Kriegschroniken

Die Krim soll zur Insel werden

Die Krim soll zur Insel werden

Major Robert Browdi, der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, setzt sich große Ziele. »Wir werden die Krim in naher Zukunft isolieren«, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Der ehemalige Geschäftsmann, der sich 2022 den Streitkräften anschloss und die ersten Drohneneinheiten der ukrainischen Armee schuf, befehligt heute Tausende Soldatinnen und Soldaten. Es ist ein Bruchteil der ukrainischen Armee, der in den vergangenen zwölf Monaten jedoch für etwa ein Drittel der russischen Verluste verantwortlich sein soll. Er hat den Süden der Ukraine für die russischen Besatzer in den vergangenen Wochen so unsicher gemacht, wie er es wohl noch nie seit Kriegsbeginn gewesen ist. 

Vor allem stehen die Straßen im Fokus, die von Russland durch den Donbass hindurch auf die Krim führen. Die 2014 von Russland annektierte und seitdem mit zahlreichen Militärstandorten zum Aufmarschgebiet hochgerüstete Halbinsel soll, wenn es nach Browdi geht, gewissermaßen zur Insel werden. 

Bereits seit Mitte Mai häufen sich Meldungen über Versorgungsprobleme auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim. Dem ging eine monatelange ukrainische Kampagne von Drohnenangriffen voraus, sogenannten Middle Strikes in einer Tiefe von bis zu 150 Kilometern hinter der Front und noch weiter auf russischem Gebiet. Systematisch haben ukrainische Drohnen mit erhöhter Reichweite monatelang vor allem russische Radare und Flugabwehrsysteme beschossen. Sie haben die dadurch entstandenen Lücken in der Flugabwehr anschließend genutzt, um ihr offenbar eigentliches Ziel ins Visier zu nehmen: russische Lastwagen, vor allem Treibstofftransporte. Über eine Straße entlang des Asowschen Meeres versorgen sie die Truppen der Angreifer auf einem Hunderte Kilometer langen Frontabschnitt. 

Vor allem aber versorgen sie die Krim mit Waren, mit Treibstoff – und mit Touristen. Zwischen fünf und sieben Millionen Russinnen und Russen haben seit Kriegsbeginn jährlich die Halbinsel besucht, der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle der Krim. Seit 2018 nutzen sie die fast 20 Kilometer lange Kertsch-Brücke auf das russische Festland, die Staatschef Wladimir Putin als Symbol der »Wiedereingliederung« der Krim bauen ließ. Waren- und Militärtransporte laufen hingegen vor allem über den Landweg entlang des Asowschen Meeres. Sie sind Major Browdi ein Dorn im Auge. 

»Wir werden Bedingungen schaffen, die es für Militärs (...) äußerst schwierig machen werden, auf der Krim oder in den vorübergehend besetzten Gebieten zu verbleiben oder die Zugangswege dorthin zu nutzen«, sagt Browdi. Seit Anfang Mai haben seine Drohnen nach Zählungen geolokalisierter Videos mindestens 270 Lastwagen getroffen. Einige der russischen Militärs versuchen inzwischen, wie Aufnahmen von Autofahrern zeigen, Treibstofflaster mithilfe von Holzbrettern als normale Lkw zu tarnen. Offenbar nutzen sie auch zunehmend Umgehungsstraßen entlang der Hauptroute und werden auch dort getroffen, da die Ukraine ihre Angriffe »kontinuierlich steigert«. Die ukrainische Armee nimmt dabei auch kleinere Straßen ins Visier, wie der Militärblogger Clément Molin, der die Attacken detailliert nachverfolgt, beobachtet hat.

Die Ergebnisse sind auf der Krim seit Wochen zu beobachten. Seit Mitte Mai wird Benzin auf der Halbinsel rationiert, die Rationen dabei verkleinert. Von pro Person 20 Litern an einem Tag auf 20 Liter pro Woche. Benzin ist auf der Krim inzwischen fast 40 Prozent teurer als in Russland, auf dem Schwarzmarkt laut Berichten bis zu dreimal teurer. Michail Raswoschajew, Besatzungschef der Großstadt Sewastopol im Süden der Halbinsel, informiert die Bevölkerung täglich über die wenigen Tankstellen, an denen Treibstoff noch ohne Bezugsschein frei erhältlich ist. »Leider ist es momentan nicht möglich, die Nachfrage nach Treibstoff vollständig zu befriedigen«, sagt auch Sergej Aksjonow, der Besatzungsverwalter der Halbinsel.

