Chicago – Bei der EM 2024 war er noch der DFB-Kapitän, danach beendete Ilkay Gündogan (35) seine Nationalelf-Karriere. Im Interview spricht er über Deutschland und die WM – und ist ziemlich optimistisch, was die deutschen Chancen angeht …
BILD: Am Freitag gab es den Schock: Lennart Karl verletzte sich. Wie bitter ist das für ihn und das deutsche Team?
Gündogan: „Das ist extrem bitter für ihn. Er hatte allerbeste Chancen, sogar in der Startelf zu stehen bei der WM. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen: Genau in solchen Situationen kommt es jetzt darauf an, gestärkt zurückzukommen. Er ist noch sehr jung und dürfte bei seinem Talent normalerweise noch viele große Turniere für Deutschland bestreiten. Der Mannschaft fehlt nun für Rechtsaußen eine starke Option, aber ich sehe in dem Kader auch dahinter noch genug Qualität.“
BILD: Wie sehen Sie denn die Chancen fürs DFB-Team bei der WM? Viele trauen dem Team nicht viel zu …
Gündogan: „Wenn man jetzt auf die deutsche Mannschaft schaut, sehe ich es ehrlich gesagt gar nicht negativ. Man schaut ja vor jedem Turnier, wer vielleicht überraschen kann. Und ich glaube schon, dass die deutsche Mannschaft für eine sehr große Überraschung sorgen kann! Wenn ich mir den Trend anschaue zuletzt, kann ich mir vorstellen, dass unsere Mannschaft eine wichtige und gute Rolle spielen kann. Ich glaube an die Mannschaft, ich sehe da viel Potential! Man kann da sehr, sehr viele Gegner schlagen.“
BILD: Was macht Sie optimistisch?
Gündogan: „Die Mischung aus Erfahrung und jungen, dynamischen Spielern. Dieses Unberechenbare der jungen Spieler, das hat mir zuletzt gut gefallen, wie wir da spielen. Du hast vorne mit Havertz, Undav, Woltemade gute, unterschiedliche Spielertypen. Der Bundestrainer hat offensiv sehr viele Optionen, und in der Verteidigung genauso. Das Team ist gut besetzt! Es ist eine Mischung, die für jeden Gegner sehr gefährlich werden kann!“
BILD: Können wir sogar Weltmeister werden?
Gündogan: „Ich finde, es ist erstmal gut, dass die Erwartungshaltung nicht allzu groß ist. Das ist ein Vorteil für unsere Mannschaft. Wir haben trotzdem echt super Spieler, die nach wie vor auf Weltklasse-Niveau spielen. Wir haben viele Spieler, die Halbfinale und Finale gespielt haben in der Champions League. Wir sind halt momentan so ein bisschen in der zweiten, dritten Garde und können da auch befreit zum Turnier gehen. Und viele Leute sagen ja immer noch, dass man mit den Deutschen immer rechnen muss. Dass sie auch zu den Mannschaften gehören, die den Weg ins Finale schaffen können.“
BILD: Hätten Sie an das Comeback von Manuel Neuer geglaubt?
Gündogan: „Ehrlicherweise hat mich das schon ein bisschen überrascht. Am Ende muss man natürlich schauen, wie fit Manu ist. Ich kann das jetzt ehrlich gesagt nur schwer einschätzen. Vielleicht ist das Gute, dass man mit Oli Baumann einen super Mann dahinter hat. Auch wenn es für ihn verständlicherweise nicht ganz so leicht ist. Aber ich kenne Oli gut genug, ich weiß, was für ein überragender Typ das ist, wie er seine Rolle auch in der Mannschaft wahrnimmt, wie auch sein Verhältnis zum Manu ist. Dementsprechend glaube ich nicht, dass da irgendwelche Probleme entstehen werden. Wenn Oli seine Chance kriegt, wird er sie auch nutzen. Und wenn Manu fit ist, wissen wir, dass wir auch immer noch einen der weltbesten Torhüter im Tor stehen haben.“
BILD: Macht es einen Unterschied für die Stürmer, wenn da Manuel Neuer im Tor steht?
Gündogan: „Ja, ich glaube schon. Also, ich kann jetzt nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Immer wenn Manu sowohl als Mitspieler als auch gegenüber im Tor stand, dann ist das schon eine enorme Präsenz gewesen. Und ich glaube schon, dass das auch für die Gegner genauso gilt. Nicht nur wegen seines Namens und wegen dessen, was er geleistet hat, sondern was er nach wie vor auch leistet. Das Spiel in Madrid war ein extrem gutes Beispiel. Er hat es immer noch drauf. Das hat er bewiesen, auch in der jüngeren Vergangenheit. Und dementsprechend ist er natürlich für jede Mannschaft ein sehr großer Mehrwert.“
Gündogan: Tor wird Sané Selbstvertrauen geben
BILD: Sie kennen Leroy Sané sehr gut, spielen jetzt seit einem Jahr wieder mit ihm zusammen bei Galatasaray. Was trauen Sie ihm zu bei der WM?
Gündogan: „Sein Jahr war ähnlich wie meins, ehrlich gesagt. Sehr turbulent mit Höhen und auch Tiefen. Er hat es aber immer geschafft, sich aus den schwierigen Momenten sehr gut rauszukämpfen. Er hat die Saison sehr gut beendet. Das Tor gegen die USA wird ihm noch weiter Selbstvertrauen geben – das war wichtig.“
BILD: Er wird manchmal von den Fans recht kritisch gesehen? Zu kritisch?
