicht getraut hat, sieht man am ganzen Aufwand von – zum Teil wirklich lustigen – Versuchen, den Ernst der Lage aufzubrechen – er schickt den Pillendreher vorbei, lässt Karikaturen an der Wand über Davies’ Schreibtisch dessen Schreibversuche kopfschüttelnd mitlesen.
Und daran, dass Thorne die Medien-Doku mit einer True-Crime-Geschichte kreuzt, die ästhetisch komplett anders fotografiert und erzählt ist. Die Geschichte von Detective Chief Superintendent Dave Cook: Der leitete Anfang der 2000er den fünften und letzten Versuch, den seit 1987 unaufgeklärten Mord am Privatdetektiv Daniel Morgen aufzuklären, geriet aber irgendwann in den Fokus des gefräßigen Boulevardnachrichtenwolfs und wurde einer der zentralen Informanten für Nick Davies. Was ihn wiederum bei seinen Kollegen nicht unbedingt beliebt machte, weswegen er verfolgt wurde. Thorne trennt das Murdoch- erst feinsäuberlich vom Cold-Case-Verfahren (die Episoden 1 und 3 kreisen um Davies, die Folgen 2 und 4 um Cook), dann vernäht er beides, was zwar dramaturgisch schon seine Zwangsläufigkeit hat, am Ende aber allein schon ästhetisch eher unentschieden wirkt.
Keine Heiligengeschichte
Man nimmt ja doch einiges mit aus dieser Heptalogie, die nirgends, das ist Jack Thorne und David Tennant immerhin ganz prima gelungen, eine Heiligengeschichte wird. Man lernt viel über den seltsamen und fast beneidenswerten Ernst, mit dem die Briten über die Verfasstheit ihrer Medienlandschaft und ihrer heiligen Tradition debattieren. Über die unheiligen Allianzen, die Mächtige mit Menschen eingehen, die ihre Macht erhalten können (oder gefährden). Über Haltung und Moral im Journalismus, was ja immer und gerade heute wieder aktuell ist.
Und natürlich über das, was David Tennant Nick Davies vor einem Untersuchungsausschuss, der Regeln für den künftigen Umgang mit Quellen festlegen soll, dozieren lassen darf. Über die Folgen des Hackens, des Stehlens von Informationen und über den damit verbundenen Verlust der Menschlichkeit im Umgang mit Quellen und die Folgen für den Journalismus und die Gesellschaft. Spricht es aus. Schaut zweifelnd in die Kamera.
Und dann beginnt der Abspann, in dem die Folgen des Hacker-Skandals aufgelistet und die Schicksale jener aufgeschrieben sind, die mittel- und unmittelbar involviert waren, und vermeldet wird, wie sich Murdochs Unternehmen mit Milliarden von Pfund von etlichen Anwürfen freikaufte. Und dass es trotz aller Erkenntnisse seitdem keine Regierung des Vereinigten Königreichs hinbekommen hat, einen gesetzlich grundierten, unabhängigen Presserat zu installieren.
Die Serie „The Hack“ kann in der Arte-Mediathek gestreamt werden.