Die Versorgungskrise hat inzwischen sehr konkrete Folgen für die Krim, der pünktlich zu Beginn der Urlaubssaison Einnahmeausfälle drohen. Laut der russischen Zeitung  nahmen die Hotelbuchungen auf der Krim gegenüber dem Vorjahr um bis zu 40 Prozent ab. Die Zahl der Touristen droht laut Schätzungen, um fast die Hälfte einzubrechen: Schließlich haben Reisende, die sich vor der Überfahrt über die Krim-Brücke noch mit Benzinvorräten versorgen, keine Sicherheit, die Halbinsel ohne lange Wartezeiten verlassen zu können. Das Portal Krim.Realii zitiert Anwohner, die sich über die Tourismuskrise freuen: Schließlich bleibt dann mehr Benzin für sie selbst übrig. Berichte über leere Regale in Supermärkten seien übertrieben, doch viele kleine Läden und Kioske hätten geschlossen und stünden zum Verkauf.

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie sich in den kommenden Wochen weiter verschlimmert, ist hoch. Denn nach den breit gestreuten Attacken auf die Routen zur Halbinsel attackierte die Ukraine in dieser Woche verstärkt die Flaschenhälse auf diesen Wegen: mehrere Brücken über den Nord-Krim-Kanal, welche die Krim mit dem südukrainischen Festland verbinden

Nach zwei erfolgreichen Angriffen auf die Tschonhar-Brücke im Nordosten der Halbinsel, die zur Großstadt Melitopol in der Region Saporischschja führt – einem Drehkreuz der russischen Logistik – mussten die Besatzungsbehörden die Transporte über die westlicher liegende Brücke bei der Stadt Armsjansk umleiten. Sie liegt gut 80 Kilometer von der Front entfernt und damit etwa 50 Kilometer näher an ukrainischen Stellungen als die Tschonhar-Brücke. Sie wurde in der Nacht zum Donnerstag, ebenso wie mindestens zwei weitere kleinere Brücken in der Region, angegriffen. 

Deshalb ist der Weg über Armjansk laut russischen Offiziellen die einzige Zufahrt aus der besetzten Südukraine zur Krim. Es gibt einen einzigen verbliebenen Weg, der vergleichsweise sicher ist: die Kertsch-Brücke. Doch seit die Ukraine dieses Prestigeprojekt des russischen Staatschefs in den ersten beiden Kriegsjahren mehrfach attackiert hat, wird sie nicht mehr für Militärtransporte verwendet. Es dürfte das Ziel der Ukrainer sein, Russland zur Wiederaufnahme der Transporte über das exponierte Bauwerk zu zwingen. 

Die Versorgungskrise auf der Krim dürfte für Putin in erster Linie ein politisches und wirtschaftliches Ärgernis sein. Doch was ist mit den militärischen Folgen? Kann die zunehmende Isolation der Halbinsel der Ukraine einen entscheidenden Vorteil verschaffen?

Geht es nach der angeblich auch auf der Krim aktiven ukrainischen Partisanengruppe Atesch, passiert das schon jetzt. Ihren Angaben zufolge sollen russische Einheiten auf der Kinburn-Nehrung nordwestlich der Krim ihre Stellungen geräumt haben – weil sie dort von der Versorgung vollständig abgeschnitten gewesen sein sollen. Der schmale Landstreifen südlich der ukrainischen Küste ist der am weitesten von den Transportrouten entfernte Ort in den russisch besetzten Gebieten. Dass er als erster isoliert wird, erscheint naheliegend. Doch bestätigt ist der angebliche russische Abzug aus dem Gebiet nicht. 

Für die Kämpfe an der Front erwartet das exilrussische Analystenteam CIT vorerst keine größeren Folgen der Angriffe auf die Logistik. Denn erschwert sei vor allem die Versorgung der russischen Soldaten in der Region Saporischschja. Um den Schwerpunkt der Kämpfe in Donezk zu beeinflussen, müssten vor allem die dortigen frontnahen Straßen attackiert werden. Das geschehe zwar auch, stehe aber nicht in Verbindung zu den gezielten Attacken auf die Krim. 

Der Militärexperte Michael Kofman äußerte sich gegenüber Reuters ebenfalls eher zurückhaltend. Die ukrainischen Fortschritte im Drohnenkrieg hätten die Isolation der Krim machbar gemacht – sofern die Attacken lange genug anhalten. Doch um die russischen Truppen zurückzudrängen, sei immer noch eine Bodenoffensive nötig. Die Hoffnung darauf wiederum wird auch von ukrainischen Militärbloggern gedämpft: Bodenangriffe durch die von kleinen Drohnen an jedem Punkt überwachte Frontzone seien für ukrainische Truppen ebenso aussichtslos, wie für die russischen Angreifer, deren Vormarsch in den vergangenen Monaten nahezu komplett zum Erliegen kam.