Gündogan: „Das einzige Problem ist bei ihm, dass er seine Verärgerung manchmal ein bisschen sehr offensichtlich raushängen lässt, wenn im Spiel mal etwas nicht 100 Prozent klappt. Aber das ist auch was Gutes, ehrlich gesagt, weil man merkt, dass ihm Dinge nicht egal sind. Er hat den Stempel aufgedrückt bekommen, dass er sich nicht kümmert, dass es ihm egal ist. Aber das ist gar nicht so. Er ärgert sich extrem und auch viel über sich selbst. Was die Leute nicht immer ganz so wahrnehmen. Und ich als jemand, der ihn sehr gut kennt, weiß, wie wichtig es ihm war, topfit zu sein, um die Möglichkeit zu haben, diese WM zu spielen. Er hat schon sehr, sehr viel Kritik bekommen und hat sich trotzdem nicht hängen lassen und hat weitergemacht.“
BILD: Kann er nach der Karl-Verletzung jetzt richtig wichtig werden?
Gündogan: „Ja, ich glaube einfach, dass er dieser deutschen Mannschaft dann auch Qualitäten gibt, die kein anderer so in der Art hat. Ob er es dann von Anfang an oder nur für ein paar Minuten beweist, das wird der Bundestrainer entscheiden. Aber ich glaube, so ein Mann zu haben im Kader – da kann sich einfach nur jeder Trainer als glücklich schätzen. Entsprechend drücke ich ihm natürlich die Daumen, dass er gerade die Leistungen in den letzten Spielen der Nationalmannschaft auch bestätigen kann bei dem Turnier.“
BILD: Wie sehen Sie Julian Nagelsmann, der ja auch immer wieder viel Kritik abbekommt?
Gündogan: „Es ist grundsätzlich schwer, in den Schuhen vom Bundestrainer zu stecken. Gefühlt jede Entscheidung, die du triffst, wird natürlich debattiert und wird kritisiert, wird gelobt. Am Ende musst du halt deinen eigenen Weg durchziehen. Julian hat das damals 2024 schon gemacht. Auch wenn das Ausscheiden ja ein bisschen unverhofft früh kam, gab es ja trotzdem so eine gewisse positive Grundstimmung am Ende. Und genau seinen Weg führt er jetzt auch bei dem Turnier weiter. Da muss man ihm das nötige Vertrauen geben, dass er es auch schafft, bei diesem Turnier am besten umzusetzen. Ich persönlich tue das. Und wie gesagt, ich erhoffe mir sehr viel von der deutschen Mannschaft und bin guter Dinge, dass wir wieder ein tolles Turnier spielen können und auch sehr weit kommen können.“
BILD: Wer sind die Favoriten für Sie bei der WM?
Gündogan: „Für mich absoluter Favorit ist Spanien, was sie in den letzten Jahren geleistet haben und auch wie sie Fußball spielen. Frankreich vom Talent und vom Kader her natürlich. Und bei England bin ich auch sehr gespannt. Da habe ich kein so schlechtes Gefühl.“
BILD: Auch wegen Tuchel?
Gündogan: „Thomas hat jetzt viel Kritik bekommen, auch wegen der Kaderzusammenstellung, wegen Spielern, die er nicht mitgenommen hat. Aber manchmal muss man auch einfach hart sein und dann auch seine Schiene durchziehen. Das macht er und da habe ich großen Respekt vor. Ich hoffe für ihn, dass es gut geht, weil ich ihn als Trainer und Menschen sehr schätze. Ich drücke ihm natürlich auch die Daumen, dass er erfolgreich ist bei der Weltmeisterschaft.“
BILD: Ein Thema, was in Deutschland ja immer viel diskutiert wird, ist das Quartier. Deutschland ist in North Carolina so ein bisschen im Nirgendwo. Nervt das manche Spieler?
Gündogan: „Das ist von Typ zu Typ eigentlich anders. Manche mögen es schon, mal rauszugehen aus dem Quartier, vielleicht auch mal ein bisschen Freizeit zu haben für ein paar Stunden. Wenn sie sich dann selbst mal in ein Café setzen können. Einfach mal andere Menschen sehen, andere Orte sehen. Das mögen schon viele Spieler. Ich mag es ehrlich gesagt selber auch. Zumindest die Möglichkeit zu haben. Es hängt aber auch so ein bisschen am Ende davon ab, was du daraus machst und was du als Mannschaft, als Team daraus machst. Was für eine Grundstimmung da ist. Fakt ist, am Ende kannst du eh nicht jeden glücklich machen.“
BILD: Österreich und die Schweiz sind in Kalifornien am Meer …
Gündogan: „Die haben wahrscheinlich mehr Glück mit dem Spielplan, oder? Ich kenne aber nicht viele Menschen, die das Meer nicht mögen, ehrlich gesagt, Meer und Strand …“
BILD: Gab es bei den letzten Turnieren, wo Sie dabei waren, irgendwann mal so einen Punkt, wo Lagerkoller-Gefahr bestand?
Gündogan: „Am ehesten 2018 vielleicht in Russland …“