Neukölln (Berlin) – Sieben Minuten (!) stehende Ovationen für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (53) nach seiner einstündigen Bewerbungsrede. Und dann das! Ein älterer Herr geht plötzlich ans Mikro und erklärt überraschend seine Gegenkandidatur. Auch er will CDU-Spitzenkandidat für die Berlin-Wahl (20. September) werden. Sein Name: Wolfram Wickert (85). Er ist der Bruder des berühmten TV-Journalisten und langjährigen Tagesthemen-Moderators Ulrich Wickert (83). „Mit Wegner sacken wir ab!“, erklärt der frühere Polit-Berater seine Motivation.
Wickert sprengt den durchgeplanten Parteitag in der früheren Zigarettenfabrik von Philip Morris. Hand hochheben, möglichst einstimmig – so sollte der in den letzten Monaten angeschlagene Berliner Rote-Rathaus-Chef ins Rennen mit der fast gleich starken AfD und den dichten Verfolgern von Linke, SPD, Grünen durchstarten können.
Jetzt muss auf die Schnelle eine geheime Wahl organisiert werden. Stimmzettel herrichten und verteilen, auszählen. „Schämen Sie sich!“, beschimpft ein Kreuzberger Wegner-Vertrauter den Herausforderer. Finanzsenator Stefan Evers (46): „Sage noch einer, hier wird nichts geboten!“
Der Wickert-Bruder war jahrzehntelang in der SPD, arbeitete vor einem halben Jahrhundert im Büro des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Nach dem Mauerfall war Wickert auch Berater der Regierung von Lothar de Maizière, Helmut Kohl hatte ihn dorthin geschickt. Außerdem ist der in Shanghai geborene Diplomatensohn (sein Bruder Ulrich kam in Tokio zur Welt) Maler. Künstlername: Lao Lang.
Doch der Parteitag zeigt um 20.30 Uhr Erleichterung: Nur 18 Delegierte haben für Wickert gestimmt. Heißt: Wegner holt sogar in geheimer Wahl 252 Stimmen (92,4 Prozent). „Das ist Unterstützung“, freut sich der gebürtige Spandauer. „Ich will Regierender Bürgermeister bleiben.“
Und wieder gibt es stehende Ovationen. Viele Parteifreunde wedeln mit dem Wahlkampfslogan „Berlin wird“. Er wolle den Kurs der pragmatischen Mitte weiterführen und verhindern, dass die Linke das Rote Rathaus übernimmt. Wegner ist überzeugt: „Es wird eine Schicksalswahl für Berlin.“
Ganz trotzig nennt die Union ihre Berliner Pläne Regierungs-, nicht Wahlprogramm. Kleines Spotlight: Straßenstrich verbieten, Müll-Hotspots mit Videokameras überwachen, am Tempelhofer Feld 20.000 Wohnungen bauen.