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Einbürgerungen steigen auf neuen Rekordwert

Einbürgerungen steigen auf neuen Rekordwert

Deutschland erlebt einen historischen Einbürgerungsboom: Noch nie seit Einführung der einheitlichen Statistik im Jahr 2000 wurden so viele Menschen eingebürgert wie 2025. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG erhielten allein in 14 Bundesländern mindestens 309.852 Menschen den deutschen Pass. Damit liegt die Zahl über dem bundesweiten Rekordwert von 291.955 Einbürgerungen im Jahr 2024.

Mehrere Länder stellten die Daten erstmals zur Verfügung, andere hatten sie bereits veröffentlicht. Teilweise handelt es sich noch um vorläufige Werte. Bislang liegen keine Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt vor. Auch aus den Ländern Niedersachsen, Saarland und Schleswig-Holstein gibt es keine Gesamtzahlen, allerdings hat die Mehrzahl der Städte und Kreise dieser Länder ihre Einbürgerungsdaten auf Anfrage von WELT AM SONNTAG zur Verfügung gestellt.

Der starke Anstieg ist nach Einschätzung vieler Behörden auf mehrere Entwicklungen zurückzuführen. Zum einen haben Migranten aus den Zuzugsjahren 2015 und 2016 in den letzten Jahren die notwendige Aufenthaltsdauer für eine Einbürgerung erreicht.

Zum anderen wirkt die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts nach, mit der die frühere Ampel-Regierung die Voraussetzungen für den deutschen Pass erleichtert hatte. So sind Einbürgerungen inzwischen bereits nach fünf statt bislang acht Jahren möglich. Außerdem wird die doppelte Staatsbürgerschaft grundsätzlich akzeptiert – vorausgesetzt, die sonstigen Kriterien sind erfüllt, darunter die selbstständige Sicherung des Lebensunterhalts.

In vielen Ländern sind die Zahlen infolge der Reform explodiert. Berlin hat mit 39.034 Personen fast doppelt so viele Personen eingebürgert wie im Jahr 2024. In Brandenburg wurden 4695 Ausländer eingebürgert – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Wichtigstes Herkunftsland war in vielen Bundesländern weiterhin Syrien, daneben nahmen vielerorts die Einbürgerungen von türkischen und russischen Staatsangehörigen zu. Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 3841 Russen eingebürgert – 67,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Vorbereitung auf nächsten Einbürgerungsboom

Es handle sich bei den russischen Einbürgerungswilligen vermutlich um eine „gemischte“ Gruppe, sagte Dmitri Stratievski, Politologe und Leiter des Osteuropa-Zentrums Berlin, WELT AM SONNTAG. Dazu gehörten Personen, die die für sie „politisch kritische Verbindung zu Russland“ abbrechen und deswegen Deutsche werden wollten. Andere ließen sich einbürgern, weil sie bereits länger in Deutschland lebten, behielten aber ihren russischen Pass, was meist private und nicht politische Gründe habe, etwa vereinfachte Besuchsmöglichkeiten von Angehörigen.

Mehrere Städte und Kreise berichten, dass sie aktuell rückläufige Antragszahlen erlebten, allerdings bereiten sie sich schon auf den nächsten Einbürgerungsboom vor. Denn im kommenden Jahr dürften nach Einschätzung mehrerer Behörden zunehmend Ukrainer nach dem deutschen Pass streben. „Da die erste große Fluchtwelle mit dem Beginn des Ukraine-Konflikts am 24.02.2022 einsetzte, erreichen die ersten Geflüchteten die notwendige fünfjährige Voraufenthaltszeit im Frühjahr 2027“, sagt ein Sprecher des Landkreises Aurich.

Im März 2027 laufe der bislang gewährte kollektive Schutzstatus aus. „Um Rechtssicherheit zu erlangen, nutzen dann vermutlich viele Geflüchtete die verkürzte Fünfjahresfrist zur Einbürgerung, die durch die neue Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft zusätzlich an Attraktivität gewonnen hat.“

Im Vergleich zu den Geflüchteten von 2015/2016 profitierten Ukrainer „von erheblichen strukturellen Vorteilen“. Dank des sofortigen Arbeitsmarktzugangs könnten viele die geforderte eigenständige Lebensunterhaltssicherung deutlich schneller vorweisen. Zudem entfielen langwierige Asylverfahren und Identitätsprüfungen. Es werde deswegen „mit einem erneuten sprunghaften Anstieg der Antragszahlen gerechnet“.

Andere Kommunen rechnen ebenfalls mit steigenden Antragszahlen – betonen allerdings, dass für Ukrainer aus dem aktuellen Schutzstatus heraus kein Rechtsanspruch auf Einbürgerung bestehe. Wie die Abfrage von WELT AM SONNTAG zeigt, gibt es zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie mit ukrainischen Flüchtlingen umzugehen ist, die den deutschen Pass anstreben.

Ricarda Breyton schreibt seit vielen Jahren über Migrationspolitik und rechtspolitische Themen.

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