Allerdings sind Offensiven für das ukrainische Ziel, den russischen Vormarsch dauerhaft aufzuhalten, auch nicht notwendig – jedenfalls nicht über kleinere Vorstöße im umkämpften Niemandsland hinaus, die den Ukrainern in den vergangenen Monaten mehrfach gelungen sind. Durch die Nachschubprobleme in neuer Qualität scheinen sie künftig wahrscheinlicher zu werden. Bis dahin dürften Browdis Drohnentruppen täglich versuchen, ein Signal nach Moskau zu senden: Beendet den Krieg, solange die 2022 eroberte Landverbindung auf die Krim noch nicht nutzlos geworden ist.

Die Krim durch Bodenoffensiven zu bedrohen, ist der Ukraine bei ihrer Gegenoffensive 2023 nicht gelungen. Aus der Luft jedoch schafft das ukrainische Militär aktuell eine Bedrohungslage, die ihren theoretischen Höhepunkt – eine Wiederaufnahme der Angriffe auf die Kertsch-Brücke nach Russland – noch nicht erreicht hat. Ob sie ihn je erreichen wird, hängt davon ab, ob es der Ukraine gelingt, ihr von Verzögerungen geplagtes Programm zum Bau eigener ballistischer Raketen entscheidend voranzutreiben. Die Hoffnung in Kyjiw dürfte sein, dass Putin es darauf nicht ankommen lassen will.



Das Zitat: Gute Reise

Mehrere AfD-Politiker haben vergangene Woche am St. Petersburger Wirtschaftsforum teilgenommen. Union und SPD zeigen sich besorgt: Abgeordnete beider Regierungsfraktionen fordern, den Schutz sensibler Informationen in Parlamentsausschüssen zu verbessern – um zu verhindern, dass Russland über AfD-Kontakte an sie gelangen könnte. 

Für Kritik sorgten auch Treffen von AfD-Abgeordneten mit engen Vertrauten Putins, etwa des außenpolitischen Sprechers der AfD, Markus Frohnmaier, mit dem Gazprom-Chef Alexej Miller. Auf einem Foto des Treffens ist zu sehen, wie Miller dabei einen Anstecker mit dem von russischen Kriegsbefürwortern benutzten Z-Symbol trägt – das in Deutschland nicht gezeigt werden darf, wenn der Kontext nahelegt, dass damit eine Unterstützung für den Krieg ausgedrückt wird.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte sein Missfallen über die Russlandreise der AfD-Politiker. Als während einer Regierungserklärung des Kanzlers in AfD-Reihen bei der Erwähnung des Krieges in der Ukraine Gelächter zu hören war, antwortete Merz: 


Die wichtigsten Meldungen: Munition, Autobombe, Raketenfabrik

Geschosse: Deutschland hat 300 Millionen Euro für die sogenannte tschechische Munitionsinitiative zugesagt – ein Programm, in dem Tschechien seit 2024 mit Geld anderer europäischer Länder Artilleriemunition für die Ukraine auf dem Weltmarkt beschafft. Laut Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) soll der neue deutsche Beitrag den Kauf von 50.000 Granaten mit hoher Reichweite finanzieren. Seit Start des Programms erhielt die Ukraine darüber bisher 3,3 Millionen Geschosse.

Luftangriff: Die Ukraine hat wiederholt eine russische Elektronikfabrik in der Stadt Tschebokssary, 1.000 Kilometer östlich der ukrainisch-russischen Grenze, angegriffen. Mehrere Videos bestätigen ukrainische Angaben, wonach der von der Ukraine entwickelte Flamingo-Marschflugkörper bei der Attacke eingesetzt wurde. Die Ukraine hat die Fabrik in der Vergangenheit bereits mehrfach attackiert. Sie begründet das damit, dass die dort produzierte Navigationssysteme in russischen Kampfdrohnen und Raketen verbaut werden.

Autobombe: In der Stadt Balaschicha bei Moskau ist am Dienstag ein mutmaßlicher hochrangiger Offizier bei der Explosion einer Autobombe getötet worden. Laut ukrainischen und russischen Berichten soll es sich bei dem Getöteten um Damir Dawydow handeln, den Leiter der für Artillerie und Raketen zuständigen Abteilung im russischen Verteidigungsministerium. Russische Behörden kommentierten die Berichte bislang mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht.

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