Die neue Lust am zweiten Blick
Schon der Salonmaler Jean-Léon Gérôme wusste genau, was er da enthüllte, als er 1861 sein historistisches Großgemälde „Phryne vor dem Areopag“ zeigte. Es stellt eine antike Hetäre dar, die – angeklagt wegen schamlosen Verhaltens – sich vor ihrer Verurteilung vor dem hohen Gericht entblößte. Und ihre blendende Schönheit habe sie als reine Unschuld erscheinen lassen.
Jeder, der sich über diese Zurschaustellung in Öl empörte, erfreute sich natürlich pharisäerhaft an der nackt gemalten Frau, die zudem das Modell zeigte, welches auch Praxiteles für seine Aphrodite von Knidos inspirierte, die erste Statue, die eine Frau nackt vorführte. Gérômes scheinbar skandalhaftes Bild war der Hit im Pariser Salon: Die Leute standen Schlange. Denn damals, wie wohl tausende Jahre vorher, galt für die Kunst: mit Sex lässt sie sich noch besser verkaufen.
Das haben längst auch die Kuratoren der um Besucher buhlenden Ausstellungen in gnadenlos-streng an ihrer Auslastung gemessenen Museen verstanden. So fallen auch in respektablen Häusern – kunsthistorisch betrachtet – die Hüllen, man zeigt alles und preist das entsprechend an: Jüngst waren das mal ernsthafte, mal spekulative Schauen wie „Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ (Bundeskunsthalle Bonn) oder „Sex Now“ (NRW-Forum Düsseldorf), wo man – zwischen Pornografie und Peinlichkeit pendelnd und selbstredend erst ab 18 Jahren – eingeladen war, „Lust, Körper und Begehren in all ihrer Komplexität zu entdecken“.
Doch nebenbei versucht es gerade der Kunstbetrieb, wo Nacktheit und Begehren seit der 30.000 Jahre alten Venus von Willendorf mit zum essenziellen Themenbesteck gehören, auch der Queerness Raum zu geben, die gesellschaftlich in einer Ära neuer, repressiver Bestrebungen aggressiv um Sichtbarkeit kämpft. Das wird einerseits durch den etwas anderen Blick auf den in dieser Hinsicht durchaus ergiebigen Bestand versucht, wie es etwa Schloss Wilhelmshöhe in Kassel mit „Alte Meister que(e)r gelesen“ unternahm.
Welche alternativen Lebensentwürfe, Körperverständnisse und Sexualitäten zeichnen sich in den Werken der Alten Meister ab, die wir heute im Begriff queer summieren würden? Wo lassen sich die modernen Betrachter vielleicht auch durch die eigene Sozialisierung leiten? So lautete dort die Fragestellung.
Die Ausstellungsreihe „Der zweite Blick“ – mit zwei Teilen: „Spielarten der Liebe“ und „Frauen“ – lädt Besucher des Berliner Bode-Museums dazu ein, sich per Spezialführer in der Dauerausstellung der Skulpturensammlung „den offiziellen Museumsdiskurs um bislang verborgene Narrative zu ergänzen“. Auf thematischen Routen wird dazu angeregt, einen „zweiten Blick“ auf die Werke zu wagen und diese dadurch neu und anders zu entdecken.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) zeigt bis Februar 2027 „Queere Moderne. 1900 bis 1950“, einen weit genug entfernten und abgeschlossenen Zeitraum als Emanzipationsprojekt vorgeblich vergessener oder marginalisierter Kunst der Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele der in Düsseldorf zu sehenden 130 Arbeiten von 34 Künstlern, mögen sie noch so mehr oder weniger offen gesellschaftlich relevant sein und, ja gern, auch nackte Tatsachen offenherzig zeigen, kommen nicht ohne Grund nur bei solchen Thematiken an die erlauchten Wände. Denn selbst ein Kronzeugenbild wie etwa Ludwig von Hofmanns antikisierendes Aktbild dreier tanzender Jünglinge namens „Die Quelle“ wurde nicht wegen seiner mittleren Qualität gezeigt, sondern einzig, weil es lebenslang, selbst im Exil, hinter dem Schreibtisch von Thomas Mann hing, der ein Schwulsein nur literarisch auslebte.
