Toledo (Spanien) – Es sollten zwei unbeschwerte Tage in Sevilla werden. Dann hält der Zug an, schildert Tangui Binier (22) gegenüber BILD. Zehn Minuten weiß niemand, warum. Plötzlich knallt es. Koffer fliegen durch die Gegend, Menschen stürzen zu Boden. Schreie und Weinen sind zu hören. Binier saß zusammen mit seinem Vater in Wagen 8, als zwei Schnellzüge auf einer Bahnstrecke rund 150 Kilometer südlich von Madrid zusammenprallten. Mindestens 68 Menschen kamen ums Leben, 176 sind verletzt.
Binier schildert die schrecklichen Szenen, die den 22-Jährigen nicht mehr loslassen „Man hörte Leute weinen. Ich sah viel Rauch und lose Kabel auf dem Boden. Aus dem Fenster konnte ich sehen, dass ein anderer Zug hinter uns war und einige umgekippte Waggons. Mein Vater und ich blieben erst im Wagen und kamen dann zu dem Schluss, dass wir helfen mussten.“
Es ist 8.53 Uhr am Mittwochmorgen, als auf gerader Strecke bei Urda in Kastilien-La Mancha zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidieren. Ein Renfe-Zug mit 397 Passagieren rast in einen auf demselben Gleis stehenden Zug der Gesellschaft Iryo mit 147 Menschen an Bord. Mehrere Waggons entgleisen und stürzen den Bahndamm hinunter. Beide Züge waren von Madrid nach Sevilla unterwegs.
„Wir verließen den Zug und sahen schreckliche Bilder, die ich erst noch verarbeiten muss. Überall war Blut. Tote wurden herausgetragen. Ich half draußen den Ärzten, so gut ich konnte, hielt Serum, holte Sachen, hielt Verletzte wach. Mein Vater half der Feuerwehr, ein Mädchen zu bergen, das eine völlig zerstörte Hüfte hatte“, erzählt Binier. „Wir wollten nur zwei Tage nach Sevilla, um uns die Stadt anzugucken. Du denkst nie, dass so etwas dir passiert. Nichts bereitet dich auf so etwas vor.“
Ersthelfer (67) fährt sofort zum Unglücksort
Antonio Almansa (67) aus Urda war als Ersthelfer am Unglücksort. Nach eigenen Angaben kam er als einer der ersten aus dem Nachbardorf zur Zugstrecke geeilt. Er erfuhr aus den sozialen Netzwerken, welche Tragödie sich unmittelbar vor seiner Haustür abspielte. „Ich setzte mich ins Auto und fuhr los, um zu helfen und Decken und Wasser zu bringen. Nach und nach kamen mir Leute über einen Feldweg entgegen. Manche bluteten“, schildert er gegenüber BILD.
Auch Iker Martinez (22) und Diego Gonzalez (21) aus Toledo erfuhren online von dem Unfall und fuhren als Ersthelfer zum Unglücksort. Zwei Tage vor dem schweren Unfall habe Martinez in demselben Zug gesessen, sagt er. Der 22-Jährige fordert: „Wir müssen Erklärungen verlangen. Wir müssen Druck machen, damit so etwas nicht wieder passiert. Wir haben ein Supereisenbahnnetz. Aber jetzt hat man ja richtig Angst, den Zug zu nehmen.“
Wie konnte es zu dem Unglück kommen?
Nach Angaben von Verkehrsminister Óscar Puente fiel um 8.30 Uhr wegen einer Computerstörung das Sicherheitssystem auf einem 63 Kilometer langen Streckenabschnitt aus. Alle Züge stoppten. Doch die Leitstelle ließ den Renfe-Zug ohne zusätzliche Geschwindigkeitsbegrenzung weiterfahren. Um 8.53 Uhr raste er in den stehenden Iryo-Zug. Puente nannte die Anweisung „unerklärlich“.