Berlin – Seit mehr als vier Jahren kämpft die Ukraine gegen Russlands Streitmacht, seit mehr als zwölf Jahren verteidigt sich Kiew gegen russische Invasoren im Donbass. Doch der russische Herrscher Wladimir Putin ist nicht der erste Diktator, der die Ukraine unterwerfen wollte: Auch Sowjet-Despot Josef Stalin und der deutsche Nazi-Tyrann Adolf Hitler brauchten das Land für ihre Allmachtsfantasien.
Im ZEITREISE-Podcast von BILD-Autor Filipp Piatov spricht der Historiker Martin Schulze Wessel (Uni München) über die dunkle Vergangenheit der Ukraine – und zieht ein unheimliches Fazit zu Putins Kriegsmotivation.
Die Sowjetführung erachtete die Ukraine aus mehreren Gründen als existenziell wichtig, so Schulze Wessel: „Es war zum einen die zweitgrößte orthodoxe slawische Nation nach den Russen. Ohne die Ukrainer hätte sich auch das Gleichgewicht innerhalb der Sowjetunion völlig zugunsten der Muslime und der zentralasiatischen Bevölkerungen verschoben.“
Zum anderen verfügte die Ukraine „über große, natürliche Ressourcen“, die Moskau unbedingt brauchte: „Sie beherbergte das größte Kohlegebiet und ein wichtiges Eisengebiet der Sowjetunion. Die Industrialisierungspläne waren ohne die Ukraine schwer vorstellbar.“
Doch Stalin beließ es nicht dabei, die Ukraine in die Sowjetunion einzugliedern. Mit einer menschengemachten Hungersnot, die als „Holodomor“ in die Geschichte einging, trieb er Millionen Ukrainer in den 1930er Jahren in den Tod. Stalins Ziel sei gewesen, „die Ukraine zu zerstören, ihren nationalen Willen zu brechen“, so Schulze Wessel.
Hitler wollte Ukraine „beherrschen und ausbeuten“
Anfang der 1940er Jahre fiel die Ukraine mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion in die Hände von Adolf Hitler. „In seinem Buch ‚Mein Kampf‘ kommt die Ukraine erstaunlicherweise nicht vor“, sagt Historiker Schulze Wessel. „Aber zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, vor allem vor dem Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Juni 1941, äußert er dann: Man muss die Ukraine haben, um Hunger in Deutschland zu vermeiden.“ Also wird die Ukraine da wieder als die reiche Agrarregion gesehen, die man beherrschen muss und die auszubeuten ist. Dabei sei erneut der Hungertod unzähliger Ukrainer einkalkuliert worden, um das Deutsche Reich zu ernähren, sagt Schulze Wessel.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Ukraine wieder sowjetisch. Und wieder herrschten Moskaus Ideologen über das Land: „Es gab das Ziel, eine sowjetische Nation zu schaffen“, so Schulze Wessel. Russen wurden in der Ukraine angesiedelt, Ukrainer in Russland. Was wie friedliche Integration wirkte, war auch das Ziel, den ukrainischen Nationalstaat für immer zu schwächen: „Wenn man russische Migration in die ukrainischen Industriegebiete förderte oder umgekehrt auch ukrainische Migration nach Sibirien, dann hatte das natürlich die Intention, eine ethnisch tendenziell homogene Sowjetunion zu schaffen.“
Für Putin ist die Ukraine eine „Frage von Sein und Nichtsein“
Nach dem Zerfall der UdSSR und einer Phase des Friedens begann Putin 2014 seinen Feldzug gegen die Ukraine. Das Motiv dafür sei viel tiefgehender, als viele denken, so der Historiker und Osteuropa-Experte Schulze Wessel im ZEITREISE-Podcast: „Ich glaube in der Tat, dass Putin eine Ukraine-Obsession hat. Natürlich ist er sowieso ein Imperialist. Er versucht, den Einfluss Russlands in alle Richtungen zu verbreitern. Das betrifft auch Zentralasien, das betrifft Südosteuropa. Das könnte unter Umständen auch Nordosteuropa betreffen. Aber mit der Ukraine ist es eine besondere Sache: Er stilisiert sie zu einer Frage von Sein und Nichtsein des russischen Imperiums und auch der russischen Nation.“
Putin macht die Frage, ob die Ukraine zu seinem Imperium gehört, zu „einer Frage der nationalen Identität“: Der Kreml-Chef fürchte, dass eine unabhängige Ukraine demokratisch und wirtschaftlich erfolgreich werden könne, wenn sie sich „aus dieser russischen Welt entzieht“, sagt Schulze Wessel. Die Russen könnten darin eine alternative Lebensweise für ihr Land erkennen – eine Alternative zu Putin.