Trotzdem ist es natürlich aufschlussreich, zu sehen, wie in der Moderne Künstler mehr oder weniger offensichtlich vorgehen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizierten. Auch wenn das angeblich ziemlich gleichgeschlechtlich liebende Florenz der Renaissance – komplexer kodiert – ganz oben, bei Leonardo da Vinci wie Michelangelo angefangen, ungleich bessere Kunst hervorgebracht hat.
Selbst mit unbekannteren Altmeistern lassen sich Überblicksreigen etwa über den Heiligen Sebastian kuratieren, der es vom Pestheiligen zum Schwulenidol gebracht hat. Und sogar Jesus geriet den Manieristen mitunter so skulptural bodygebuildet, dass so mancher verschmockte Prälat schlucken musste, während die Heteromaler mit Wonne der Heiligen Agathe die nackten Brüste abzwackten.
Die erste queere Kunstschau der Schweiz wurde aus den USA übernommen (inklusive des englischen, empfehlenswerten Katalogs): „The First Homosexuals“ im Kunstmuseum Basel. Auch hier geht es, sehr kursorisch in 80 Objekten, um männliches wie weibliches Begehren, das in der Zeit vor den Stonewall-Unruhen oder der Aids-Krise von der Masse abweicht. Die Schau beginnt mit zwei gezeichneten männlichen Nackten von Rembrandt, definiert den Begriff „homosexuell“, führt Prominente wie Oscar Wilde vor und zeigt als bedeutendstes Bild den von Marianne Werefkin (wie auch von Jawlensky) gemalten androgynen Tänzer Alexander Sacharoff.
Wie hat der Begriff „homosexuell“ Kunst und Identität verändert – mit queeren Codes, Bildern und Geschichten? Der Begriff taucht 1869 zum ersten Mal auf, in Texten des ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny. Die einst nur unter dem Tisch gezeigten Akte von Fotografen für die Schweizer Schwulenzeitschrift „Der Kreis“ sind nun in Basel zu sehen.
Die Kroatin Nasta Rojc präsentiert sich 1912 herausfordernd im Jagdanzug. Romaine Brooks malte 1920 ihre Freundin „The Marchesa Casati“ sehr nackt. Daneben fängt ziemlich selbstverständlich Andreas Andersens „Interieur in Florenz mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter“ (1894) zärtlich das morgendliche Aufstehen seines Bruders samt Lover ein. Und die Aristokratin Louise Abbéma versetzt sich selbst 1883 mit der berühmten Schauspielerin Sarah Bernhardt in ein Boot nebst schwarzen Schwänen.
Die üblicherweise hingestreckten nackten Frauen bekommen ein anderes Framing, wenn sie von Malerinnen gestrichelt wurden. Aus Epheben werden mit zunehmend homosexuellem Selbstbewusstsein muskelstrotzende, testosterondampfende Kerle à la „Heated Rivalry“. Sehr schräg in ihrer religiösen Retabelverbrämung sind Elisàr von Kupffers schweinchenrosa Jünglinge bei der Hochzeit wie auch die schwülen Knaben des in Italien lebenden Karl-May-Illustrators Sascha Schneider. Während sich der estnische Maler Karl Pärsimägi mit schimmernder Perlenkette präsentiert, so wie heute der Nonbinäre in der U-Bahn. Doch Pärsimägi starb 1942 in Auschwitz.
Spannend ist in Basel auch der kolonialistische und nichteuropäische Blick, etwa hin zu den Südamerikanern, wo Saturnino Herrán 1916 ansehnliche Mexikaner als „Unsere alten Götter“ entkleidete, und wo der sri-lankisch-britische Künstler David Paynter sich an bronzefarbener Haut delektiert. Doch sie alle bleiben Einzelpositionen, eine breitere gesellschaftliche Emanzipation des Queerseins ist bei den in Basel zu sehenden Beispielen nicht zu entdecken. Auch hier führt der Katalog sehr viel weiter. Mittelmaß findet sich schließlich auch in vielen Schauen mit Gegenwartskunst.
„The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939“, bis 2. August 2026, Kunstmuseum Basel; Katalog 65 Euro